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Archive for 17. Juli 2018


„Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet“, meinte einmal Paul Cézanne. Was den französischen Maler zum Pinsel greifen ließ, ist für viele Photographen heute Antrieb, nach Orten zu suchen, wo die Vergänglichkeit alles Irdischen zerfallende Gestalt annimmt. Die sogenannten „lost places“ sind die modernen Motive der Vanitas und ersetzen die Attribute Totenschädel und Sanduhr durch den mensch- und gottverlassenen Ort.

Die Region Wladimir bietet diesem Genre ein Übermaß an Anschauungsmaterial, etwa ein ehemaliges Wasserkraftwerk an der Nerl, das, vor 65 Jahren in Betrieb genommen, einmal mit vier Turbinen und einer Leistung von 525 Kilowatt das größte von 68 seiner Art werden sollte. 30 Dörfer und vier Kolchosen erhielten von hier Strom, die bis dahin ihre Elektrizität von störanfälligen Dieselgeneratoren erhalten hatten.

Eine ganze Kaskade weiterer Wasserkraftwerke sollte an der Nerl entstehen, doch bereits Anfang der 60er Jahre stellte man in der Region hauptsächlich auf Kohle, später auf Gas um, und die Bauten blieben sich selbst überlassen.

Vor acht Jahren dann noch ein Architektenwettbewerb mit dem Vorschlag, das Ensemble zu einer Wassermühle mit Gastronomie umzubauen, doch es fand sich kein Investor.

Nur wenige Kilometer weiter, in Starodub, die Überreste einer vor einhundert Jahren gebauten Textilmanufaktur, die in den 90er Jahren aufgegeben wurde. Auch so ein Ort, den sich die Natur zurückholt. Doch bevor er verschwindet, besuchen ihn noch die Chronisten mit der Kamera. Vielleicht auch Othmar Wiesenegger, der Ende August wieder nach Wladimir aufbricht, um dort die Patina des Verfalls zu bewahren.

Vielleicht auch den Zauber der Landschaft, in dem diese verlorenen Orte liegen, wie Starodub an der Kljasma, wo 1935 ein Naturschutzgebiet zur Wiederansiedlung des Wassermaulwurfs und einige Jahre später zur Biberzucht eingerichtet wurde. Beide einst von der Ausrottung bedrohte Arten findet man heute übrigens wieder im Einzugsbereich der Kljasma. Lost places und Natur gehen eben gut zusammen.

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