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Archive for 13. November 2018


In einer seiner frühen Erzählungen, „Die stählerne Kehle“, schildert Michail Bulgakow, im Brotberuf Arzt, was einem jungen Mediziner so durch den Kopf gehen kann:
Und so war ich also auf mich allein gestellt. Um mich das Novemberdunkel mit kreiselndem Schnee, das Haus zugeweht, das Heulen des Winds im Kamin. All die 24 Jahre meines Lebens hatte ich in einer riesigen Stadt verbracht und immer geglaubt, Schneestürme heulten nur in Romanen. Nun stellte sich heraus, daß sie tatsächlich heulen. Die Abende sind hier ungewöhnlich lang, die Lampe spiegelte sich unter ihrem blauen Schirm im schwarzen Fenster, und ich kam ins Träumen, als ich so auf den Fleck blickte, der linker Hand von mir leuchtete. Ich träumte von der Kreisstadt, vierzig Werst von mir entfernt. Wie gern wäre ich von hier dorthin entflohen. Dort gab es Strom, vier Ärzte, mit ihnen könnte man sich beraten, jedenfalls wäre es nicht so schrecklich. Aber von hier wegzukommen, war undenkbar, und bisweilen begriff ich auch selbst, daß eine solche Flucht kleinmütig wäre. Schließlich hatte ich ja genau deswegen an der medizinischen Fakultät studiert… „Aber wenn sie jetzt eine Frau mit einer schweren Geburt bringen? Oder, nehmen wir an, jemanden mit einer eingeklemmten Hernie? Was mache ich da bloß? Lassen Sie es mich doch bitte wissen! Vor 48 Tagen habe ich die Fakultät abgeschlossen – mit Auszeichnung, aber eine Auszeichnung ist das eine, ein Bruch etwas anderes. Einmal schaute ich zu, wie ein Professor eine solche eingeklemmte Hernie operierte. Ich saß im Amphitheater. Und nun rann mir beim Gedanken an den Bruch der kalte Schweiß in Strömen das Rückgrat hinunter. Abend für Abend saß ich in der gleichen Pose und goß mir Tee nach: Links von mir lagen alle Handbücher zur operativen Geburtshilfe auf dem Tisch, oben auf der Kleine Döderlein, rechts zehn verschiedene Bände zur operativen Chirurgie mit Zeichnungen. Ich räusperte mich, steckte eine Zigarette an, trank von meinem kalten schwarzen Tee…

Jürgen Zeus, Susanne Lender-Cassens, Natalia Denissowa, Olga Jaschina und Werner Hohenberger

Ganz so dramatisch würden ihren Seelenzustand die Gynäkologin Natalia Denissowa und die Neurologin Olga Jaschina sicher nicht beschreiben, aber die zweiwöchige Hospitation an den Universitätskliniken – wieder dankenswerterweise vermittelt und finanziert vom Serviceklub Rotary – hat schon auch etwas von einem Praxisschock gegenüber dem, was sie aus dem Krankenhausalltag in Wladimir – gleich ob in der Abteilung für Schlaganfälle oder im Kreißsaal – kennen, zumal sie sich ohne Dolmetscherbetreuung auf Englisch verständigen müssen. Eine nützliche und wichtige Erfahrung bekunden die Gäste vom Regionalkrankenhaus der Partnerstadt freilich beim gestrigen Empfang im Rathaus gegenüber Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, selbst im Brotberuf Krankenschwester, und den beiden Kollegen, dem emeritierten Chirurgen von Weltruf, Werner Hohenberger, und Jürgen Zeus, Internist i.R. und Stadtrat. Und eine Erfahrung, die man gern auch dem Pflegepersonal ermöglichen möchte. Also wieder ein Ergebnis des Austausches, das ausstrahlt auf andere Bereiche. Eben bereichernd.
P.S.: Die „Arztgeschichten“ von Michail Bulgakow sind 2009 in der Sammlung Luchterhand auf Deutsch erschienen. Bei obiger Übersetzung handelt es sich um eine Ad-hoc-Übertragung.

 

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