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Archive for August 2018


„Wir haben eine ganz besondere Beziehung zu Frauen in unserem Land, eine fürsorgliche.“ Damit begründete Wladimir Putin in seiner gestrigen Ansprache an sein Volk seine Entscheidung, das Renteneintrittsalter für Arbeitnehmerinnen statt der geplanten acht nur um fünf Jahre – von 55 auf 60 – zu erhöhen. Die Reformpläne hatten zu landesweiten Protesten geführt, die Umfragewerte für den Präsidenten und seine Regierung schmierten ab, die allgemein gehobene Stimmung nach dem Fußball-Sommermärchen ist Ernüchterung gewichen. Der Realitätsschock wirkt nun. Laut Präsident führe „wegen schwerwiegender demographischer Probleme“ kein Weg an der schrittweisen Erhöhung – alle zwölf Monate um ein Jahr – des Renteneintrittsalters vorbei. Dabei bleibt es für die Männer dabei, sie sollen in Zukunft nicht schon mit 60, sondern erst mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen. Es sei denn, sie dienten in der Armee, Polizei oder paramilitärischen Organisationen und anderen staatlichen Sonderbereichen. Da gelten nach wie vor Sonderregelungen.

Der Unmut der Bevölkerung gründet wesentlich in der niedrigen Lebenserwartung. Während Frauen im Schnitt 77 Jahre alt werden, endet das Leben der Männer im statistischen Mittel bereits mit knapp 66 Jahren (s. Tabelle unter Punkt 24). Da bleibt dann dem starken Geschlecht – auch wenn man mit einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung rechnen darf – nicht mehr viel Zeit, um den Ruhestand zu genießen. Aber die Sache ist nun beschlossen, die Russen wissen, woran sie sind – und wie alt sie gemittelt werden. Wie groß dabei die Spanne sein kann, zeigt die Tabelle: Es führen die Gebiete im Kaukasus mit Moskau und Sankt Petersburg auf den Rängen 3 und 6, wo man gute 70 und älter werden kann, während das Gouvernement Wladimir mit knapp 64 Jahren nur auf Platz 60 kommt. Als Durchschnittsmann erlebt man hier also seine Rente gar nicht. Schlußlicht ist mit anderen Subjekten der Russischen Föderation aus dem „Fernen Osten“ mit nicht einmal 62 Jahren die Region Irkutsk. Die sprichwörtliche sibirische Gesundheit hat da wohl gegen die Statistik einen schweren Stand. Bei einer Differenz von 15 Jahren zwischen Platz 1 und Rang 80 bleibt da auch noch viel zu tun für die Schaffung gleicher Lebensverhältnisse im größten Land der Erde.

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Öffentlichkeit, Medien und Behörden stehen vor einem Rätsel. Ist es der heiße Sommer, fragt beispielsweise das Internetportal Zebra-TV, mit der Sehnsucht nach Durchzug und frischer Luft in der Wohnung, oder ist der massenhafte Einsatz von doppelverglasten Fenstern ohne Kindersicherung, am Ende gar einfach die Unaufmerksamkeit der Eltern? Wissen tut es niemand, wie das Phänomen zu erklären sei. Allein in diesen Frühlings- und Sommermonaten wurden in der Region Wladimir 23 Fälle von Kindern gezählt, die aus dem Fenster stürzten, drei davon sogar in den Tod. 2017 waren es lediglich vier Fensterstürze ohne einen einzigen Todesfall, und in den Vorjahren passierte dergleichen wirklich nur ab und an.

Jetzt, vorgestern erst, in Schichobalowo, einem Dorf im Landkreis Jurjew-Polskij, wieder so ein alptraumhaftes Vorkommnis. Ein dreijähriges Kind blieb am frühen Abend unbeaufsichtigt, während die Mutter den Abwasch machte und der Vater mit den beiden anderen zwei Kleinen spielte, ging in ein anderes Zimmer mit offenem Fenster, kletterte auf das Fensterbrett, lehnte sich an das Fliegengitter und stürzte aus dem ersten Stock hinunter. Hoch genug, um schwere Verletzungen – Brüche, Schädeltraumata, Prellungen und Quetschungen – zur Folge zu haben. Auch wenn die Ärzte das Kind – es war ins Koma gefallen – mittlerweile stabilisieren konnten, bleibt sein Zustand kritisch. Und leider typisch: Auch in den anderen Fällen kam es zu schwersten Verletzungen.

Ein Merkzettel für Erwachsene: Fenster offen, Gefahr für Kinder

Was tun? Es bleibt nur, an die Eltern und älteren Geschwister zu appellieren, kleine Kinder in den Wohnungen mit offenen Fenstern nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Auf den Schutzengel zu hoffen, reicht jedenfalls nicht aus, nicht in diesem Sommer.

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Was tun Sie, wenn Sie in der Fußgängerzone ein junger Mensch anlächelt und auf einem Schild „Free Hugs“, also kosenlose Umarmungen, anbietet? Manch einer schüttelt wohl nur den Kopf und geht weiter, andere aber nehmen das Angebot gerne an – und holen sich eine Umarmung für den Tag ab. So geschehen am vorvergangenen Donnerstag, als die deutsch-russische Gruppe vom Jugendaustausch zwischen Nadjeschda e.V. in Erlangen und der katholischen Gemeinde und Universität in Wladimir mit Schildern durch die Innenstadt zogen, um mit dem Angebot, Leute zu umarmen, ein positives Zeichen zu verschenken.

Elisabeth Preuß mit der deutsch-russischen Gruppe, gesehen von Georg Kaczmarek

Dabei ging die Gruppe erst sehr sektiererisch vor: Erst einmal verkündeten die Schilder, es würden nur „Katzenliebhaber“, „Bartträger“, „Vielleser“ oder „Fußballspieler“ umarmt – denn das waren die Gruppen, mit denen sich die Schildträger am meisten identifizieren konnten. Spalter! Warum nur die einen umarmen, aber nicht die anderen? Doch die Sektiererei war nur ein Anstoß, einmal umzudenken: Das Lied „Wind of Change“ singend, besserten die Umarmer schnell ihr Angebotsschild aus, auf dem nun „Free Hugs for Everyone“ zu lesen war. Denn, wie im Lied der Scorpions schon anklingt, wer sich erlaubt, anders zu denken, kann Unterschiede überwinden.

Elisabeth Preuß und Wolfgang Schneck mit der deutsch-russischen Gruppe vor der Hugenottenkirche, gesehen von Georg Kaczmarek

Auf dem Hugenottenplatz traf die Gruppe schließlich auf  Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die die Gruppe willkommen hieß in Erlangen, das „offen aus Tradition“ diese Aktion begrüße, und die schließlich auch in das gemeinsame Singen von „Wind of Change“ einstimmte. Daß diese Zeichen wohl nicht verschwendet sind, konnte man auch bei dem kurzen Treffen merken, denn ein Herr mit etwas provokanten Thesen verteilte an die Gruppe Aufkleber zur Unterstützung der rechten Identitären Bewegung, was dankend abgelehnt wurde. Eine Umarmung wollte er nicht.

Jutta Schnabel

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Das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde bei der FAU, durch seinen Austausch mit der Universität Wladimir seit drei Jahrzehnten ein konstituierender Akteur der Städtepartnerschaft, unterhält auch enge Verbindungen zum Russisch-Deutschen Kulturzentrum in Nürnberg mit seiner Vertretung der Stiftung „Russkij mir“ – „Russische Welt“. Diese 2007 gegründete Organisation zur Förderung der russischen Sprache, so ein Bericht der IFA Dozentin, Oxana Kirej, im Jahresbericht 2017/2018 des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde, hatte unter ihrer Leitung eine sechsköpfige Gruppe aus Erlangen an die bulgarische Schwarzmeerkünste eingeladen, um am 6. Internationalen Festival der russischlernenden Studenten teilzunehmen. Das sechstägige Treffen brachte Anfang September 2017 rund 300 junge Leute von 25 Hochschulen aus 17 Ländern Europas und Asiens zusammen. Teilnehmerin Xenia Sakirowa schreibt dazu in dem „Tagebuch“ der Erlanger Gruppe:

Die Delegationen beim Russisch-Festival unter dem Puschkin-Motto: „Freunde, herrlich ist unser Bund!“

Alles drehte sich um die russische Sprache und den großen russischen Dichter, Alexander Puschkin, von dem auch das Motto des Festivals stammte: „Freunde, herrlich ist unser Bund!“. Wir hatten ein volles Programm: Wir stellten unsere Sprach- und Literaturkenntnisse in zahlreichen Workshops sowie in Poesie-, Sprach-, Karaoke-, Musik- und Theaterwettbewerben unter Beweis und kamen bei der Verteidigung der IFA-Ehre ganz schön in Schwitzen.

Kristina Kapsjonkowa, ganz rechts im Bild mit dem Deutschland-Schild

Mit von der Partie auch Kristina Kapsjonkowa, studierte Deutschlehrerin aus Wladimir, die nun schon im dritten Jahr ihrer Dolmetscher- und Übersetzerausbildung am IFA steckt. Hier ihr Bericht zum vierten Tag des Aufenthalts:

Den vierten Tag unseres Aufenthaltes verbrachten wir in der herrlichen Stadt Warna. Wir waren Teilnehmer des großen Aufmarsches, an dem über 300 Leute aus 17 Ländern teilnahmen. Begleitet vom Orchester gingen wir durch die Hauptstraße der schönen Stadt, winkten dabei mit den Fahnen unserer Länder und Universitäten. Unterwegs machten wir viele Selfies, Videos, jubelten und winkten allen Passanten ab. Auf dem zentralen Platz der Stadt schrieben wir unsere Wünsche für Freundschaft und Frieden auf Luftballons und ließen sie zum Himmel steigen. Das war ein richtig schöner Anblick! Danach bummelten wir durch die Stadt, lernten bekannte Sehenswürdigkeiten kennen und genossen kulinarische Spezialitäten. Warna ist eine wunderschöne Stadt. Sie und ihre freundlichen Einwohner machten auf uns einen bleibenden Eindruck!

Irina Kapsjonkowa in der Mitte mit dem Deutschlandfähnchen

Mit diesem Eindruck blieb die Gaststudentin aus Wladimir nicht allein. Die Begeisterung war offensichtlich so groß, daß Georg Eger in seinem Report des letzten Tages festhalten konnte: „Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr, wenn wir wieder nach Bulgarien zu den Wettbewerben fahren und dann unbedingt den ersten Preis für das IFA gewinnen wollen!“

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Am Samstag feierte Wladimir wieder Geburtstag, seinen nach offizieller Lesart mittlerweile eintausendachtundzwanzigsten.

Wer einmal dieses Stadtfest miterlebte, kann sich vorstellen, was da in der Partnerstadt alles los ist – auf vielen Bühnen gleichzeitig, bei Ausstellungen und Sportveranstaltungen, kulinarisch und kulturell.

Aber es gehören auch immer Einweihungen und Übergaben von öffentlichen Einrichtungen dazu: dieses Mal die Eröffnung eines zweiten Eispalastes an der Stadtausfahrt Richtung Moskau oder eines Musikbrunnens vor dem Goldenen Tor.

Wichtiger aber wohl aus Sicht der nach Tausenden zählenden Gäste und Gastgeber – die vielen Begegnungen unterwegs, die zeigen, wie lebensfroh und vielgestaltig die Wladimirer Gesichter sind, eingefangen vom Meisterphotographen Wladimir Fedin. Hier eine kleine Auswahl seiner Eindrücke.

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Das Wladimirer Zentralgefängnis, einst, in den frühen 80er Jahren, für Menschenrechtler wegen der dort einsitzenden Dissidenten, Anlaß, Erlangen nahezulegen, keine partnerschaftlichen Beziehungen zu der sowjetischen Stadt aufzunehmen, gerät bis heute immer wieder in die Schlagzeilen, weil hier hauptsächlich „schwere Jungs“ ihre Strafe für Mord und Totschlag, Bandenkriminalität oder schwere Verstöße gegen die „Hausordnung“ in anderen Haftanstalten ihre Strafe abbüßen und sich ab und an über die Haftbedingungen beschweren oder es sogar zu Zusammenstößen mit dem Wachpersonal kommen lassen. Immer wieder gelangen auch aus anderen Einrichtungen Meldungen an die Öffentlichkeit, wonach hinter Gittern regelrecht gefoltert werde. Vor allem ein Video aus Wladimirs Nachbarstadt Jaroslawl – der Blog berichtete – erregt die Gemüter, zeigen die Aufnahmen doch tatsächlich, wie ein Häftling erniedrigt und geschlagen wird. Vor diesem Hintergrund haben leider auch die aktuellen Nachrichten aus Wladimir das Potential für einen Skandal, denn, wie jetzt die Gefängnisverwaltung nach anfänglichen Dementis einräumte, befinden sich drei Häftlinge seit dem 22. August im Hungerstreik.

Ludmila Romanowa auf dem Weg zum Treffen mit den Häftlingen

Am Freitag erhielten die Strafgefangenen nun Besuch von Ludmila Romanowa, der Menschenrechtsbeauftragten der Region Wladimir, die gegenüber den Medien diese Angaben bestätigte. Gründe für die Verweigerung der Nahrungsaufnahme nannten das Trio aber offenbar nicht, sondern forderte ein Treffen mit Vertretern der Generalstaatsanwaltschaft, weil man offenbar den lokalen Behörden kein Vertrauen mehr schenkt. Einen Tag zuvor hatte sich bereits eine Abordnung der Zivilgesellschaftlichen Beobachterkommission zur Lage von Gefangenen ein Bild von der Situation vor Ort gemacht und dem Beirat für Menschenrechte im Kreml Bericht erstattet. Ganz offensichtlich also will man alles versuchen, um die Angelegenheit nicht weiter eskalieren zu lassen. Möge denn auch die Sache gut ausgehen und sich nicht entwickeln wie das Schicksal von Oleg Senzow, der sich nun schon seit mehr als einhundert Tagen dem Tod oder der Begnadigung entgegenhungert.

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Vorgestern hier im Blog der Praktikumsbericht von Leonie Köppe, und nun gleich auch noch der Rückblick der Erlanger Waldorfschülerin, Dorothee Friedrich auf zwei Wochen Wladimir:

Waldorfschule

Ich war vom 3. bis 15. Juni in Wladimir und machte dort ein Praktikum in einem Kindergarten. Ich konnte kein Russisch und weder Erzieher noch Kinder konnten Deutsch. Wir haben uns trotzdem gut verstanden. Die Kinder waren offen und nahmen mich einfach an der Hand, wenn sie mir etwas zeigen wollten. Sie halfen mir, mich einzufinden. Anfangs traute ich mich nicht zu reden, da es ja keinen Sinn hatte eine Sprache zu sprechen, die in meiner Umgebung niemand kann. Doch die Kinder redeten so fröhlich mit mir, weshalb ich bald anfing auf Deutsch zu antworten. Es ist echt schön, mit jemandem zu reden, dessen Sprache man nicht versteht. Wenn ich etwas verstehen oder erklären wollte, zeichnete ich es auf. Und entweder schrieben die stolzen Vorschulkinder mit kyrillischen Buchstaben, was ich meinen könnte, oder die Erzieher halfen mir weiter. Da ich die Schriftzeichen beherrsche, konnte ich einfache Wörter oder die Namen der Kinder lernen. Hauptsächlich unterstützte ich die Kinder in ihrem Tun. Streit schlichten konnte ich nicht, da die Kinder mir zwar in jeder Einzelheit erzählten, was der jeweils andere getan hatte, ich jedoch kein Wort verstand. Doch manchmal reichte es, den weinenden Kindern einfach verständnisvoll den Kopf zu streicheln. Den Erziehern konnte ich ansonsten nur unter die Arme greifen, wo sie mir nichts zu erklären brauchten. Also
wischte ich den Tisch, half den Kleinen beim Anziehen, teilte das Essen aus und kümmerte mich um die Kinder, die etwas mehr Aufmerksamkeit von den Erwachsenen wollten. An manchen Tagen wurde ich nach der Praktikumszeit von Eltern der Waldorfgruppe zu ihnen nach Hause eingeladen. Sie waren offen und wollten viel über Deutschland wissen. Wenn es um touristisches Wissen über Deutschland ging, kannten sie Geschichten, die ich nie gehört hatte. Ich erzählte ihnen auch von meinen Eindrücken in Wladimir. Meine Gastgeberin konnte Deutsch, und so übersetzte sie, wofür ich sehr dankbar bin. Wenn sie nicht dabei war oder gerade nicht übersetzen konnte, unterhielt ich mich mit manchen der Eltern auf Englisch. Es war kein gutes Englisch, aber wir verstanden einander. Mit einer Mutter malte ich irgendwann auch auf einer Kindertafel, immer wenn das Englisch nicht reichte. Von den Eltern, bei denen ich war, kann ich sagen: Sie sind alle kreative Waldorfeltern. Die eine Familie zeigt mir ihr Haus, das sie in einem Waldorf-Dorf selber gebaut hatten, die anderen zeigten mir, wie man Brot bäckt und Quark selber macht. Aber vor allem waren sie alle echt super lieb und fröhlich. Ich würde echt jedem Menschen, der nach Wladimir kommt, wünschen, die Menschen zu treffen, die ich getroffen habe!

Dorothee Friedrich

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