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Archive for 3. Juli 2018


In loser Folge erscheint ab jetzt in der Übersetzung von Peter Steger Kurzprosa des Wladimirer Autors Anatolij Gawrilow. Zum Einstieg heute zwei Texte darüber, wie schnell man ins Gefängnis geraten kann.

Ich bin Künstler. Mein Hauptthema ist das Meer. Mir ist gleich, was ich esse, was ich trage und was man über mich sagt. Ich habe keine Feiertage. Mein Feiertag ist das Meer. Das Meer im Morgengrauen, am Mittag, nachts, das Meer ruhig, unruhig, das Meer in all seinen Erscheinungen. Ich komme gerade aus dem Gefängnis. Man sperrte mich ein, weil einer hochgestellten Dame auf einer Ausstellung meiner Bilder übel wurde. Ein Freund hat mich bei sich aufgenommen. Er überließ mir ein Zimmer, kaufte Pinsel, Farben, Leinwand. Und ich male wieder das Meer.

***

Ein gelangweilter Millionär ließ sich überreden, an einem Spiel teilzunehmen, bei dem man eine Woche als Obdachloser lebt. Danach wählt man drei von den echten Sandlern aus, die einem gefallen, und spendiert ihnen einen gewissen Teil seiner Millionen. Am Ende des einwöchigen Lebens auf Platte erhielten zwei Penner je ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung, während der dritte, ein Schriftsteller, mit einer Einzimmerwohnung und einem Vertrag mit einem Verlag bedacht wurde. Nach einiger Zeit bemerkt der Millionär, daß alle seine Geschenke verkauft und vertrunken sind, während der Schriftsteller sogar im Gefängnis sitzt – für den Mord an seinem Verleger.

Anatolij Gawrilow

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