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Archive for 17. August 2018


Nach einem Vorabbericht, zu finden hier im Blog unter https://is.gd/HYC9RL, folgt nun ein ausführlicher Praktikumsbericht von Anna Schellenberger.

Ich studiere Architektur in Wladimir. Im Juni – Juli dieses Jahres fand mein erstes Kollegpraktikum statt. Schon im Winter kam von Peter Steger der Vorschlag, das Praktikum bei der Stadt Erlangen zu machen. Ich habe mich doll über diese Idee gefreut, denn ich war gerade auf der Suche nach einer passenden Stelle. Ich hatte Studenten aus anderen Kursen nach ihren ehemaligen Praktikumsstellen gefragt und wurde sehr enttäuscht: Die meisten Betriebe, die Praktika in Wladimir anbieten, haben keine Zeit, sich mit den Praktikanten zu beschäftigen, weshalb man bei dem Praktikum oft nichts zu tun hat.

Ganz anders bei mir: Mein Praktikum fand im Referat für Planen und Bauen statt. Ich war sehr aufgeregt an meinem ersten Praktikumstag. Es war spannend und gleichzeitig etwas ängstigend. Doch für die Angst blieb sehr schnell keine Zeit mehr. Ich erhielt gleich meine Projektaufgabe und konnte loslegen. Was blieb, war Spannung.

Anna Schellenberger und Sabine Kern

Meine Aufgabe war es, einen Bebauungsplan für ein Grundstück der Stadt Erlangen zu entwickeln. Da merkte ich erst einmal, wie verschieden die beiden Sachen sind, ein Projekt im College zu entwickeln und dafür danach einen passenden Ort zu finden oder sich gleich für eine bestimmte Stelle etwas einfallen zu lassen. Ich hatte auf die Umgebung, die verschiedensten Anschlüsse und das Klima zu achten. Ich hatte an die Menschen zu denken, die dort einmal leben werden. Dabei stellte ich mir das erste Mal die Frage, wie Deutsche überhaupt leben. Ganz merkte ich dabei, welche ganz anderen Werte die Deutschen als die Russen für ihr Zuhause zugrunde legen. Zum Beispiel ist der größte Raum in einer russischen Wohnung das Wohnzimmer, wo unbedingt so viel wie möglich Leute reinpassen müssen, denn hierher wird zu jeder großen Feier die ganze Verwandtschaft eingeladen. Im Gegensatz dazu hat der Deutsche eher ungern fremde Leute in seiner Wohnung. Also bleibt mehr Platz für das Schlafzimmer oder für die Küche über. Das gibt auch die Möglichkeit, Küche und Wohnzimmer in einen Raum unterzubringen. Beide Lebensweisen haben Vor- und Nachteile. Und von solchen Beispielen hatte ich sehr viele.

Mein Praktikumsleiter, zu dem ich mit jeder meiner Idee kam und der mir Vor- und Nachteile meiner Vorstellungen zeigte, half mir immer bereitwillig, meine Arbeit besser zu machen. Genau das hatte ich mir von meinem Praktikum gewünscht. Die Zeit in Erlangen zeigte mir deshalb deutlich, wie es auch anders geht, wie man auf jede Situation von verschiedenen Seiten schauen kann. Erlangen zeigte mit, wie sehr die Architektur von Menschen abhängt und wie viel sie für den Menschen bedeutet.

Während des Praktikums war ich nicht nur die ganze Zeit im Referat. Ich durfte auch in verschiedene Ämter reinschauen und die Arbeit dort verfolgen. So war ich zum Beispiel einen Tag im Bauaufsichtsamt und nahm bei einer Besprechung teil, wo an verschiedene Projekte Baugenehmigungen vergeben wurden. Schließlich durfte ich auch mein Projekt vorstellen. Und wieder merkte ich, wie hier auf ganz andere Dinge Wert gelegt wird. Hier wurden Dinge besprochen, an die in Wladimir zunächst keiner denkt – und umgekehrt.

Aber Architektur war nicht das einzige, was ich gelernt habe. Ich sah einen ganz starken Unterschied zwischen dem, wie Menschen in Deutschland und bei uns arbeiten. Und erst nach dem Vergleich konnte ich die Vorteile beider Seiten sehen. Ich habe viel für mein weiteres Leben gelernt, nicht nur im Bereich Architektur, sondern auch menschlich. Ich bin auch früher schon oft Menschen aus anderen Kulturen begegnet, doch erst bei so einer Arbeit habe ich klar die Unterschiede bemerkt.

Ich finde, dies ist das wichtigste Ziel einer solchen Städtepartnerschaft: nicht das offizielle Treffen von Politikern einmal im Jahr, sondern der Austausch von Menschen, damit alle, die Interesse daran haben, in ein ganz anderes Leben hineinschauen können. Das hilft, seine eigen Kultur zu verstehen.

Anna Schellenberger

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