Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 27. April 2018


Wolfram Howein meinte einmal, der Blog schaffe es auch bei eher abwegigen Themen immer wieder, die Kurve nach Wladimir zu bekommen. Fast schon eine Zielvereinbarung eines Stammlesers mit der Redaktion, jedenfalls eine sinnige Sentenz zum heutigen Thema aus der russischen Kunst, das geradenwegs in die Partnerstadt führt.

Wladimirka von Isaak Lewitan

Nirgendwo steht geschrieben, „die Bilder der Tretjakow-Galerie sehen und sterben“, aber sterben, bevor man sie gesehen hat? Das Leben eines jeden Kunstfreundes bliebe schmerzlich unerfüllt. Johann Wolfgang von Goethe, der zwar Verbindung zu Rußland hielt, aber bei all seiner Reiselust nie bis nach Moskau gelangte, hätte sich dazu gewiß ein Aperçu, eine Synthese von Welt und Geist, einfallen lassen. Allein, als 1851 Pawel und Sergej Tretjakow begannen, russische Kunst zu sammeln, lag der Dichterfürst schon fast 20 Jahre bei den Vätern. Anderen kommt es also zu, sich ein Bonmot zu dieser so außergewöhnlichen Kollektion einfallen zu lassen. Der normal sterbliche Besucher freilich kann sich staunend nur freuen, hier überwältigt und erschüttert all das im Original zu sehen, was er sonst nur aus Bildbänden und als Kopie zu genießen Gelegenheit hatte. Stunde um Stunde wandert man durch die Säle und Epochen, von den Ikonen, jenen Urbildern unserer europäischen Malerei, bis zu den ersten Zeugnissen der Moderne am Vorabend der Oktoberrevolution. Und dann tut sich plötzlich dieser wolkenverhangene Himmel über der Wladimirka auf, jener Landstraße von Moskau via Wladimir nach Sibirien, wie sie Isaak Lewitan 1892 sah: https://is.gd/LxqEdN

Wladimirer Gottesmutter

Und dann die Ikone der Gottesmutter von Wladimir mit ihrem langen Weg von Konstantinopel über Kiew nach Wladimir und von da nach Moskau, wo sie seit 1395 als wundertätige Schutzpatronin der russischen Lande verehrt wird. Man findet dieses Bildnis der Erbarmerin übrigens nicht, wie man zunächst erwartet, in der Abteilung für sakrale Kunst, sondern in der museumseigenen Kirche, wo Gläubige ihre Gebete sprechen und die Glaswand – sie wird regelmäßig gewischt – küssen. Wenn es einen Ort gibt, wo man die orthodoxe Frömmigkeit erleben kann, dann hier, vor dieser Ikone, die den Menschen wohl seit neun Jahrhunderten schon den Weg zu Gott weist.

Dreifaltigkeit von Andrej Rubljow

Drei Jahrhunderte später dann die Vollendung der Ikonenmalerei mit der Dreifaltigkeit von Andrej Rubljow, des Wandermönchs, der in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale zu Wladimir das Jüngste Gericht an die Decke warf. Über Rolle und Zuordnung der drei Engel streiten die Fachleute bis heute, einig sind sich jedoch alle: Komposition, Farbgebung und Ausstrahlung gehören zum Bewegendsten, was von Menschenhand geschaffen. Dabei wollen wir es denn auch für heute belassen. Die Bilder sprechen ja für sich, kommen ohne Worte aus.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: