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Archive for 8. Juli 2018


Es kam nicht unerwartet. Jana und Wladislaw, genannt Wlad, kennen sich seit dem 1. Januar 2015, waren unzertrennlich. Wir konnten es nicht erwarten, bis sie sich endlich entschlossen. Die Nachricht, einander Hand und Herz versprechen zu wollen, geriet dann doch zu etwas Unerwarteten – für mich, denn sie wollten es zur Feier meines fünfzigsten Geburtstages in Wladimir tun! – Ta-ta-ta…

„Tante Lena“, sagt mir Wlad! (Himmel noch mal, Tante!!!) „Wir wollen übrigens heiraten, die Ringe habe ich schon gekauft.“ Sei’s drum, soll er mich halt Tante nennen. „Und hier, Tante Lena … (Tante Motja* am Ende noch) – ein Kettchen mit unseren Namen!“ Was ist das denn für einer! Ein richtiger Husar! Ich schmelze nur so dahin. Wir flogen also mit dem Gefühl ab, einen Sohn erworben zu haben. Ich bin sehr sentimental…

9. Juni 2018. Heirat.

Die jungen Leute sprachen sich kategorisch GEGEN alle Hochzeitsbräuche aus: weder Lösegeld noch Tschastuschki**. Gut so, denn ich habe nicht jeden Tag Töchter zu verheiraten, ich kenne mich da nicht so aus.

Am Morgen ging ich zu Jana, um ihr beim Anlegen des Brautkleides zu helfen. Ein Traum von Kleid, und ich breche in Tränen aus. Die Haare hatte ihr ein Friseur gemacht, während die Visagistin noch wartete. Wozu da die Zeit umsonst verbringen. Also bitte ich: „Und mich machen Sie bitte zu einer Königin!“ Der Wunsch ging in Erfüllung. Darauf kleideten wir alle Jana als Braut. Was habe ich nur für eine schöne Tochter, besonders an diesem Tag. Ich brach in Tränen aus…

Bereit und schön, wie wir sind, holt uns Wladimir ab, der Bruder von Wladislaw (die Eltern dieser Jungs haben sich redlich Mühe gegeben), während Armin mit Wladislaw (meinen Mann nennt er übrigens nicht „Onkel Armin“) in einem anderen Auto zum Standesamt fährt. Wir fahren zum Standesamt!

Dort warten bereits die Eltern des Bräutigams. Die Unterschrift im roten Buch leistet das Paar zu Gedichten und Mendelssohn. Danach trinken wir mit der Hochzeitsgesellschaft und den Frischvermählten Schampus. Jetzt ist meine Jana also eine verheiratete Frau, sie ist jetzt Ehefrau… Eben noch ging sie in den Kindergarten und in die Schule, erst kürzlich hatte sie ihren Abschluß gemacht… Ich brach in Tränen aus…

Wlad und Jana

Darauf fahren wir in den Park Lipki. Das junge Paar läßt sich ablichten, Janas alte Freundin von der Zeitung „Pro Gorod“ hatte ihr ihre Dienste als Photographin angeboten. Die Eltern der beiden trinken unterdessen Schampus! Bitter***, auf ihr Wohl!

Jana und Wlad

Eine Stunde später begrüßen die frischgebackenen Eheleute ihre Gäste im Restaurant „Russisches Dorf“. Die wiederum antworten immer wieder mit einem „Bitter!“.

Armin und Jana

Auch hier ist wieder Janas ehemalige Kollegin von der Zeitung dabei, nun als Tamada**** der Hochzeit. Schon lange nicht mehr so gelacht! Sie schmiedete alle Gäste zusammen, wir sangen und tanzten so begeistert und beschwingt. Auch Armin beteiligte sich – mit großem Vergnügen, er gewann sogar einen Preis, eine Flasche Wodka, ein Geschenk, das man gut brauchen kann. Ha-ha-ha.

Beste Speisen wurden aufgetragen, ein super Service! Sogar die Gäste aus Deutschland aßen und lobten alles – hi-hi-hi!

Wlad und Jana

Gegen Ende des Abends dann, als wir schon mehr oder weniger unter uns waren, galt es dann, Armin näher kennenzulernen. Das ging ungefähr so: „Die Pioniere, wacker, / erfragten graderaus: / Wann bist du denn geboren? / Was hast du hier verloren? / Wo stand denn einst dein Haus? / An welchem Feld und Acker?“

Meine Tochter ist jetzt verheiratet… Ich brach in Tränen aus…

Jelena Russ, aus dem Russischen von Peter Steger

Armin und Jana; Jelena und Armin Russ

*Tante Motja, ein noch unübersetzter zeitgenössischer Familienroman der russischen Autorin Maja Kutscherskaja.

**Tschastuschki, gereimte Spaß- und Spottlieder, oft improvisiert und von Reimeschieden verfaßt.

***Bitter – Gorko – горько! Auf diesen Zuruf hin, der zu jeder russischen Hochzeit gehört, küssen sich die Brautleute, um den angeblich bitteren, sauren Wein mit ihren Lippen zu versüßen.

****Tamada, Hauptperson jeder (ursprünglich kaukasischen) russischen Festtafel, gibt den Einsatz für die Trinksprüche und hat die Gäste möglichst geistreich bei Laune zu halten.

 

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