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Archive for November 2018


Das war schon eine Leistung gestern vom Kammerchor Wladimir: um ein Uhr in der Nacht Abfahrt mit dem Bus, Ankunft am frühen Morgen in Moskau bei minus 15 Grad und Landung gegen 13 Uhr in Nürnberg, Verteilung auf die Gastfamilien in Erlangen und Umgebung, ein wenig Ruhe – und dann, buchstäblich aus dem Stand, das Auftaktkonzert der Tournee mit vier Konzerten in fünf Tagen. Респект – Respekt, wie man es in solchen Fällen gern auch im Russischen sagt.

Siegfried Brückner

Wenn jemandem besonderer Dank für die Gastspielreise gebührt, dann Siegfried Brückner. Der ehemalige Leiter der Sing- und Musikschule Erlangen und des Chorkreises St. Sebald organisierte nicht nur die private Unterbringung der 25 Gäste, er knüpfte auch all die vielen Fäden zu den Auftrittsorten – gestern zu St. Laurentius in Hetzles, morgen zu St. Bartholomäus in Kirchehrenbach und am Sonntag zu Herz Jesu in Erlangen – und stellte vor allem die Kontakte zu den Ensembles her, mit denen der Kammerchor Wladimir am Wochenende auftreten wird: zum Chorkreis St. Sebald sowie zum Kirchenchor und Kammerorchester von Herz Jesu.

Tatjana Grin

Wie erfolgreich die Netzwerkarbeit des Musikers – selbst Organist und Sänger – wirkt, zeigte sich gestern in der gut gefüllten Kirche von Hetzles, wo sich Tatjana Grin und ihr Chor wahre Beifallsstürme ersangen. Verdient!

Hetzles 13

Mit nur kleinen Verschnaufpausen während der kurzen Orgelimprovisationen führte die Dirigentin mit anmutigem Gestus ihr wohlpräpariertes Ensemble durch die geistlichen Meisterwerke der russischen Musikgeschichte von den Klassikern wie Sergej Rachmaninow oder Dmitrij Bortnjanskij bis zu zeitgenössischen Komponisten wie Jurij Falik oder Georgij Swiridow. Stets ein wenig zurückgenommen, verhalten, ohne die ganze Vokalkraft einzusetzen, um auch im wuchtigsten Forte und dessen Steigerungen im Tutti nicht die filigrane Eleganz der Stimmen in purer Lautstärke zu ersticken.

Kammerchor Wladimir, gesehen von Georg Kaczmarek

„Im Publikum saßen auch einige Sänger“, meinte Siegfried Brückner nach dem Konzert, „und die sind ganz schön neidisch.“ Kein Wunder bei einem Chor mit einem halben Dutzend Solisten, kein Wunder bei einem Ensemble, das so geschlossen auftritt und sich von den Zuhörern nach „Stille Nacht“ als Zugabe noch mit russischen Weihnachtsliedern und einem „Hoch sollt Ihr leben!“ verabschiedet.

Siehe auch hier: https://is.gd/Dlyc6c

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Wenn man heute in Wladimir Eduard Sirin zu Grabe trägt, verabschiedet man sich von einem Mann, der zusammen mit seiner Mutter Walentina Anfang der 90er Jahre die katholische Gemeinde zu neuem Leben erweckte. Mit einer kleinen Spende aus Erlangen startete er eine Anzeigenkampagne, auf die hin sich die notwendigen 50 Interessenten meldeten, um eine Pfarrei zu gründen. Doch das war erst der Anfang eines langen Kampfes um die Anerkennung der Gemeinde als solches und vor allem um die Rückgabe des ihr vor der sowjetischen Enteignung gehörenden Grundstücks mit den seinerzeit vom Landesmuseum genutzten Gebäuden, sprich der Kirche und des Pfarrhauses.

Eduard Sirin, links im Bild, bei der Pilgerreise der Rosenkranzgemeinde nach Bamberg und Erlangen im Jahr 2000

Beharrlich arbeitete sich der mütterlicherseits polnischstämmige Eduard Sirin mit Unterstützung aus Erlangen durch alle Instanzen und schaffte es endlich sogar, mit dem Italiener, Stefano Caprio, den ersten Geistlichen nach Jahrzehnten für die Rosenkranzgemeinde zu finden. In den letzten Jahren hatte sich – auch krankheitsbedingt – der Wiederbegründer des katholischen Lebens in Wladimir zurückgezogen. Nun starb er mit nur 62 Jahren. Sein Werk hingegen lebt fort. R.I.P.

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Nicht einmal vier Stunden Interview können abbilden, was Wolfgang Morell alles in zwölf Tagen Kriegseinsatz und den darauf folgenden acht Jahren in Gefangenschaft erlebte. Aber die weite Anreise nach Erlangen hatte sich gestern für das Team des Staatlichen Senders Rossija gelohnt, derzeit unterwegs zwischen Italien, Deutschland und dem Baltikum, um eine Dokumentation über Kriegsveteranen zu drehen, die zum 9. Mai nächsten Jahres ausgestrahlt werden soll. Denn Wolfgang Morell erzählte, ohne sich zu schonen und ohne zu beschönigen – teils in seinem noch immer beeindruckenden Russisch und mit einem Alexander-Puschkin-Zitat im Original geschmückt – mit vielen Exkursen in die eigene Familiengeschichte oder die historischen Zusammenhänge, warum er sich damals nach der Einberufung nur wenige Wochen nach Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ und der Ausbildung zum Funker am 11. Dezember 1941, am Tag der Kriegserklärung an die USA, freiwillig an die Ostfront meldete, nur um später nicht einmal als Etappenhengst zu gelten, ohne groß nachzudenken, welche Dimensionen der auf Vernichtung angelegte Feldzug bereits angenommen hatte. Wie er – da versagt ihm die Stimme – Wolokolamsk habe brennen sehen und selbst, mit seiner Einheit schon im Rückzug begriffen, auf einen sowjetischen Panzersoldaten angelegt habe, der regelrecht vor den deutschen Stellungen defiliert sei, bis der Vorgesetzte den verhinderten Schützen angeherrscht habe, nur ja nicht auf den Russen zu schießen, weil sonst die ganze Feuerwalze über den Wehrmachtstrupp hereinbreche. Ob er sonst abgedrückt hätte? Er weiß es nicht. Wohl schon.

Marina Romanowa im Interview mit Wolfgang Morell

Was denn in diesen zwölf Tagen das Schrecklichste gewesen sei, will die Journalistin, Marina Romanowa, von dem 96jährigen in Breslau geborenen Erlanger wissen. „Das war ein einziger Höhepunkt des Grauens, etwas hervorzuheben… sinnlos. Ein Tag furchtbarer als der andere.“ Dabei blieben ihm die schlimmsten Dinge wie Massaker erspart, und auch die befohlene „verbrannte Erde“ beim Rückzug brauchte er selbst nicht über die Zivilbevölkerung bringen. Der gemeine Soldat war oft sogar einfach nur eingesetzt, um die Wege bei Temperaturen um die vierzig Grad vom Schnee zu befreien, damit der Rückzug vor Moskau, die erste Warnung an die „Feldherren“ in Berlin, schneller vonstattengehen konnte.

Wolfgang Morell im Fokus

Dann seine Gefangennahme, hier im Blog schon mehrfach geschildert, und doch immer wieder erschütternd: Verhetzt von der Nazipropaganda, wollte er sich lieber selbst richten, als in Gefangenschaft zu geraten. Gottlob versagte der Karabiner bei der Kälte, und die Feindbegegnung – mit erfrorenem Bein und einem unerklärlichen Keim im Leib – erwies sich als zutiefst human, ganz anders, wie er später begriff, als es einem sowjetischen Soldaten in deutscher Hand ergangen wäre. Man gab ihm – vor allem im Miltärhospital von Wladimir – Zeit, sich auszukurieren, bevor er über Ischewsk im Ural und Talizy, wieder unweit von Wladimir, wo Wolfgang Morell die Seiten wechselte und sich, des Russischen schon mächtig, zum Politlehrer der Antifa ausbilden ließ, um später in Gorkij eingesetzt zu werden, wo er sich in Schanna Woronzowa vom dortigen Kulturhaus verliebte, die er bei seiner letzten Rußlandreise wiedersah, bevor er im Sommer 1949 in die Heimat entlassen wurde, die damals bereits so nicht mehr existierte, da Polen zugeschlagen.

Wolfgang Morells Photoalbum

Was denn das russische Volk auszeichne, fragt die Korrespondentin: Vielleicht eine Ursprünglichkeit, die uns verloren gegegangen ist, meint der Veteran, eine Nähe zum Leben und eine große Hilfsbereitschaft, die ich immer wieder erlebte. Jedenfalls nie – anders als bei den Nationalsozialisten – die von oben befohlene Vernichtung der Gefangenen. Was Willkür nicht ausschließt. Etwa wenn ein 1946 in der DDR aufgegriffener Junge ins Lager kam, nur um die Kennziffer zu erfüllen, und, bei einem Fluchtversuch verwundet und als mutmaßlich tot zur Abschreckung öffentlich ausgelegt, tatsächlich erschossen wird, als er wieder zu sich kommt und erneut zu fliehen versucht. Immerhin, so Wolfgang Morell, die Deutschen stellten sich ihrer grausamen Geschichte, hätten aus ihr gelernt, vielleicht mehr als andere Völker. Eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, die er auch den Russen nahelegt, um den Krieg zu besiegen und den Frieden zu bewahren. Eine Mahnung, die ihm, der etwa ein Drittel seiner Zeit immer noch den „russischen Fragen“ widmet, angesichts der jüngsten Ereignisse im Konflikt um die Ukraine besonders dringlich erscheint, auch mit Blick auf Deutschland, wo ihm vor allem die Jugendorganisation der AfD Sorgen bereitet. Wenn die entscheidenden Leute nur auf diese letzten Stimmen von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs hören wollten…

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Noch einmal zur Erinnerung:

Im Februar 1992 wurde das „Zentrum für Chormusik der Wladimir-Susdaler Rus“ in der Partnerstadt gegründet. Doch schon 1974 hatte Eduard Markin als Leitstern dieser Einrichtung den Kammerchor ins Leben gerufen, den heute Tatjana Grin leitet. Als musikalischer Botschafter der damals noch ganz jungen Städtepartnerschaft kam das Ensemble erstmals 1985 nach Erlangen und begeisterte das Publikum mit seiner so disziplinierten Stimmgewalt. Es folgten viele weitere Gastspiele in Franken und bald schon weit darüber hinaus.

Kaum ein großes Festival für Chormusik, das nicht eine Bühne für die Gruppe aus Wladimir geboten, und kaum eine Auszeichnung, die sich das Ensemble nicht ersungen hätte. Sogar bei Staatsbesuchen des Präsidenten wirkten die Künstler mit, und kaum ein Gast der Stadt, der nicht auch einen Auftritt des gemischten Chors besuchte. Nun kommt er nach längerer Pause – und unter neuer Leitung – zum Adventsauftakt und zum Ausklang des 35jährigen Partnerschaftsjubiläums wieder nach Erlangen. Und das gleich mit vier Konzerten: am Donnerstag, den 29. November, mit einem Programm aus hauptsächlich russischer geistlicher Musik mit einem Zwischenspiel an der Orgel mit Norbert Kreiner und am Samstag, den 1. Dezember, sowie am Sonntag, den 2. Dezember, dann mit der Cäcilienmesse von Charles Gounod – im Zusammenwirken mit dem Kirchenchor und Kammerorchester Herz Jesu sowie dem Chorkreis St. Sebald.

Gastgeber des Ensembles aus Wladimir ist der Chorkreis St. Sebald, der bereits auf eine dreißigjährige künstlerische Verbindung zur Partnerstadt zurückblickt und 2005 selbst ein Gastspiel bei den russischen Freunden gab.

Wer keine Zeit findet, eines dieser drei Konzerte zu besuchen, erhält am Montag, den 3. Dezember, um 19.00 Uhr eine vierte, dann aber auch letzte Chance mit dem Auftritt des Kammerchors im Wohnstift Rathsberg, hier wieder mit einem eigenen Programm mit geistlichen und weltlichen Werken aus der russischen und westeuropäischen Klassik.

Tatjana Grin und ihr Kammerchor

Der bevorstehende Besuch dürfte übrigens nicht nur alle Musikbegeisterten freuen, er beweist auch wieder einmal, wie eng die Partnerstädte im kulturellen Bereich zusammenarbeiten, wie sehr man sich in künstlerischen Dingen vertraut. Die Cäcilienmesse proben die Erlanger und Wladimirer – entfernungsbedingt – nämlich getrennt ein, und nach nur einer gemeinsamen Probe muß der Ton stimmen. Wie das klingen und schwingen wird, bekommen wir ja nun bald zu hören.

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In der Nacht fiel Schnee. Dunkel wurde es draußen und schön. Wenn nur auch die Seele ein Dach gefunden und zur Ruhe gekommen wäre. Diese peinliche Fassungslosigkeit des Alters, voll der Wehmut, zeigt sich in allem: Müdigkeit, Vergeßlichkeit, Hilflosigkeit kommen unmerklich immer näher und umzingeln dich. Da bleibt nur, sich selbst zu befehlen: Rücken gerade halten, Mut fassen, lächeln und laut auflachen bei der Frage des Enkels: „Oma, was hast du denn eigentlich vor unserer Zeitrechnung gemacht?“ – Denn nur in der Kindheit wissen wir nichts von der Zeit und glauben, wir waren und werden immer sein…

Zeilen von Tatjana Oserowa und ein Bild von Roman Jewstifejew, auf Facebook gestern gefunden und heute Ihnen mit auf den Weg gegeben als Einblick in das, was wir oft die „russische Seele“ nennen.

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Zunächst war man zu glauben versucht, da hätte sich jemand vom Lied der Prinzen „Alles geklaut“ inspirieren lassen, aber dann erwies es sich doch – schlimm genug –  nur als ein Akt des Vandalismus. Unbekannte hatten sich im Schutz der Dunkelheit an dem wohl umstrittensten Wahrzeichen Wladimirs vergriffen, am Sperrholz-Herz mit dem Liebesschwur auf dem Kathedralenplatz.

Durchblick ohne Herz zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Nun liegt das Herz auf der Intensivstation einer Werkstatt und soll bis Ende des Monats wieder in die entstandene Lücke eingesetzt werden.

Der Kathedralenplatz ohne Herz, dafür mit Schneeresten

Zur Ruhe wird das Herz aber nicht kommen. Es gibt nämlich nicht nur in der Bevölkerung Befürworter wie Gegner dieser Installation. Vielmehr stehen sich nun auch Stadtverwaltung und die Oberste Denkmalschutzbehörde gegenüber. Während die eine meint, der beherzte Schriftzug verkörpere die Heimatverbundenheit der Wladimirer, spricht die andere Seite von einer Störung des historischen öffentlichen Raums. Mehr noch, die Denkmalschützer fordern die völlig Entfernung des Konstrukts bis zum 30. November. Andernfalls werde man den Rechtsweg einschlagen.

Wie auch immer die Operation am offenen Herzen ausgehen mag, die Wladimirer werden ihre Stadt sicher auch weiter lieben. Und für Erlangen bleibt Wladimir so oder so eine Stadt, an die sie ihr Herz verloren haben.

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Man hat schon Erfahrung damit, und treue Leser des Blog erinnern sich bestimmt auch daran, wie man in Wladimir nach deutschen Rezepten kocht und backt. Nun gibt es eine Neuauflage des kulinarischen Wettbewerbs unter dem nach lukullischer Satisfaktion verlangenden Motto „Backduell“. Noch bis zum 14. Dezember nimmt das Erlangen-Haus Videoclips von Wladimirer Schulen an, die von der Jury unter Vorsitz der Kulturweit-Freiwilligen, Chantal Stannik, bewertet und prämiert werden. Am 28. Dezember dann die Bekanntgabe der besten Arbeiten. Eine Bedingung übrigens: Die Zubereitung ist in deutscher Sprache zu kommentieren. Wie auch sonst am Sprachlernzentrum Erlangen-Haus!

Chantal Stannik, links im Bild

Außer Konkurrenz könnte ja vielleicht auch der eine oder andere Film aus Erlangen nach Wladimir gehen. Ein solcher kulinarischer Gruß käme in der Partnerstadt bestimmt gut an. Versuchen Sie es doch einfach mal und schicken Sie Ihre Produktion vertrauensvoll an die Gastroredaktion des Blogs via Kommentarspalte oder direkt an das Erlangen-Haus unter vladimir@erlangen.ru

Hier zwei Anregungen zum Thema: https://is.gd/o2NJ4k und https://is.gd/Ytajgk

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