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Archive for 28. November 2018


Nicht einmal vier Stunden Interview können abbilden, was Wolfgang Morell alles in zwölf Tagen Kriegseinsatz und den darauf folgenden acht Jahren in Gefangenschaft erlebte. Aber die weite Anreise nach Erlangen hatte sich gestern für das Team des Staatlichen Senders Rossija gelohnt, derzeit unterwegs zwischen Italien, Deutschland und dem Baltikum, um eine Dokumentation über Kriegsveteranen zu drehen, die zum 9. Mai nächsten Jahres ausgestrahlt werden soll. Denn Wolfgang Morell erzählte, ohne sich zu schonen und ohne zu beschönigen – teils in seinem noch immer beeindruckenden Russisch und mit einem Alexander-Puschkin-Zitat im Original geschmückt – mit vielen Exkursen in die eigene Familiengeschichte oder die historischen Zusammenhänge, warum er sich damals nach der Einberufung nur wenige Wochen nach Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ und der Ausbildung zum Funker am 11. Dezember 1941, am Tag der Kriegserklärung an die USA, freiwillig an die Ostfront meldete, nur um später nicht einmal als Etappenhengst zu gelten, ohne groß nachzudenken, welche Dimensionen der auf Vernichtung angelegte Feldzug bereits angenommen hatte. Wie er – da versagt ihm die Stimme – Wolokolamsk habe brennen sehen und selbst, mit seiner Einheit schon im Rückzug begriffen, auf einen sowjetischen Panzersoldaten angelegt habe, der regelrecht vor den deutschen Stellungen defiliert sei, bis der Vorgesetzte den verhinderten Schützen angeherrscht habe, nur ja nicht auf den Russen zu schießen, weil sonst die ganze Feuerwalze über den Wehrmachtstrupp hereinbreche. Ob er sonst abgedrückt hätte? Er weiß es nicht. Wohl schon.

Marina Romanowa im Interview mit Wolfgang Morell

Was denn in diesen zwölf Tagen das Schrecklichste gewesen sei, will die Journalistin, Marina Romanowa, von dem 96jährigen in Breslau geborenen Erlanger wissen. „Das war ein einziger Höhepunkt des Grauens, etwas hervorzuheben… sinnlos. Ein Tag furchtbarer als der andere.“ Dabei blieben ihm die schlimmsten Dinge wie Massaker erspart, und auch die befohlene „verbrannte Erde“ beim Rückzug brauchte er selbst nicht über die Zivilbevölkerung bringen. Der gemeine Soldat war oft sogar einfach nur eingesetzt, um die Wege bei Temperaturen um die vierzig Grad vom Schnee zu befreien, damit der Rückzug vor Moskau, die erste Warnung an die „Feldherren“ in Berlin, schneller vonstattengehen konnte.

Wolfgang Morell im Fokus

Dann seine Gefangennahme, hier im Blog schon mehrfach geschildert, und doch immer wieder erschütternd: Verhetzt von der Nazipropaganda, wollte er sich lieber selbst richten, als in Gefangenschaft zu geraten. Gottlob versagte der Karabiner bei der Kälte, und die Feindbegegnung – mit erfrorenem Bein und einem unerklärlichen Keim im Leib – erwies sich als zutiefst human, ganz anders, wie er später begriff, als es einem sowjetischen Soldaten in deutscher Hand ergangen wäre. Man gab ihm – vor allem im Miltärhospital von Wladimir – Zeit, sich auszukurieren, bevor er über Ischewsk im Ural und Talizy, wieder unweit von Wladimir, wo Wolfgang Morell die Seiten wechselte und sich, des Russischen schon mächtig, zum Politlehrer der Antifa ausbilden ließ, um später in Gorkij eingesetzt zu werden, wo er sich in Schanna Woronzowa vom dortigen Kulturhaus verliebte, die er bei seiner letzten Rußlandreise wiedersah, bevor er im Sommer 1949 in die Heimat entlassen wurde, die damals bereits so nicht mehr existierte, da Polen zugeschlagen.

Wolfgang Morells Photoalbum

Was denn das russische Volk auszeichne, fragt die Korrespondentin: Vielleicht eine Ursprünglichkeit, die uns verloren gegegangen ist, meint der Veteran, eine Nähe zum Leben und eine große Hilfsbereitschaft, die ich immer wieder erlebte. Jedenfalls nie – anders als bei den Nationalsozialisten – die von oben befohlene Vernichtung der Gefangenen. Was Willkür nicht ausschließt. Etwa wenn ein 1946 in der DDR aufgegriffener Junge ins Lager kam, nur um die Kennziffer zu erfüllen, und, bei einem Fluchtversuch verwundet und als mutmaßlich tot zur Abschreckung öffentlich ausgelegt, tatsächlich erschossen wird, als er wieder zu sich kommt und erneut zu fliehen versucht. Immerhin, so Wolfgang Morell, die Deutschen stellten sich ihrer grausamen Geschichte, hätten aus ihr gelernt, vielleicht mehr als andere Völker. Eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, die er auch den Russen nahelegt, um den Krieg zu besiegen und den Frieden zu bewahren. Eine Mahnung, die ihm, der etwa ein Drittel seiner Zeit immer noch den „russischen Fragen“ widmet, angesichts der jüngsten Ereignisse im Konflikt um die Ukraine besonders dringlich erscheint, auch mit Blick auf Deutschland, wo ihm vor allem die Jugendorganisation der AfD Sorgen bereitet. Wenn die entscheidenden Leute nur auf diese letzten Stimmen von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs hören wollten…

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