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Archive for 20. August 2018


Manche Leser mögen sich noch an den Bericht über den Abschiedsabend für die Gäste aus dem Erlangen-Haus und an das Programm erinnern, zu dem auch Marina Bit-Ischo mit ihrem Blitzkurs „Keramikmalerei“ beitrug. Auffällig ihr Nachname, der so gar nicht slawisch klingt. Auf Nachfrage gab die Schwiegertochter von Semjon Bit-Ischo, des ehemaligen Leiters von „Awtopribor“, dem leider mittlerweile zerschlagenen Autozulieferbetriebs, Einblick in ihre außergewöhnliche Familiengeschichte.

Töpfermalkurs

Zunächst zum Namen, der assyrischen Ursprungs ist und so viel bedeutet wie „Jesu Haus“. Der Teil „Bit“ für „Haus“ läßt sich mehrfach in Rußland nachweisen, in der Verbindung mit „Ischo“ für „Jesus“ findet er sich offenbar nur in Wladimir. Aber wie kam die Familie mit diesem exotischen Namen in die Partnerstadt? Um das zu erkunden, muß man gute einhundert Jahre zurückblicken, als während des Ersten Weltkriegs die Türkei gegen das Russische Reich zu Felde zog und im gesamten Osmanischen Reich die christlichen Völker – man denke nur an die Armenier – schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt waren. In der Tat waren vor allem die Assyrer eher unsichere Kantonisten, standen sie doch bei allen türkisch-russischen Kriegen auf der Seite des Zarenreichs, und so rief denn auch im April 1915 der assyrische Patriarch Benjamin Mar-Schimun sein Volk zum Aufstand gegen die Türken auf. Doch die Kräfte waren ungleich verteilt, die Erhebung wurde rasch niedergeschlagen, und die unterlegenen Assyrer flohen zum einen Teil in den heutigen Irak, damals ein von den Engländern gehaltenes Gebiet, zum andern Teil ins Russische Reich.

Marina Bit-Ischo beobachtet Tatjana Krutogolowa und Gerhard Kreitz beim Stricken am Freundschaftsschal

Über Persien, Noworossijsk und Moskau kamen die Eltern von Semjon Bit-Ischo schließlich nach Wladimir – möglicherweise, weil ihnen als Dorfbewohnern die Hauptstadt zu laut war -, wo der spätere Direktor von Awtopribor als eines von elf Kindern, von denen aber nur fünf überlebten, am 5. September 1931 getauft wurde. Die ganze Familie hatte damals noch die persische Staatsangehörigkeit, ein gelegener Vorwand für den Generalverdacht der Spionage in den Terrorjahren der Stalin-Ära. Badel Bit-Ischo, das Familienoberhaupt, wurde verhaftet und „gestand“ nach einwöchiger Folter, ein Komplott gegen das angeblich „rüstungsrelevante“ Awtopribor geschmiedet zu haben, wofür man den Flickschuster schließlich hinrichtete, ohne erklären zu können, wie der „Verschwörer“ mit seinem einfachen Beruf derlei hätte zustande bringen können. Auch sein Sohn Anatolij geriet in die Fänge der Menschenschinder, ließ sich aber nicht brechen und kam nach einem Jahr mit einem Rücken voller Narben aus der Haft frei, meldete sich im Juni 1942 an die Front, nachdem kurz vorher die ganze Familie die sowjetische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, und fiel ein Jahr später in der Schlacht um Leningrad. Vater und Sohn wurden erst in den 50er Jahren postum rehabilitiert.

Semjon Bit-Ischo

Semjon Bit-Ischo hingegen schaffte es unter entbehrungsreichen Bedingungen nach oben. 1958 trat er die Arbeit bei Awtopribor an und leitete den Betrieb später über drei Dekaden hinweg bis Mitte der 90er Jahre. Heute lebt der Patriarch zurückgezogen, hoch geachtet – und steht für eine einzigartige Geschichte der Flucht und des hart erkämpften Erfolges im Gastland. Bedenkenswert gerade auch heute, wo so viele Menschen wie nie zuvor auf der Flucht sind und immer mehr Länder die Zugbrücken hochziehen.

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