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Archive for Oktober 2018


Vorab: Vom ersten Augenblick der Landung in Moskau an flutschte es. Aber davor wurde eine vermeintlich einfache, samstägliche Reise nach Wladimir zu einem Drei-Tages-Trip. Immerhin mit einem erklecklichen Ergebnis auf der Habenseite, auch wenn im Soll zwei versäumte Tage Russisch Intensivkurs von Natalia standen.

Tag 1: Samstag, 27. November, erster Ferientag. Mein Ziel: Sprachkurs im Erlangen-Haus nach Anreise mit SWISS über Zürich nach Moskau. Mit Bedacht hatte ich rechtzeitig gebucht und fuhr auch mit reichlich Zeit zum Nürnberger Flughafen, denn mir war klar, es würde so mancher nach Mallorca, nach Kreta oder eben über Zürich sonstwohin in die Welt unterwegs sein. Leider kamen die Ferien für Swiss offensichtlich völlig überraschend.

Als man mir am Schalter sagte: Ihren Sitz erfahren Sie beim Boarding, dachte ich mir noch nichts. Mit einem Kaffee versorgt, begann ich, was ich seit Wochen tun wollte, nämlich russische Verben zu konjugieren. Ich war gerade so richtig mittendrin: я отдыхаю, ты отдыхаешь… und hatte die vage Hoffnung, Natalia doch nicht ganz zu enttäuschen, als ich am Gate Unruhe wahrnahm. Drei Passagiere waren offensichtlich ziemlich in Rage. Mir fiel ein, noch keinen Sitzplatz zu haben und gesellte mich zu den Aufgebrachten. Der Grund des Ärgers wurde schnell klar: Die Maschine war überbucht und alle, die in den Urlaub fliegen wollten, waren tatsächlich gekommen, um in den Urlaub zu fliegen.

Die Dame vom Bodenpersonal versuchte sich mit „Wir dürfen 10% überbuchen, und eigentlich kommen immer einige Geschäftsleute nicht“, herauszureden, aber das generierte auch keine Plätze. Ich wies darauf hin, man wisse in der Schweiz vielleicht nichts vom Beginn der Herbstferien in Bayern, weshalb am ersten Ferientag vielleicht auch weniger Geschäftsleute und dafür mehr Urlauber fliegen wollten – und überdies sei ja heute kein Arbeitstag, sondern Wochenende. Ich gebe zu, wenig hilfreich, aber ich war sauer, denn ich fand dieses Buchungsgehabe wenig professionell.

Überbuchte Flüge sind ja leider keine Seltenheit, und gewöhnlich gibt es immer Passagiere, die sich gegen mehrere Hundert Euro Entschädigung auf einen späteren Flug umbuchen lassen. Swiss aber versuchte das gar nicht erst: Alles ging an Bord, und am Ende war ein Grüppchen zurückgelassene Passagiere übrig, deren Gemütszustand von stoisch über sauer bis verzweifelt reichte. Der Verzweifelte bekam dann noch einen Jump-Seat zugewiesen, man merkte ihm die Erleichterung deutlich an. Der Rest, mich eingeschlossen, zog von dannen.

Das freundliche Angebot, doch über Frankfurt zu fliegen, konnte ich leider nicht annehmen, da nach Ankunft in Moskau auch der allerletzte “Lumpensammler“ nach Wladimir, der Cапcан, nicht mehr zu erreichen sein würde, und eine Nacht auf dem Kursker Bahnhof schien mir wenig attraktiv. Also nahm ich das Angebot von Swiss an, es am nächsten Tag nochmals zu versuchen.

Und so war ich, zur freudigen Überraschung meiner Familie, gegen Mittag wieder zu Hause. Ich hatte nun die Wahl, mich zu ärgern, oder Straße, Hof und Balkon vom Eichenlaub zu befreien, zwei Maschinen Wäsche zu waschen, eine ebensolche von vor einer Woche zu bügeln und Papierkram zu erledigen. Ich entschied mich für die zweite, deutlich produktivere Variante. Zufrieden ging’s zu Bett, am nächsten Morgen, da Sonntag war und der Busverkehr etwas ausgedünnt, gönnte ich mir ein Taxi zum Flughafen.

Tag 2: Und tatsächlich, dieses Mal war es deutlich ruhiger, und offensichtlich hatte jeder Passagier auf seiner Bordkarte auch einen Sitzplatz. Ich machte also weiter: он отдыхает, мы отдыхаем, вы от… Da überkam mich ein Déjà-vu-Gefühl, denn am Boarding-Schalter gab es wieder Unruhe. Wie am Vortag geübt, ging ich dazu und ja, tatsächlich, unser Flieger würde deutlich später starten. Vorsichtig erwähnte ich, mein Weiterflug sei relativ knapp (allerdings eine Verbindung, die von Wladimir-Reisenden häufig gebucht wird). Schon leicht genervt, sagte mir der Mitarbeiter, das werde wohl nicht mehr klappen, aber ich solle doch auf alle Fälle mit nach Zürich fliegen, da sei ich doch schon einen Schritt weiter.

Dem konnte man nicht widersprechen, und so stand ich kurze Zeit später in Zürich am Transfertisch, wo mir das zweite Déjà vu beschert wurde, nämlich das Angebot des gleichen Flugs über Frankfurt, den ich mit dem gleichen Argument ablehnte. Und so fuhr ich wenig später, ausgestattet mich einem Hotelgutschein, einem 24-Stundenticket für den ÖPNV, einem Gutschein für ein Abendessen über 20 € (in der Schweiz reicht das gerade für einen Toast Hawaii) in ein nahegelegenes Hotel, stellte mein Gepäck ab und fuhr in das mir bis dato unbekannte Zürich, wo ich zum Bürkli spazierte, Töffli sah, bei Sprüngli Kaffee trank, und abends zufrieden mit dem Gesehenen wieder im Hotel eintraf. Ich meinte, mich aber vage zu erinnern, Grund der Reise sei nicht Sightseeing in der Schweiz, sondern ein Sprachkurs in Wladimir gewesen. Und so nahm ich mir noch mal отдыхать vor.

Unter dem Strich zwei ertragreiche Tage, wenn auch anders als geplant. Ich war wirklich nicht unzufrieden, denn Zürich hat mir gut gefallen, aber der Sonntag hätte halt mein erster Tag Russischkurs sein sollen!

Tag 3: Nach einem ausgezeichneten Birchermüsli zum Flughafen, eingecheckt, Sitzplatz (!), und nur mit leichter, kaum erwähnenswerter Verspätung ging’s nach Moskau. Nach der Landung betrat ich russischen Boden, und dann passierte Folgendes: An der Grenzkontrolle stand niemand, außer Beamten, die auf uns warteten. Mein Gepäckband war das erste und nicht das hinterste. Direkt am Gepäckband befand sich ein Ticketautomat für den Aero-Express. Mein Koffer kam nicht als letzter, sondern ziemlich bald. Der Aero-Express brachte mich zur Ringlinie 5, der Metroautomat nahm meine Münzen, die U-Bahn fuhr gerade ein. Zwei Stationen kuschelig eng mit Moskauern auf dem Weg zum Feierabend. Am Kursker Bahnhof alles perfekt ausgeschildert zum Cтриж nach Wladimir. Mein Waggon 15 wartete gerade dort, wo ich vom Tunnel hochkam, und der Zug nach Wladimir fuhr auf die Minute ab.

Elisabeth Preuß auf der Loggia des Erlangen-Hauses

Und das Allerbeste: Knapp zwei Stunden später erwartete mich Irina Chasowa und fuhr mich ins Erlangen-Haus, unser gemütliches Zuhause in Wladimir. Und dann heißt es: Я люблю отдыхать вo Владимире. Ich freue mich auf die Urlaubstage in Wladimir!

 

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Captain Hook kennt man auf der ganzen Welt als heißblütigen Erzfeind von Peter Pan, Pferdekenner – zumindest russische – verbinden mit dem Namen Hook aber einen Hengst kalten Geblüts aus einem Gestüt in Wladimir, der gerade eben, Mitte des Monats, bei der Messe „Goldener Herbst“ in Moskau seine große Klasse zeigte. In der Sparte „Tierzucht“ gewann der fünfzehnjährige Hengst der Wladimirer Rasse nämlich wieder einmal – Gold.

Hook in seinem heimischen Stall in Wladimir

Keine Überraschung für das Team, das Hook betreut, denn als bester Zuchthengst der noch vor wenigen Jahren vom Aussterben bedrohten Rasse zeige er ein beherrschtes Verhalten in allen Situationen, es sei denn, jemand komme ihm mit einer Zigarette zu nahe, denn auf Tabakrauch reagiere er abwehrend. Die Auszeichnung freut natürlich das Gestüt insgesamt, zumal auch andere Pferde bereits Siegertrophäen in ihren Wladimirer Stall holen konnten, zum Beispiel Witebsk und Gustota auf der diesjährigen „Hipposphäre“ in Sankt Petersburg.  42 Tiere hält man derzeit in Wladimir, im nächsten Jahr sollen es bereits 50 Exemplare sein, und man steht, um die Rasse zu erhalten, eng im Austausch mit anderen Gestüten. Kein Wunder, wenn sich nun auch immer mehr Pferdeliebhaber aus Deutschland für das Wladimirer Kaltblut interessieren. Siehe zu dem Thema auch: https://is.gd/tgMLTB

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Dreimal Gold, zweimal Silber und dazu noch viermal Bronze für die bayerischen U21-Athleten. Das ist das stolze Ergebnis der diesjährigen Deutschen Meisterschaft, der die bayerischen Boxer ihren Stempel aufgedrückt und damit erneut bewiesen haben, in der absoluten deutschen Spitzenklasse angesiedelt zu sein. Die Vorstellung der Bayern  verdient absolute Anerkennung. Bestens vorbereitet, technisch versiert und auch hinsichtlich Kampfkraft ihren jeweiligen Gegner gleichwertig oder sogar überlegen, erzielte die Staffel ein Ergebnis, das man erhofft hatte, aber nicht unbedingt in der hohen Anzahl an Medaillen erwarten konnte. Die zehn Athleten haben den Bayerischen Amateur-Box-Verband würdig vertreten.

Mit Alina Popp (BC Piccolo Fürstenfeldbruck), Andreas Jäger (TuS Pfarrkirchen), Obeidolah Mirzaie (TV 1848 Erlangen), Deniel Krotter und Kriss Bushi (TV 1848 Erlangen und BC Weißenburg) standen gleich fünf Bayern in den jeweiligen Finals. Pechvogel war der Erlanger, Obeidolah Mirzaie, der wegen einer im Halbfinale erlittenen Verletzung Startverbot erhielt und sich mit Silber abfinden mußte. Im Halbwelter zeigte Kriss Bushi im Kampf um den Titel gegen seinen bayerischen Kollegen, Deniel Krotter, eine ganz starke Leistung. Nur indem der Boxer des TV 1848 an seine Leistungsgrenze ging, konnte er sich Gold sichern. Andreas Jäger bewies erneut sein großes boxerisches Potential, als er den Mitfavoriten auf den Titel, Kevon Kischenko (BW), auf hohen Niveau geradezu ausboxte. Dafür erhielt er den Pokal als bester Techniker der gesamten Meisterschaft.

Deniel Krotter und sein Wladimirer Trainer, Jewgenij Lobossow

So steht es auf der Homepage des Bayerischen Amateur-Box-Verbandes http://www.boxen-babv.de zu lesen. Was die Mitteilung verschweigt: Der Erfolg macht auch den Boxverein in Wladimir und die Städtepartnerschaft ingesamt stolz, hat doch der U21-Bantamgewichtler am vergangenen Samstag in Moers seinen mittlerweile fünften Titel als Deutscher Meister nach eigener Aussage gerade auch der ausgezeichneten Vorbereitung in der Partnerstadt zu verdanken. Ein Sieg der sportlichen Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir also, zu dem man Deniel Krotter nur herzlich gratulieren kann.

Mehr über den Sportler und seine Verbindung nach Wladimir gibt es hier zu lesen: https://is.gd/Jq5xvN

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Jürgen Ganzmann, seit 1999 in der Städtepartnerschaft mit Wladimir aktiv, hielt sich Ende vergangener Woche zu einer Tagung in Berlin auf, wo sich im Russischen Haus der Wissenschaft an der Friedrichstraße eine Expertengruppe aus sieben deutsch-russischen Projektpaaren zum Thema Teilhabe von Menschen mit Behinderung trafen. Erstmals dabei auch ein Gast aus Minsk.

Jürgen Ganzmann (2. v.l.) und Jurij Katz (6. v.l.) bei einer Tagung in Pskow, November 2017

Besonders freute sich der Leiter des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, Jurij Katz aus Wladimir, Gründer der Elternselbsthilfegruppe Swet wiederzusehen, mit dem er seit Jahren zusammenarbeitet, und der dieser Tage auch noch in Erlangen erwartet wird. Doch Jürgen Ganzmann wäre nicht der, als den man ihn kennt, wenn da nicht noch mehr wäre, etwa der Plan, auch mit Initiativen aus Irkutsk und Nischnij Nowgorod eine Projektpartnerschaft einzugehen. Denn:

Wenn wir dazu beitragen können, die Gesellschaft in unseren Ländern zu verändern, und Schritte nach vorne gehen, bringt uns das dem Ziel einer möglichst vollständigen Teilhabe für Menschen mit Behinderung näher. Hierfür lohnt sich jedes Engagement.

Jürgen Ganzmann

Gerade das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, das übrigens Anfang der 90er Jahre eine gleichartige Einrichtung in Jena zu gründen half, ist auf diesem Weg sehr weit fortgeschritten, vor allem auch mit der Schaffung von Voraussetzungen für behindertengerechte Arbeitsplätze und damit der Ermöglichung von Inklusion. Da, so Jürgen Ganzmann, ist es besonders wichtig, in Zeiten von politischen Spannungen als Nichtregierungsorganisationen grenzüberschreitend zu kooperieren:

Hier hat sich die Städtepartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir als äußerst stabil erwiesen. Ich freue mich somit auf die weiteren Gespräche und Ergebnisse dieser Tagung und die künftige Zusammenarbeit mit Wladimir, Irkutsk und Nischnij Nowgorod.

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Dieser Tage wurde wieder – das dritte Jahr in Folge – im Rahmen eines Wettbewerbs, an dem fast 80 Ortschaften der ganzen Region Wladimir teilnahmen, das „schönste Dorf“ ausgewählt. Der mit 150.000 Rbl. dotierte Preis versteht sich auch als Aktion, die der andauernden Landflucht entgegenwirken soll. Wie notwendig – und leider oft auch vergebens – das ist, zeigt eine unlängst im „Prisyw“ erschienene Reportage über das Geisterdorf Milinowo, das die Zeitung als eines der „geheimnisvollsten im Landkreis Kowrow, wenn nicht im ganzen Gouvernement Wladimir“ bezeichnet.

St. Nikolaj in Milinowo

Bis zur nächsten Ansiedlung, nach Krasnyj Oktjabr, sind es acht Kilometer durch den Wald. Die früher kaum passierbare Straße wurde hergerichtet, doch noch in den 50er Jahren sei es gefährlich gewesen, diesen Weg zu nehmen. Einmal sei sogar eine Lehrerin, die zu Fuß unterwegs war, von Wölfen zerrissen worden; man habe nur noch blutige Kleiderfetzen von ihr gefunden… Doch heute lebt hier schon lange niemand mehr. Nur noch „Schatzgräber“ und mystisch angehauchte Besucher verirren sich hierher. Manche wollen stillen Gesang aus der verfallenen Kirche hören, andere schwören, Gespenster auf dem Friedhof gesehen zu haben.

Im Inneren der Kirche von Milinowo

Man glaubt es kaum, aber Milinowo galt mit seinen etwa 800 Einwohnern früher als „Zentrum der hiesigen Zivilisation“. Neben der Kirche gab es eine Einrichtung für ambulante medizinische Hilfe und eine Apotheke, ein Rathaus und einige Geschäfte, sogar eine Schule. In der Sowjetperiode betrieb man hier hauptsächlich kollektive Landwirtschaft, und der Ort erhielt ein eigenes Postamt. Nichts davon ist übrig. Nur noch Ruinen des einstigen Lebens. Und eben die Kirche, um die sich ein bis heute ungelöstes Rätsel rankt.

So ist bis heute unklar, wann das Gotteshaus inmitten der ausgedehnten Wälder für damals kaum mehr als 300 Einwohner erbaut wurde. Einiges spricht aber für eine Bauzeit im 17. Jahrhundert, denn stilistisch erinnert die Kirche an den sogenannten Naryschkin-Barock der Epoche der Zaren Fjodor III, Iwan V und Peter I. Bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts bewahrte man hier eine Schenkung der Schwester von Peter dem Großen, Jewdokia Alexejewna, auf, deren Mundschenk Wassilij Sagrjaschskij war. Ins Reich der Legenden gehört aber wohl, die beiden hätten eine Liebesbeziehung unterhalten.

Das Kreuz der Kirche, das alle Zeitläufte überdauerte

Ungewöhnlich freilich bleibt der Umstand, daß Ende des 17. Jahrhunderts in einem doch eher unbedeutenden Dorf, umgeben von endlosen Wäldern, eine Steinkirche entstand – noch dazu mit einem Kirchenschatz aus dem Zarenhaus. In welchem Auftrag, aus welchen Mitteln und auf der Grundlage welcher Pläne gebaut wurde, bleibt unbekannt. Es gibt sogar die Theorie, es habe einen Vorläuferbau im Stil der Zeltdachkirche von Kolomenskoje bei Moskau gegeben.

Ein Umstand ist dann aber doch aus der dunklen Geschichte der Kirche bekannt: 1734 stürzte sie, weil „verfallen“, teilweise ein. Ein erstaunlicher Vorfall. Wie lange muß ein solcher Steinbau gestanden haben, um zu verfallen? Ein Hinweis darauf, daß sie doch schon älter ist, vielleicht doch schon aus der Zeit von Iwan dem Schrecklichen, wie Heimatkundler mutmaßen? Jedenfalls kennt man das Jahr des Wiederaufbaus, 1768, und die Baumeister, das Ehepaar Michail und Marfa Puschtschin.

Grabplatte von Alexander Jachontow

Doch auch diese beiden umgibt ein Rätsel. Man kennt die Verzweigungen des Adelsgeschlechts derer von Puschtschins recht gut, gehört doch einer der Vertreter des Hauses, Iwan Puschtschin, zu den engsten Freunden von Alexander Puschkin. Nur von Michail Puschtschin fehlt fast jede Spur in den Archiven. Bekannt ist nur seine Ernennung zum Brigadegeneral im Jahr 1764. Von Marfa, seiner Frau, kennt man nicht einmal den Mädchennamen.

Wassilij Pokrowskij, einer der letzten Pfarrer von Milinowo und Opfer des Großen Terrors, mit seiner Frau, Wera Jachontowa, Tochter des Priesters, Alexander Jachontow

1939 dann die Schließung der dem hl. Nikolaj geweihten Kirche, auf deren Gottesacker noch viele Gräber zu finden sind – von Priestern und Staatsbediensteten, die meisten aber unter „unbekannt“ zu rubrizieren. Für Forscher und Archivare Material, um die steinernen Zeugen einer vergangenen Zeit am Ufer, der fast schon verlandeten Milinowka zu deuten. Nicht auf dem Friedhof findet man aber sicher die neun Männer – und dabei ist der Pfarrer gar nicht mitgerechnet -, die in der Zeit des Großen Terrors den Säuberungen zum Opfer fielen und im Gulag ums Leben kamen, ebensowenig wie all jene, die in den 40er Jahren an die Front eingezogen wurden und nie mehr in ihr Dorf zurückkehrten, wo sie heute auch niemand mehr erwarten würde.

Michail Rudnik, Brücke über die Gus nach Garald

Auch den Wladimir Künstler, Michail Rudnik, beschäftigt das Thema. Er besucht von Zeit zu Zeit das ausgestorbene Dorf mit dem ungewöhnlichen Namen Garald – möglicherweise vom deutschen „Harald“ abgeleitet – im Landkreis Gus-Chrustalnyj und berichtet von einigen bejahrten Frauen, die zu den Altgläubigen gehören und hier ganz unter sich sein wollen. Bis in die 50er Jahre hinein soll es hier ein reiches Dorfleben gegeben haben, bis dann die Kommunisten alles zerstörten. Nicht viel mehr soll heute davon übrig sein als die halbverfallene Brücke über die Gus, die der Maler im Bild festhielt.

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In einem Brief an die Redaktion des Blogs schreibt Sigrid Köhn, seit vielen Jahren Gastgeberin, wann immer Gruppen aus Wladimir unterzubringen und zu betreuen sind:

Herbert und Ute Schirmer, Marina Trubizyna sowie Sigrid und Johannes Köhn, Mai 2011

Hiermit sende ich Ihnen Eindrücke meiner Reise nach Wladimir (6. – 13. Oktober). Dies war jetzt mein dritter Besuch in Wladimir, nachdem ich meine Freundin und ihre Familie beim Fränkischen Fest 1993 in der Partnerstadt kennengelernt hatte. Sie sprach mich damals an und war dann auch dreimal in Erlangen. Als Deutschlehrerin (seit zehn Jahren im Ruhestand) ist sie immer noch an der deutschen Sprache interessiert, die sie mit ihrem Enkel früh geübt hat. Nun unterstützt sie ihn auch im Deutschstudium und hilft Schülern beim Erlernen der Sprache. Sie beklagt allerdings die „neuen“ Unterrichtsmethoden und den Umstand, auch als ehemalige Lehrerin in der Gesellschaft nicht die rechte Anerkennung zu erfahren. So habe sie zum Beispiel am Tag des Lehrers nur von einer einzigen ehemaligen Schülerin eine Grußkarte bekommen. Doch sie kennt ihren Wert und tritt im Alltag selbstbewußt und resolut auf und läßt, wenn nötig, ihre Beziehungen zu ehemaligen Schülern spielen. Auf diese Weise hatte ich auch die Möglichkeit, mit ihr zwei Tage in Moskau zu verbringen.

Wladimir

Mariä-Entschlafens-Kathedrale, gesehen von Wladimir Putschkow

Die überwältigende Gastfreundschaft kann man nur bewundern. Dabei hat meine Freundin nur eine Drei-Zimmer-Eigentumswohnung, in der sie vor meinem Besuch auch eine Erlanger Studentin beherbergt hatte (Bericht folgt, Anm. d. Red.), und besitzt einen Schrebergarten, in dem wir zusammen gearbeitet haben. In den vier Tagen Wladimir waren wir im Puppenmuseum, in Klöstern und Kirchen in der Stadt, in der Kirche an der Nerl und in verschieden Markthallen und Geschäften mit reichem Angebot, besonders im Globus, in dem mich das Fischangebot beeindruckte. Meine Freundin beklagt zwar die hohen Preise, achtet aber sehr auf Qualität und „gönnt“ sich auch etwas. Dabei wollte sie auf keine Weise, daß ich bezahle. Freilich hinterließ ich dann meinen Anteil als „Abschiedsgeschenk“ bei der Tochterfamilie und ihrem Enkel.

Wladimir Fedins Blick auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

So schwierig die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse von uns aus erscheinen, trifft man in Wladimir überall höfliche und freundliche Menschen, und es ist es deshalb wert, die Kontakte zu pflegen. Vielen Dank für Ihre Unterstützung bei der Vorbereitung der Reise.

Sigrid Köhn

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Es sei nicht die Aufgabe der Kunst, die Natur zu kopieren, sondern sie auszudrücken, formulierte einmal Honoré de Balzac ein Bonmot, das wie auf das Schaffen von Georgij Parfjonow gezielt scheint. Der russisch-orthodoxe Priester versteht es nämlich meisterhaft, was er sieht formvollendet zu gestalten und eine Stimmung zu schaffen, die er seinen Sujets – man weiß nicht recht – einhaucht oder abschaut.

Georgij Parfjonow

Künstlerisch zu Hause ist der Geistliche aus Wladimir in der Pastellmalerei, die in der Partnerstadt ein wenig im Schatten des Öls und der Graphik steht. Wie feingliedrig und ansprechend seine Arbeiten sind, braucht angesichts der wenigen Beispiele aus einer Herbstserie nicht weiter betont werden.

Geprüft werden soll nun, ob nicht im nächsten Jahr eine Ausstellung des Mitglieds des Künstlerverbands von Rußland in Erlangen möglich wäre. Vielleicht sogar mit einer von Georgij Parfjonow geleiteten Meisterklasse. Denkbar erscheint da viel.

Doch vorerst genüge hier die Betrachtung und der Hinweis auf eines der schönsten Gedichte von Alexander Puschkin, in dem er den Herbst als trostlos-trübsinnige Zeit beschreibt, um ihn im gleichen Atemzug für seine „Bezauberung der Augen“ zu preisen.

Wer mehr von den Arbeiten des malenden Priesters sehen möchte, klicke hier: http://www.facebook.com/ierejgeorgij.parfenov

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