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Archive for 25. April 2018


„Für die guten Gaben will ich Euch alle loben, doch sollt Ihr dran denken: Der Segen kommt von oben.“ So lautet der Tagesspruch in der Herrnhuter Kirche von Sarepta in Wolgograd. Und man möchte wirklich an diesen Segen glauben, wenn man sich die gut 250jährige Geschichte der deutschen Missionare vergegenwärtigt, die zwar mit der Bekehrung der nomadisierenden Steppenvölker – sie bekannten sich bereits zum Buddhismus – nicht so recht vorankamen, dafür aber Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft am Unterlauf der Wolga einen gewaltigen Anschub gaben.

Innenraum der Kirche von Sarepta, der Herrnhuter Gemeinde zu Wolgograd

Ein Segen ruht wohl auch auf der 1991 wiedergegründeten 200-Seelen-Gemeinde mit ihrem deutsch-russischen Pastor, die sich über die Unterstützung aus Deutschland freuen kann, etwa in Gestalt der Kirchenorgel, die gern auch für Konzertveranstaltungen genutzt wird. Dennoch, der alte Glanz ist dahin. Dort, wo noch vor dem 1. Weltkrieg etwa 6.000 Deutsche und Russen zusammenlebten, prägt heute der sowjetische Wohnungsbau das Bild, während aus der Zeit der Siedler nur noch wenige Gebäude stehen, die zum Teil erst noch restauriert werden wollen. Eine Aufgabe für die deutsch-russische Zukunft, die freilich einen guten Anfang genommen hat.

Mit dem Fahrrad zur Kirche

Auch die orthodoxe Kirche steht erst am Anfang ihres Wiedererstehens. Was die Bomben der deutschen Luftwaffe und die Straßenkämpfe während der Schlacht um Stalingrad nicht schon zerstört hatten, verfiel in der Nachkriegszeit. Dafür entstehen jetzt vielerorts Kirchen und Kapellen, sogar der Wiederaufbau der Kathedrale im Zentrum kommt rasch voran.

Parkplatz für Fahrräder

Neuerdings kommt sogar der Kirchgang per Fahrrad in Mode. Die Infrastruktur dafür macht jedenfalls Fortschritte. Ein wenig mehr Radverkehr könnte es dann aber schon sein. Allerdings nur abseits der Hauptstraßen mit ihren Abgaswolken und ungeduldigen Autofahrern, wo für Pedale noch kein Platz vorgesehen ist.

Laufen oder radeln in Wolgograd?

Und die Schilder sind bisweilen nicht ganz entschieden…

Doch besser laufen?

Dann vielleicht als Alternative doch lieber laufen, zumal die Schaufensterwerbung Lust darauf macht.

Wegweiser an der Wolga-Promenade

Verlaufen kann man sich jedenfalls nicht in Wolgograd, wo sich alles auf einem engen Streifen entlang dem Strom ausrichtet, wo auf einer Länge von 90 km knapp über eine Million Menschen leben. Allenthalben Wegweiser, wenn auch nicht überall so ganz ernst gemeint, ansonsten allenthalben offene Einheimische, die den Fremden gern weiterhelfen.

Pjotr und Fewronia aus Murom in Wolgograd

Und schon steht man vor dem Denkmal für die das heilige Paar, Pjotr und Fewronia, die in Murom als Ordensleute lebten, schließlich doch zusammenfanden und heute als Patrone der Eheleute verehrt werden: https://is.gd/11eMo4

Geschlossenes Kaufhaus über der einstigen Kommandostelle von Friedrich Paulus

Weit hat man es zu Fuß auch nicht bis zu jenem Ort, wo sich Friedrich Paulus mit seinem Stab verbarrikadiert hatte. Von hier brachte man den treuen Statthalter des Führers dann nach Susdal in die Gefangenschaft, bevor er, wenig erfolgreich, als Sprachrohr der Antifa agierte und später in die DDR entlassen wurde, wo er ebenfalls scheiterte.

Platz der Gefallenen Kämpfer, wo am 31. Januar 1943 Generalfeldmarschall Paulus mit seinem Stab in Gefangenschaft geriet.

Hätte er nur den Mut aufgebracht, sich der Order seines obersten Befehlshabers zu widersetzen! Am Verlauf des Krieges hätte es nichts geändert, aber ungezählte Menschenleben wären gerettet gewesen, unsägliches Leid wäre nie geschehen.

Architektur des Himmels über Wolgograd

Die gemeinen Gefangenen hatten es weniger komfortabel. Und sie hatten den Wiederaufbau der Stadt zu leisten. Ganze Straßenzüge zeugen noch heute von ihrer Hände Arbeit. Die Wiedergutmachung blieb Sache jener, die mitgelaufen waren, in Reih und Glied marschierten und parierten.

Herrenausstatter „Kanzler“

Über die Geschichte der Schlacht berichtete der Blog bereits ausführlich vom 5. bis 7. Juni 2016, nachzuschlagen unter https://is.gd/lp1o8y, https://is.gd/y30KT0 und https://is.gd/tba6V0. Heute deshalb zum Ausklang „nur“ ein Zitat aus einem Gedicht ohne Titel von Georgij Iwanow, übersetzt von Kay Borowsky:

Moskau und „Westfalika-Schuhe“

Rußland ist Schweigen, der Asche Spur. / Vielleicht besteht es aus Zittern nur.

Deutsche Schuhe

Ein Lagermorgen bescheint das Land, / für das die Welt keinen Namen fand.

Die „deutsche“ Weihnacht läßt grüßen

Da kommt einem wieder jener Segen von oben in den Sinn, wenn man all den Attributen des Alltags begegnet, mit denen man heute in Wolgograd Deutschland – auch – verbindet.

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