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Archive for 18. Oktober 2018


Ihren zehntägigen Besuch in Erlangen, der heute zu Ende geht, verstand die Schülergruppe unter Leitung von Ludmila Mironowa als Friedensmission, als Reise in ein Land von Freunden, die einmal Feinde gewesen, und mit denen man ungeachtet aller politischer Unstimmigkeiten den vertrauensvollen Austausch fortsetzen und ausbauen möchte. Mehr als nur hehre Worte und Absichten, wenn man sich das Programm der letzten Tage ansieht, etwa mit der Exkursion nach Berlin und der Besichtigung des Treptower Parks, wo wie nur an wenigen Orten bedrückend eindrucksvoll zu erleben ist, wozu Krieg führt.

Die Gruppe im Treptower Park

Hierzu gehört der gestrige Abstecher ins Emmy-Noether-Gymnasium mit der Beauftragten für den Wladimir-Austausch, Michaela Spörl, und die gemeinsame Gestaltung der Partnerschaftsvitrine mit den Erlanger Gymnasiasten oder der gruppenweise Besuch des Unterrichts, zumal hier auch das Wahlfach Russisch auf dem Stundenplan steht.

Die Gruppe im Emmy-Noether-Gymnasium mit Michaela Spörl, 1. v.l., 2. Reihe

Besonders aber der Abschiedsabend bringt dieses Friedensmotto überzeugend zum Ausdruck. Mit Blumen und Bewirtung für die überraschten Gastgeber, mit Dank an sie alle und mit Lob für die gute Organisation des Programms.

Die Gruppe mit den Gastgebern im Club International

Vor allem freilich mit dem Vortrag von Alexej Aljochin, heute Student der Wirtschaftswissenschaften in Moskau, der als Schüler von Ludmila Mironowa ehemalige deutsche Kriegsgefangene und deren Angehörige auf deren Spurensuche nach den letzten noch auffindbaren Zeugnissen der deutsch-russischen Vergangenheit aus Kriegs- und Nachkriegszeiten begleitet. Von diesem Erfahrungsschatz, der spürbar auf seine menschliche Entwicklung einwirkte, berichtet der in klarem Deutsch vortragenden Referent am Beispiel von Herbert Mainka, der den Lebensweg seines Vaters in Gefangenschaft nachzeichnen will. Vieles davon ist hier im Blog nachzulesen. Aber diese Episoden einer deutsch-russischen Annäherungen sind, vermittelt von einem Nachgeborenen, dann doch von ganz anderer Qualität.

Ludmila Mironowa und Alexej Aljochin

Dazu sollte man eines wissen: Alexej Aljochin hat sich eigens für diesen Vortrag von den Vorlesungen und Seminaren in Moskau befreien lassen und stieß erst vor vier Tagen zu der Gruppe. Allein dies Beweis genug dafür, wie sehr ihm seine Mission mittlerweile zur Herzensangelegenheit geworden sein muß.

Im Vortragssaal

Und dann die Begegnung mit Wolfgang Morell, Jahrgang 1922 mit dem jungen Mann in dem Alter, als der Rekrut 1941 eingezogen wurde und an die Ostfront kam, wo er schließlich auf dem Rückzug von Moskau in Gefangenschaft geriet. Lebend nur, weil sein Karbiner in der Januarkälte von 1942 bei -42° C versagte, mit dem er sich hatte erschießen wollen, um den sichergeglaubten Folterungen mit anschließender Hinrichtung zu entgehen. Und am Leben blieb er nur, weil der Wehrmachtssoldat via Moskau, dort auf den Tod erkrankt, im Militärhospital von Wladimir gesundgepflegt wurde.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Zusammen mit 17 weiteren Kameraden, von denen einer dann Wolfgang Morell unbeabsichtigt wiederum das Leben rettete, weil er es mit den Worten „Du schaffst es eh nicht mehr nach Hause, du bist doch bald tot“ auf das Brot des Zimmergenossen abgesehen hatte, der dieses unter dem Bettkissen hortete, während er sich wegen Dysenterie nur noch von Flüssigem ernährte. Erst dieses Verdikt des Landsmanns brachte den aus Breslau stammenden Wahlerlanger zur Besinnung und ließ ihn zum Brot greifen. Und dann all die anderen Stationen, die Wolfgang Morell auf seinem siebenjährigen Marsch durch sowjetische Lager hinter sich brachte, immer mit der jeweils bestmöglichen medizinischen Versorgung. Nicht von ungefähr schätzt er sich denn auch glücklich, als Wehrmachtssoldat in russische und nicht als Rotarmist in deutsche Gefangenschaft geraten zu sein. Er weiß, wovon er redet. Der eigene Vater beaufsichtigte – bis er es nicht mehr ertrug – ein Lager für Gefangene der Sowjetarmee: „Schrecklich, unbeschreiblich, was wir diesen Menschen angetan haben!“ Ihm stockt die Stimme. Der Wehrpflichtige hatte diese Apokalypse mit eigenen Augen gesehen. Wie sollte er da hoffen dürfen, die Kommunisten würden mit den Faschisten anders verfahren. Und doch war es dann so.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Nur Episoden können an einem solchen Abend wiedergegeben werden. Aber zwischen den beiden Referenten ist da etwas Tiefes gewachsen, das sich in Worten nicht mitteilt. Ob sie in Kontakt bleiben, wissen wir nicht, aber es bleibt dieses gegenseitige Verstehen im Blick beider Vertreter dieser so unterschiedlichen Generationen – und die Gewißheit, nicht nur diese zwei, sondern alle Anwesenden vergessen die Botschaft dieses Abends nie, gerade auch am Ende eines Tages, an dem leider all der Opfer von Kertsch zu gedenken ist.

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