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Archive for 24. August 2018


Am Vorabend des Poetenfestes und zu Ehren des Germanisten Wiktor Malygin, der Anfang des Monats für einige Tage Erlangen besuchte und über den mehr hier https://is.gd/3dzq36 zu lesen ist, heute ein Auszug aus dem Poem „Zerfall des Atoms“ von Georgij Iwanow. Als eine der überragenden Gestalten der russischen Emigration vollendete der Dichter diesen Text 1937, der erst jetzt im Berliner Verlag Matthes & Seitz in deutscher Übersetzung von Alexander Nitzberg erschien. Spät, aber zeitlos aktuell in seiner verstörenden Radikalität und in so mancher Aussage, wie der folgenden, die heute wie seherisch für die Postmoderne zu lesen erscheint.

Elisabeth Preuß und Wiktor Malygin

Was gestern noch möglich war, erweist sich heute als undenkbar, unerreichbar. Wer glaubt heute an die Erscheinung eines neuen Werther, die auf einmal in ganz Europa begeisterte Schüsse von faszinierten, berauschten Selbstmördern nach sich zöge? Genauso unverstellbar wäre ein Heft voller Verse, das dem modernen Menschen, der es durchblätterte, echte spontane Tränen entlockte und ihn zum Himmel, zu demselben abendlichen Himmel in schmerzlicher Hoffnung emporblicken ließe. Unmöglich. Und zwar derart unmöglich, daß man bezweifelt, es sei überhaupt jemals möglich gewesen. Neue eiserne Gesetze, die unsere Welt wie nasses Leder hin- und herzerren, kennen keinen Trost in der Kunst. Mehr noch, diese – noch unklaren, bereits unabdingbaren – Gesetze, die in der neuen Welt geboren werden oder die neue Welt gebären, so seelenlos und so gerecht, bewirken genau das Gegenteil: Nicht nur ist es unmöglich, etwas auf geniale Weise Tröstendes zu erschaffen, es ist auch beinahe nicht mehr möglich, sich mit dem Bestehenden zu trösten. Noch gibt es Menschen, die fähig sind, Anna Kareninas Los zu beweinen. Noch stehen sie auf jenem mit ihnen zusammen schwindenden Grund, in den das Fundament des Theaters eingearbeitet ist, wo Anna, gestützt auf den Samt der Loge und leuchtend vor Schönheit und Qual, ihr Schmach erleidet. Dieses Leuchten reicht kaum noch bis zu uns. Nur noch schwache und schiefe Strahlen – als letzter Abglanz des Verlorenen oder als Bestätigung dessen, daß der Verlust endgültig ist. Bald wird alles für immer verblassen. Was bleibt, ist ein Spiel der Phantasie und des Talents, unterhaltsame Lektüre, die keinen verpflichtet, ihr Glauben zu schenken, und auch gar nicht glaubhaft ist. Eine Art „Drei Musketiere“. Was schon Tolstoj als erster geahnt hat, jene verhängnisvolle Grenze – und dahinter kein Trost von erdachter Schönheit, keine Träne um erdachtes Glück.

Alexander Markin und sein Grabmal für Oleg Popow

Wiktor Malygin ist als großer Förderer des Schauspielhauses Wladimir und der Literatur in der Partnerstadt einer, der noch auf jenem „schwindenden Grund“ steht und auch noch hinüberreicht in jene Zeit, geprägt von großen Namen wie des Clowns Oleg Popow, dessen Grab er zusammen mit Familie Herbert und Ute Schirmer besuchte – und dabei, ganz in der Gunst des Augenblicks und des Genius loci, nicht nur des Künstlers Witwe Gabriele, sondern auf dem Friedhof von Egglofstein auch den Bildhauer des Grabmals, Alexander Markin, traf, dessen „erdachte Schönheit“ sehr wohl zu trösten weiß. Aber Georgij Iwanow hätte sich sicher gern widerlegen lassen:

Wiktor Malygin und Alexander Markin

Ich will ganz einfache, ganz gewöhnliche Dinge. Ich will weinen, ich will mich trösten. Ich will in schmerzlicher Hoffnung zum Himmel emporblicken. Ich will dir einen langen Abschiedsbrief schreiben, einen beleidigenden, himmlischen, schmutzigen, den zärtlichsten Brief auf der Welt. Ich will dich einen Engel nennen, ein Biest, dir Glück wünschen und dich segnen…

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