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Archive for 31. Oktober 2018


Vorab: Vom ersten Augenblick der Landung in Moskau an flutschte es. Aber davor wurde eine vermeintlich einfache, samstägliche Reise nach Wladimir zu einem Drei-Tages-Trip. Immerhin mit einem erklecklichen Ergebnis auf der Habenseite, auch wenn im Soll zwei versäumte Tage Russisch Intensivkurs von Natalia standen.

Tag 1: Samstag, 27. November, erster Ferientag. Mein Ziel: Sprachkurs im Erlangen-Haus nach Anreise mit SWISS über Zürich nach Moskau. Mit Bedacht hatte ich rechtzeitig gebucht und fuhr auch mit reichlich Zeit zum Nürnberger Flughafen, denn mir war klar, es würde so mancher nach Mallorca, nach Kreta oder eben über Zürich sonstwohin in die Welt unterwegs sein. Leider kamen die Ferien für Swiss offensichtlich völlig überraschend.

Als man mir am Schalter sagte: Ihren Sitz erfahren Sie beim Boarding, dachte ich mir noch nichts. Mit einem Kaffee versorgt, begann ich, was ich seit Wochen tun wollte, nämlich russische Verben zu konjugieren. Ich war gerade so richtig mittendrin: я отдыхаю, ты отдыхаешь… und hatte die vage Hoffnung, Natalia doch nicht ganz zu enttäuschen, als ich am Gate Unruhe wahrnahm. Drei Passagiere waren offensichtlich ziemlich in Rage. Mir fiel ein, noch keinen Sitzplatz zu haben und gesellte mich zu den Aufgebrachten. Der Grund des Ärgers wurde schnell klar: Die Maschine war überbucht und alle, die in den Urlaub fliegen wollten, waren tatsächlich gekommen, um in den Urlaub zu fliegen.

Die Dame vom Bodenpersonal versuchte sich mit „Wir dürfen 10% überbuchen, und eigentlich kommen immer einige Geschäftsleute nicht“, herauszureden, aber das generierte auch keine Plätze. Ich wies darauf hin, man wisse in der Schweiz vielleicht nichts vom Beginn der Herbstferien in Bayern, weshalb am ersten Ferientag vielleicht auch weniger Geschäftsleute und dafür mehr Urlauber fliegen wollten – und überdies sei ja heute kein Arbeitstag, sondern Wochenende. Ich gebe zu, wenig hilfreich, aber ich war sauer, denn ich fand dieses Buchungsgehabe wenig professionell.

Überbuchte Flüge sind ja leider keine Seltenheit, und gewöhnlich gibt es immer Passagiere, die sich gegen mehrere Hundert Euro Entschädigung auf einen späteren Flug umbuchen lassen. Swiss aber versuchte das gar nicht erst: Alles ging an Bord, und am Ende war ein Grüppchen zurückgelassene Passagiere übrig, deren Gemütszustand von stoisch über sauer bis verzweifelt reichte. Der Verzweifelte bekam dann noch einen Jump-Seat zugewiesen, man merkte ihm die Erleichterung deutlich an. Der Rest, mich eingeschlossen, zog von dannen.

Das freundliche Angebot, doch über Frankfurt zu fliegen, konnte ich leider nicht annehmen, da nach Ankunft in Moskau auch der allerletzte “Lumpensammler“ nach Wladimir, der Cапcан, nicht mehr zu erreichen sein würde, und eine Nacht auf dem Kursker Bahnhof schien mir wenig attraktiv. Also nahm ich das Angebot von Swiss an, es am nächsten Tag nochmals zu versuchen.

Und so war ich, zur freudigen Überraschung meiner Familie, gegen Mittag wieder zu Hause. Ich hatte nun die Wahl, mich zu ärgern, oder Straße, Hof und Balkon vom Eichenlaub zu befreien, zwei Maschinen Wäsche zu waschen, eine ebensolche von vor einer Woche zu bügeln und Papierkram zu erledigen. Ich entschied mich für die zweite, deutlich produktivere Variante. Zufrieden ging’s zu Bett, am nächsten Morgen, da Sonntag war und der Busverkehr etwas ausgedünnt, gönnte ich mir ein Taxi zum Flughafen.

Tag 2: Und tatsächlich, dieses Mal war es deutlich ruhiger, und offensichtlich hatte jeder Passagier auf seiner Bordkarte auch einen Sitzplatz. Ich machte also weiter: он отдыхает, мы отдыхаем, вы от… Da überkam mich ein Déjà-vu-Gefühl, denn am Boarding-Schalter gab es wieder Unruhe. Wie am Vortag geübt, ging ich dazu und ja, tatsächlich, unser Flieger würde deutlich später starten. Vorsichtig erwähnte ich, mein Weiterflug sei relativ knapp (allerdings eine Verbindung, die von Wladimir-Reisenden häufig gebucht wird). Schon leicht genervt, sagte mir der Mitarbeiter, das werde wohl nicht mehr klappen, aber ich solle doch auf alle Fälle mit nach Zürich fliegen, da sei ich doch schon einen Schritt weiter.

Dem konnte man nicht widersprechen, und so stand ich kurze Zeit später in Zürich am Transfertisch, wo mir das zweite Déjà vu beschert wurde, nämlich das Angebot des gleichen Flugs über Frankfurt, den ich mit dem gleichen Argument ablehnte. Und so fuhr ich wenig später, ausgestattet mich einem Hotelgutschein, einem 24-Stundenticket für den ÖPNV, einem Gutschein für ein Abendessen über 20 € (in der Schweiz reicht das gerade für einen Toast Hawaii) in ein nahegelegenes Hotel, stellte mein Gepäck ab und fuhr in das mir bis dato unbekannte Zürich, wo ich zum Bürkli spazierte, Töffli sah, bei Sprüngli Kaffee trank, und abends zufrieden mit dem Gesehenen wieder im Hotel eintraf. Ich meinte, mich aber vage zu erinnern, Grund der Reise sei nicht Sightseeing in der Schweiz, sondern ein Sprachkurs in Wladimir gewesen. Und so nahm ich mir noch mal отдыхать vor.

Unter dem Strich zwei ertragreiche Tage, wenn auch anders als geplant. Ich war wirklich nicht unzufrieden, denn Zürich hat mir gut gefallen, aber der Sonntag hätte halt mein erster Tag Russischkurs sein sollen!

Tag 3: Nach einem ausgezeichneten Birchermüsli zum Flughafen, eingecheckt, Sitzplatz (!), und nur mit leichter, kaum erwähnenswerter Verspätung ging’s nach Moskau. Nach der Landung betrat ich russischen Boden, und dann passierte Folgendes: An der Grenzkontrolle stand niemand, außer Beamten, die auf uns warteten. Mein Gepäckband war das erste und nicht das hinterste. Direkt am Gepäckband befand sich ein Ticketautomat für den Aero-Express. Mein Koffer kam nicht als letzter, sondern ziemlich bald. Der Aero-Express brachte mich zur Ringlinie 5, der Metroautomat nahm meine Münzen, die U-Bahn fuhr gerade ein. Zwei Stationen kuschelig eng mit Moskauern auf dem Weg zum Feierabend. Am Kursker Bahnhof alles perfekt ausgeschildert zum Cтриж nach Wladimir. Mein Waggon 15 wartete gerade dort, wo ich vom Tunnel hochkam, und der Zug nach Wladimir fuhr auf die Minute ab.

Elisabeth Preuß auf der Loggia des Erlangen-Hauses

Und das Allerbeste: Knapp zwei Stunden später erwartete mich Irina Chasowa und fuhr mich ins Erlangen-Haus, unser gemütliches Zuhause in Wladimir. Und dann heißt es: Я люблю отдыхать вo Владимире. Ich freue mich auf die Urlaubstage in Wladimir!

 

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