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Archive for 29. April 2018


Wladimir ist ja nie um eine gute Idee verlegen, gleich ob es um Kultur oder Sport geht. Am besten gelingen die Einfälle in der Verbindung beider Felder in der Verbindung mit dem Kulinarischen. Beispiel gefällig?

Bastschuhe ohne Stollen

Wladimir läuft sich bereits warm für die Fußballweltmeisterschaft. Und da in der Partnerstadt keines der Länderspiele der FIFA ausgetragen wird, übernimmt die einstige Kapitale der Rus die Rolle der Kulturhauptstadt. Ganz offiziell, vom Sportministerium in Moskau so beschlossen. Auch wenn die lokale Elf nur in der 2. Liga spielt und Fußball ja auch eigentlich nicht als der Nationalsport gilt, läßt man in Wladimir den Ball rollen und pfeift diese fünfte Saison in Bastschuhen an. Ein traditionelles russisches Schuhwerk ohne Stollen, in dem es sich erstaunlich bequem läuft, fast wie barfuß, das aber sicher nicht für das Kicken erdacht und gemacht wurde.

Bastschuhe am männlichen Fuß

Erst recht nicht geeignet für Füße, sollte man meinen, die vor mehr als vierzig Jahren zum letzten Mal in Ballberührung kamen, also ein wenig aus der Übung geraten sind. Und dann das: Ausgerechnet der krasse Außenseiter hat das einzige Tor seiner Mannschaft auf dem bastbeschuhten Fuß und legt den einzigen Paß vor, der dem Team die Ehre hätte retten können. Wenn da nicht… Aber davon später.

Peter Steger, Anna Schukowa und Andrej Schochin

Eingeladen hat Anna Schukowa zu dem Turnier „Foodball“, die Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes der Region Wladimir, und gekommen sind gestern am späten Vormittag nicht nur die Honoratioren der Partnerstadt wie Oberstadtdirektor Andrej Schochin, sondern Spitzenköche aus sechs Ländern: aus der Türkei, aus Aserbaidschan, aus Serbien, aus Kroatien, aus Slowenien und Wolfgang P. Menge aus Seidwitz bei Creußen in Oberfranken, umständehalber und kurzerhand für die Partnerschaft unwidersprochen eingemeindet.

Peter Steger und Wolfgang P. Menge

Der Vorsitzende der deutschen Euro-Toques, der schon für die Bundeskanzlerin kochte, kann es  sich im Ruhestand leisten, nur noch für kleine Gesellschaften bis zu zwölf Personen den Löffel zu rühren und ist ansonsten viel unterwegs, um sich in aller Welt für seine Gäste Anregungen zu holen. Nun, bei seinem ersten Besuch am Goldenen Ring, zeigt er sich voll des Lobes für die geschmacklich so vielfältige und optisch überaus ansprechende Küche der Gastgeber. „1 A ist hier alles“, so sein kurzes Fazit.

Internationales Köcheteam

Aber gemeinsam auf den Rasen? Und dann noch in derartigem Schuhwerk? Wolfgang P. Menge nimmt es gelassen, geht es ruhig an – wie die übrigen Athleten übrigens auch. Es geht ja um den Spaß an der Gaudi.

Peter Steger im Interview mit dem 1. Russischen Kanal

Ein Spektakel übrigens auch, an dem bei frischem Frühlingswetter nicht nur die lokalen Medien großes Interesse zeigten.

Peter Steger in der Grätsche

Als dann aber das Los entscheidet, daß die internationale Kochauswahl gegen die heimischen Küchenmeister gleich im ersten Spiel antreten soll, packt die Gäste doch der sportliche Ehrgeiz. Schon nach der ersten Angriffswelle wird allerdings klar, wer die Partie dominiert. Rasch fällt denn auch das erste Tor, und am Ende der beiden Halbzeiten zu zwölf Minuten ist die Sache mit 5:0 eindeutig entschieden. Zu behende und variantenreich gingen die Gastgeber zu Werke, zu erfolgreich waren sie regelmäßig im Abschluß.

Peter Steger beim Torschuß – an den Pfosten

Dabei mangelte es der wenig glorreichen Sieben weniger an Chancen als vielmehr an Fortune. Immerhin wäre in den letzten Augenblicken der Begegnung beinahe noch der Ehrentreffer gelungen, kommentiert von Wiktor Gusjew, dem bekanntesten russischen Sportkommentator, mit dem einprägsamen Stabreim „Штегер в штангу – Steger an den Pfosten“. Und dann auch noch ein Traumpaß aus Erlangen zum slowenischen Stürmer, der unglücklich vergibt.

Die glücklichen Verlierer des Turniers

Dennoch: Bei der Siegerehrung mit vier Mannschaften fühlen sich dann doch alle vier Teams als Sieger, auch wenn die Mannschaft von Metro Cash & Carry Wladimir ganz oben auf dem Treppchen zu stehen kommt. Und gesiegt haben auf jeden Fall die Gastfreundschaft und die Völkerverständigung.

Türkisch-russische Gastfreundschaft

Wer gut spielt, soll auch gut essen. Dafür war gestern im Stadion Lybjed, gleich hinter dem Erlangen-Haus gelegen, bestens gesorgt. Die Köche aus den elf Austragungsorten der Weltmeisterschaft hatten auch ihre lokalen Spezialitäten mitgebracht und damit gewissermaßen die gastronomische Karte Rußlands ausgerollt. Welch ein Genuß für Gaumen und Augen. Man kann da nur Schwelgen und Schwärmen.

Tischlein-deck-dich auf Russisch

Denn die russische Küche hat viel mehr zu bieten, als gemeinhin angenommen, bietet auch andernorts völlig unbekannte Getränke wie den vitaminreichen Birkensaft, der just in dieser Jahreszeit gesammelt wird, oder macht Lust auf eingelegte Pilze mit Backwaren, die offenbar noch ganz ohne Geschmacksverstärker auskommen.

Der Fußballhimmel über Wladimir

So war denn auch reichlich Prominenz aus Moskau vertreten, um nicht nur zu degustieren, sondern auch über die Medien zu propagieren: Die Fans können kommen, die Stadien werden rechtzeitig fertig, und es ist angerichtet, denn der Mensch lebt nicht vom Fußball allein.

Kulinarisches Stilleben mit Samowar

Was kann man Schöneres berichten am Internationalen Tag der Städtepartnerschaften – ja, auch dergleichen gibt es! -, wenn sogar das Auswärtige Amt in Berlin vermerkt, die bürgerschaftlichen Beziehungen, die Volksdiplomatie, spiele eine wichtigere Rolle denn je.

Igor Kechter, Fjodor Lawrow und Peter Steger

Da ist denn auch die Ankündigung von Fjodor Lawrow, Leiter des Instituts für Tourismus Wladimir, von Bedeutung, daß sich dieser Tage in Susdal Rotarier aus der ganzen Welt auf seine Einladung hin treffen, unterstützt von Igor Kechter, dem ehemaligen Stadtdirektor der heimlichen Hauptstadt des Goldenen Rings, der nun dort ein Restaurant betreibt. Seine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der Partnerstadt Rothenburg o.d.T.  – heuer steht übrigens das dreißigjährige Jubiläum an – hat Spuren hinterlassen.

Es ist angerichtet

Am Abend dann ein Empfang für alle Aktiven auf dem Feld und an dessen Rand – im Hotel Wosnesenskaja Sloboda. Ein Festschmaus für Augen und Zunge.

Wiktor Gusjew und Peter Steger

Mit dabei Wiktor Gusjew, die Stimme des russischen Fußballs, der sich über ein kleines Präsent, das in Erlangen entwickelte Quartett zur Fußballweltmeisterschaft, sehr freut, denn sein sechzehnjähriger Sohn sammelt ausgerechnet Kartenspiele.

Anna Schukowa

Zufrieden dann denn auch Gastgeberin Anna Schukowa, die es meisterhaft versteht, die russische Gastlichkeit zu verbreiten. Man kann ihr nur viele zufriedene Gäste aus aller Welt wünschen.

Wodka aus dem Eichenfaß

Die bekommen dann vielleicht auch einen selbstgebrauten Wodka kredenzt. Ein Jahr lang reifte er in Fässern aus einer besonderen Eiche, die nur im Raum Krasnodar wächst und dem Klaren die ungewöhnliche Farbe verleiht. Vom Aroma ganz zu schweigen.

Regenbogenhimmel über der der Auferstehungskirche

Es verwundert dann auch gar niemanden mehr groß, wenn selbst der Himmel in Feierlaune gerät und Wladimir unter seinen Regenbogen stellt. Wo sollten Himmel und Erde schöner aufeinandertreffen als hier!

Fußballtorte zum Ausklang

Es bleibt der Aufruf frei nach dem Jubilar Karl Marx: „Köche aller Länder, vereinigt euch und kommt nach Wladimir!“

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