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Archive for 15. April 2018


Die Leibeigenschaft gehört zu den schweren Kapiteln der russischen Geschichte. Ausgerechnet unter der aufgeklärten Zarin Katharina I aus dem Fürstentum Anhalt-Zerbst nahm diese Art des Frondienstes besonders grausame Züge an, die Entrechtung der Bauern, die von ihren Gutsherren oft als Pfand bei Glücksspielen eingesetzt oder gegen Windhunde eingetauscht wurden, nahm oft skandalöse Ausmaße an und unterschied sich wohl nur noch formell von der Sklaverei mit ihrem – vor allem in der Neuen Welt – rassistischen Merkmal. Das Russische Reich schaffte unter Zar Alexander II die Leibeigenschaft als letzter Staat Europas im Jahre 1861 ab, immerhin aber noch vier Jahre vor der Aufhebung der Sklaverei in den USA.

Sergej Korowin: Vor der Auspeitschung

Nun lenkt der Wladimirer Journalist, Dmitrij Artjuch, die Aufmerksamkeit auf einige besonders unbarmherzige Fälle der Leibeigenschaft in seiner Heimatstadt, wo es vor 160 Jahren, also sozusagen am Vorabend der Bauernbefreiung, noch einmal zu unglaublichen Exzessen vor allem eines Großgrundbesitzers mit Namen Iwan Sadajewo-Kaschanskij kam. Für „rotzfreche Vergehen und nichthinnehmbares Verhalten“ schickte er ganze Familien – er hatte ja die Gerichtsbarkeit über seine Seelen inne – nach Sibirien. Dabei hatten sie sich nur geweigert, dem Befehl zu folgen, in andere Dörfer umzuziehen und dort wesentlich unfruchtbarerer Böden zu bestellen, also unter erschwerten Bedingungen die Fron zu erwirtschaften. Den weiten Weg bis Tobolsk, den Verbannungsort, mußten die Männer in Gewaltmärschen in Fußschellen, die Frauen und Kinder unter strenger Aufsicht zurücklegen, andere zwang man als Rekruten in die Armee. Vorher aber noch bekamen die „aufsässigen Bauern“ noch die Rute zu spüren. In einem seiner Dörfer hatte der Grundherr einen „Strafraum“ eingerichtet, wo die Züchtigungen vorgenommen wurden. Es heißt, die Wände seien dort rot vom Blut der Malträtierten gewesen.

Der Ukas von Zar Alexander II zur Abschaffung der Leibeigenschaft

Doch die Geschichte nimmt einen tröstlichen Ausgang. 70 Bauern im Besitz der Familie Sadajewo-Koschanskij machten sich nach Wladimir auf, um sich über die Willkür ihres Gutsherrn zu beschweren. So kurz vor der Abschaffung der Leibeigenschaft nahmen die Behörden die Klage ernst, reichten die Eingabe weiter an den Hof nach Sankt Petersburg, und dort erging am 27. Juli 1858 der Ukas des Zaren, Iwan Sadajewo-Koschanskij seines Postens als Vorsitzender des Adelsrats der Wladimirer Kreisstadt Sudogda zu entheben und die Güter seiner Familie unter die Kontrolle des Staates zu stellen. Mehr noch, die Familie mußte in ihrem Anwesen in Wladimir bleiben und durfte nicht mehr auf ihre Güter zurück und dort Bauern zur eigenen Bedienung anstellen oder auch nur Anstalten machen, sich neue Leibeigene zu erwerben. Und die Verbannten? Sie waren mittlerweile schon in Perm angekommen und brauchten nun nicht weiter bis nach Sibirien ziehen. In ihre Dörfer um Wladimir kehrten sie zwar nicht zurück, aber immerhin siedelte man sie auf Staatsgütern im Gouvernement Kurgan im Ural an, wo sich ihre Spuren verlieren, wo sie aber hoffentlich ein erträgliches Auskommen fanden.

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