Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 1. April 2018


„Leichtfertige Späße aber und albernes oder zum Lachen reizendes Geschwätz verdammen wir allzeit und überall, und keinem Jünger erlauben wir, zu derlei Reden den Mund zu öffnen.“ So wird Bendedikt zitiert, Gründer des nach ihm benannten Ordens, dessen Regelwerk auf dem Dreiklang „Ora et labora et lege“ ruht. Für das Beten und Arbeiten sind andere zuständig, zum Lesen aufzufordern, ist freilich Bestimmung des Blogs, der sich heute – naheliegend und bereits anklingend – einem religiösen Thema widmet.

An den hl. Benedikt anknüpfend fordert der Wladimirer Wandermönch Dementij Sawonarolskij schon im 14. Jahrhundert: „Die Komödien wurden geschrieben, um die Leute zum Lachen zu bringen, und das war schlecht. Unser Herr Jesus hat weder Komödien noch Fabeln erzählt, ausschließlich klare Gleichungen, die uns allegorisch lehren, wie wir ins Paradies gelangen, und so soll es bleiben.“ Diese strenge Observanz bewahrt die russisch-orthodoxe Kirche bis heute und besinnt sich dessen besonders heute, wo das Osterfest, der höchste Feiertag der östlichen Christenheit, justament auf den 1. April fällt. Ein Streich des Kalenders gewissermaßen, dem entgegenzuwirken nun vom Patriarchen in Moskau eine Kommission unter dem Vorsitz des Wladimirer Erzpriesters, Polikarp Besschutok, mit dem Auftrag einberufen wurde, künftig diese unziemliche Koinzidenz zu verhindern.

Überhaupt wurde dieser Tag der Narren von ausländischen Angehörigen des Hofs von Peter I. ins Russische Reich eingeführt. Dem Zaren gefielen die Späße über die Maßen und, laut dem Zeugnis eines Zeitgenossen, habe sich Ihre Majestät sogar selbst zum 1. April Streiche einfallen lassen. Verbürgt ist in jedem Fall für das Jahr 1700 die Ankündigung einer Gruppe von Fakiren in Moskau, wonach einer der Artisten bei der nächsten Vorstellung durch den Hals einer gewöhnlichen Flasche in das Innere des Behältnisses schlüpfen werde. Nicht verwunderlich, daß die Schaulustigen in rauhen Mengen anrückten. Auch der Zar mischte sich unters Publikum und erblickte mit allen anderen, als sich der Vorhang hob, auf der Bühne eine Flasche mit der Aufschrift „1. April“. Der Kommentar des gekrönten Hauptes – „Freiheit der Komödianten“ – markiert wohl den Siegeszug des Possen zum Monatsersten auch im Russischen Reich.

Doch Peter der Große gilt bis heute vielen Rechtgläubigen wegen seiner kirchenfeindlichen Politik als der Antichrist, und nun auch noch das: das Fest der Auferstehung des Herrn fällt auf den Tag, der nichts ernst nimmt, dem nichts heilig ist. Man darf gespannt sein, welche Eingebung des Heiligen Geistes den Kirchenmännern weiterhilft, um Spott und leichtfertige Späße an Ostern in Zukunft zu verhindern. Schon wird von einer Kalenderreform gemunkelt. Aber warten wir es geduldig ab.

Aleksandrov3

Alexandrow mit der Residenz von Iwan dem Schrecklichen

Geduld braucht es ohnehin in der Geschichte. Aber die wird dann auch belohnt; früher oder später kommt nämlich doch alles ans Licht. So auch der Hintergrund des gegenwärtigen Zerwürfnisses zwischen London und Moskau, das, wie der sensationelle Fund eines Sendschreibens in Alexandrow zeigt, seinen Anfang schon im 16. Jahrhundert nahm. Iwan der Schreckliche hatte ja 1564 den provisorischen Umzug seiner Residenz in das Provinzstädtchen befohlen, heute im Gouvernement Wladimir gelegen, und dort ein Archiv anlegen lassen, das es in sich hat. Einem codierten Brief, den zu entschlüsseln erst jetzt gelungen ist, kann man nämlich entnehmen, daß es Königin Elisabeth persönlich war, die dem am Zarenhof dienenden englischen Arzt, Johann Eiloff, den Geheimauftrag erteilte, den Herrscher des Russischen Reichs mit „graduell zu steigernden Verabreichungen von Quecksilber“ schleichend zu vergiften. Nachdem bereits dessen Thronfolger, Iwan V, auf die gleiche Weise beseitigt worden war – zu den Hintergründen laufen die Ermittlungen noch – meinte man, leichtes Spiel mit Rußland zu haben: Während einer Zeit der Wirren, der Selbstfindung und des Bürgerkriegs mit anschließenden Kämpfen von Rivalen um den Thron, glaubte man in London, sich die erste große Kolonie im Osten Europas sichern zu können. Es kam anders, wie wir heute wissen, aber es hätte auch alles genau so werden können. Wer weiß das schon…

Frohe Ostern

Frohe und Fröhliche Ostern!

 

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: