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Archive for 23. April 2018


Hört man den Namen „Wolgograd“, denkt man natürlich gerade als Deutscher zunächst an die gnadenlose Zerstörung einer ganzen Stadt, damals nach Stalin benannt, an unendliches Leid, das zur Wende im Zweiten Weltkrieg führte. Aber es gibt hier, am längsten Strom Europas, auch eine friedliche Geschichte des Miteinanders von Russen und Deutschen, die im grausamen Strudel des Unternehmens Barbarossa untergegangen schien.

Mutter Heimat auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd

Auch hier vor Ort hatte man diesen Teil des einstigen Miteinanders fast vergessen, die Gebäude dem Fraß der Zeit überlassen. Nun aber erinnert ein Museum an eine fruchtbare Zeit, die zurückreicht in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als eine fünfköpfige Gesandtschaft der Herrnhuter Brüdergemeinde etwa 30 km südlich von Zarizyn, dem heutigen Wolgograd, an der Sarpe am 14. September 1765 auf Einladung von Zarin Katharina II ihre fast 7.000 ha große Kolonie gründete. Angeführt von Daniel Fick, verfolgten die deutschen Missionare zwar hauptsächlich das Ziel, die nomadisierenden Völker im Südosten des Russischen Reichs zum Christentum zu bekehren, doch die Männer in der Nachfolge von Jan Hus, die ihre Siedlung nach dem Vorbild von Herrnhut in der Niederlausitz bauten und den Ort nach dem Zitat aus dem 1. Buch der Könige nannten: „Mach dich auf, und geh nach Sarepta…“, brachten auch andere Tugenden und Errungenschaften mit in die Steppe.

Aushang am Museum

Die „Himmelsstadt“ hatte die Form eines Kreuzes, Zentrum und Friedhof waren angelegt wie der blühende Paradiesgarten, und die Gemeinschaft kannte keine Unterschiede zwischen Rassen und Klassen. Zur Grundausstattung der Herrnhuter gehörten nationale und konfessionelle Toleranz, weshalb auch rasch Kalmücken Aufnahme fanden, wenn sie denn das ihnen von Gott zugedachte Los annahmen. Dieses Geschick bestimmte auch das Eheleben, denn die Frauen wurden den Männern lange Zeit zugelost. Die Braut ging nämlich nur eine stellvertretende Ehe mit ihrem irdischen Gatten ein, das Ja-Wort gab sie eigentlich ihrem himmlischen Bräutigam, Jesus Christus. So schickte man sich denn auch in Tod eher als in ein stilles Fest, während man sein Erdendasein im Geist der Askese, des Fleißes und der Barmherzigkeit annahm. Das öffentliche Leben war streng in Gemeinschaften, Chöre genannt, geregelt, aufgeteilt nach Knaben, Mädchen, ledigen Brüdern und Schwestern, verwitweten und verheirateten Mitgliedern, die auch in der Kirche und auf dem Friedhof ihren festen Platz und sogar ihre eigenen Lieder für alle Lebenslagen hatten.

Im Zentrum von Sarepta

Das Los wollte es auch, daß die Herrnhuter an der Wolga den Bauernkrieg von 1774 ebenso überstanden wie die Überschwemmungen im Jahr 1823. Erst die Oktoberrevolution und die nachfolgenden Repressionen durch die Kommunisten setzen der Gemeinschaft ein böses Ende mit Vertreibung und Tod. Doch die Erinnerung an diese Deutschen bleibt, die Sarepta zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum am Unterlauf der Wolga machten.

Kirche aus dem Ende des 18. Jahrhunderts

Sie brachten Senf und Kartoffeln her und begannen sogar den landesweit nördlichsten Anbau von Wein. Die hier hergestellten Produkte wie Balsam oder Pfefferkuchen fanden weit über die Region hinaus Absatz, das hier gebraute Melonenbier galt sogar als Wundermittel für Schwangere. Textilien, Ziegel, Tabak, Seife… Eine lange Liste von Artikeln ließe sich zusammenstellen, die innerhalb der heutigen Stadtgrenzen von Wolgograd produziert wurden. Hier baute man die erste Wasserleitung, den ersten Aufzug, das erste Museum, die erste öffentliche Bibliothek, den ersten Kindergarten des südlichen Teils des Zarenreichs. Sogar der Grundstein für die russische Photographie wurde hier gelegt. Nirgendwo sonst gab es so viele Gelehrte im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, nirgendwo bessere Ärzte, nirgendwo mehr Möglichkeiten für einen Kuraufenthalt, hatte die Gemeinschaft doch in einer Pionierleistung mineralische Quellen und Schlammvorkommen erschlossen, die vor allem Aristokraten schon im 18. Jahrhundert zu schätzen wußten.

Haus der unverheirateten Frauen, erbaut Ende des 18. Jahrhunderts

Heute erinnert ein bereits 1989 aufwendig eingerichtetes Museum an jene Zeit dieser stillen und arbeitssamen Verkünder des Evangeliums, die nicht viel von lärmendem Zeitvertreib hielten und lieber singend und betend den Herrn priesen.

Stalingrad

Aber – welch ein Mißverständnis später im Dritten Reich! – die freikirchliche Gemeinschaft begrüßte in ihrer Mehrheit durchaus die Machtergreifung der Faschisten. Noch 1941 hieß es beispielsweise im Wochenblatt „Herrnhut“ zum „Geburtstag des Führers“: „Der Weg Adolf Hitlers zum Führer des deutschen Volkes und zum obersten Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht ist so eigenartig, daß es den Generationen, die nach uns kommen […] als ein kaum faßbares Wunder erscheinen wird.“ Welch ein Irrglaube an ein Wunder, das vor 75 Jahren im gottlosen Inferno von Stalingrad endete. Welch ein kaum faßbares Wunder der Geschichte, wenn heute Deutsche und Russen wieder füreinander da sein können.

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