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Archive for 4. April 2018


Es gibt Vorfälle, von denen man sich wünscht, sie seien nie geschehen, erinnern sie doch allzu sehr an die grausamsten Szenen aus dem 1962 erschienenen Roman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess, angesiedelt in der näheren Zukunft, also mittlerweile wohl in unseren Tagen. Das Buch stellt die Frage: „Is it better for a man to have chosen evil than to have good imposed upon him?“ und beantwortet sie mit einer „Ultra-Brutale“, einem Totschlag in Folge von „Tollschocks“, wie Schläge in dem „Nadsat“ genannten Jargon heißen, den Alex und seine Gang verwenden.

Wechsel von Ort und Zeit – vom fiktiven London vor fast 60 Jahren ins Moskau vom 31. März 2018. Da erschlug eine Rotte junger Männer auf offener Straße einen 42jährigen Menschen, dessen Äußeres den Angreifern mißfiel. Es handelte sich um Jewgenij Sapajew aus Welikowo, einem Dorf im Landkreis Gorochowez, Region Wladimir. Sein Vergehen: Seit Kindheit fühlte er sich in seinem männlichen Körper nicht wohl, wollte Frau werden und sein. Dazu war er bereit, sich selbst zu verstümmeln, durchaus fachkundig übrigens, wie die behandelnden Ärzte in Nischnij Nowgorod anerkennend bestätigten. Vier Operationen führte der alleinstehende Transsexuelle nach intensivem Studium von Fachliteratur unter Narkose eigenhändig an sich selbst aus und fuhr jeweils anschließend mit dem Zug in ein Krankenhaus in der Stadt am Zusammenfluß von Wolga und Oka, weil er den Medizinern vor Ort nicht vertraute. Warum die schier unvorstellbare Pein? Für den kostspieligen Eingriff fehlten die Mittel.

Jewgenij Sapajew in einer seiner Filmrollen

Doch noch eine ganz andere Pein nahm Jewgenij Sapajew, dessen Eltern schon in seiner Jugend verstorben waren, auf sich: Um Geld zu verdienen, mimte er in Filmen den ganzen Kerl und setzte sich später in Talkshows dem eifrigen Geifer des Publikums aus, wenn er von sich und seinem Wesen sprach. Was da so alles in Kommentarspalten geschrieben stand, erspart der Blog seiner Leserschaft.

Jewgenij Sapajew im TV unter der Überschrift „Gliedverstümmelung“

Nun hat man ihn, der einfach nur er selbst sein wollte, wie die Bloggerin Jewgenia Sundukjan in der Komsomolskaja Pradwa schreibt, umgebracht, „weil er einen Traum hatte“, weil es „bei uns Menschen voller Vorurteile gibt, die alle wissen, wie man richtig zu leben habe, für wen man kein Mitgefühl aufzubringen brauche.“

Jewgenij Sapajew als Nastja

Vier Jahre lang hatte es gedauert bis das Geld beisammen war. Neben den sporadischen Engagements bei den Medien brachten Arbeiten als Streckengeher bei der Bahn oder als Gehilfe in der Viehwirtschaft den einen oder anderen Rubel ein. Bis es reichte für die entscheidende Operation in Moskau. Bei seiner letzten Selbstverarztung hatte Jewgenij Sapajew, der sich mittlerweile Nastja nannte, besondere Sorgfalt walten lassen, so daß es möglich gewesen wäre, die Geschlechtsumwandlung erfolgreich durchzuführen. Aber es sollte nicht mehr dazu kommen. Welch eine Tragik auch vor dem Hintergrund, daß bereits 1970 Viktors Kalnbērzs die erste Operation dieser Art in der UdSSR vorgenommen hatte, die übrigens 20 Jahre lang der Geheimhaltung unterlag, da nicht ins ideologische Weltbild passend…

Nach Auskunft einer Freundin brachte man die Leiche nicht zurück in die Wladimirer Heimat, man setzte Jewgenij Sapajew vielmehr an einem unbekannten Ort als Obdachlosen in Moskau bei, womit sich wieder der Kreis zu „Clockwork Orange“ in London schließt. Oder soll man noch weiter zurückgehen? Bis zum Evangelium nach Lukas, wo es heißt: „Und Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn es waren viele böse Geister in ihn gefahren.“

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