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Archive for 3. September 2018

Vom Wesen der Dinge


Heute eine Fortsetzung der losen Folge von litarischen Beobachtungen des Wladimirer Autors Anatolij Gawrilow in der Übersetzung von Peter Steger.

Er spricht über etwas. Kaum jemand versteht es. Er versteht ja selbst nicht, wovon er spricht. Er fährt zu sprechen fort. Einige sind unzufrieden. Sie verstehen das Wesen der Dinge nicht. Dabei besteht doch das Wesen der Dinge darin, daß es kein Wesen der Dinge gibt.

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Dunkel, Regen. Niemand unterwegs. Unter dem Fenster graben sie eine Baugrube für den Neubau eines Wohnhochhauses. Auf dem Tisch ein Notebook. Im Schreibtischfach eine Blockflöte. Die Sonne ist aufgetaucht. Draußen sind Kinder aufgetaucht, Hunde und Katzen. Die Blumen werden videoüberwacht. Jemand sitzt auf dem Bänkchen. Jemand liegt unter dem Bänkchen.

Anatolij Gawrilow

Der dreißigste August. Auf dem Bänkchen sitzt eine Frau, deren Mann sich erhängte. Kinder schaukeln auf der Wippe, machen Klimmzüge an der Reckstange. Katzen dösen auf dem Asphalt. Birken werden schon gelb. Im Keller sind Ratten. Auf dem Kühlschrank ein Kofferradio und ein geriffeltes Glas. Vor dem Fenster Bäume, Büsche und eine Kirche. In der Anrichte Schnapsgläser, Weingläser, Teller. Auf der Anrichte ein Adler aus Holz und ein Pinguin aus Porzellan. Auf dem Balkon ein Aschenbecher, Kippen. Auf dem Bänkchen liest eine Frau ihrem Mann aus der Zeitung vor, der wackelt mit dem Kopf und weint. An einer Mauer hängt jemandes Portrait. Es dunkelt.

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Eine großartige Stadt, nur geht hier manchmal die Sonne nicht auf.

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