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Archive for 8. März 2018


Erzählt man von Sibirien und dem Baikal, gerät man rasch in eine Endlosschleife von Superlativen, die all jene, die nie Gelegenheit hatten, Land und Leute kennenzulernen, rasch wie eine Aneinanderreihung von außer Rand und Band geratenen Übertreibungen anmuten können. Dabei ist es ganz anders: Dieser Teil der Erde sprengt einfach die Vorstellungskraft von uns kleinteiligen Westeuropäern, ist nicht geschaffen für unseren Begriff von der Welt, sprengt jedes Bild, das wir uns von ihm zu machen versuchen, bleibt noch weiter hinter jede Hyperbel zurück.

Der Ostsajan aus dem Busfenster gesehen

Allein das Ostsajangebirge, hinter dem schon die Mongolei liegt und in dessen westlichem Schatten der Baikal auf sein burjatisches Ufer trifft, verdiente mit der tausend Kilometer langen Kette von Gipfeln jede denkbare Steigerungsform. Aber es bleibt keine Zeit für die Kavalkade von acht Kleinbussen, die um 8.00 Uhr vom Hotel in Baikalsk startet – übrigens, zurückhaltend formuliert, ein Wintersportzentrum, das den Vergleich mit Skiparadiesen in den Alpen nicht zu scheuen braucht -, wo die mittlerweile 140köpfige Gruppe ihr Nachquartier bezogen hatte. Ausgestattet mit zwei Rufnummern für den Notfall, der im Vorjahr, beim 13. Marathon, tatsächlich eingetreten war: Ein 35jähriger Russe, der noch nie diese Distanz gelaufen war, wollte es sich selbst beweisen, übernahm sich und überforderte sein Herz. Dieser Todesfall machte die Veranstalter vorsichtig. Neben einem ärztlichen Attest wird auch der Nachweis über bereits absolvierte Läufe mit Mindestzeiten gefordert, um zugelassen zu werden.

Zum Start in Tanchoje

Ein sibirisches Hoch, Sonne und Schnee, ist man zu denken versucht, wenn man die Bilder sieht. Aber der Wetterbericht meldete am Morgen: „Heute ist es kälter als gestern“. In Zahlen: Knapp unter -20° C hatte es gestern gegen 10.45 Uhr am Start in Tanchoje. Was aber fehlte in der Vorhersage, war der Wind, den so auch die Veranstalter bei aller lobenswerten Vorbereitung und Durchführung des Laufs nicht auf der Rechnung hatten. Ein Wind wie aus einem Nachtmahr von Sir Francis Beaufort.

Zum Start

Was als steife Brise begann – es sei vorweggenommen -, wuchs sich auf der Trasse zu einem veritablen Schneesturm aus, der die Schiedsrichter veranlaßte, das Rennen auf halber Strecke bei Kilometer 21 abzubrechen. Nur einem einzigen Läufer – er hatte das Feld angeführt – war es gelungen, die ganze Distanz zurückzulegen. Er war schneller als die Veranstalter die Entscheidung fällen konnten… Ein bitterer Entschluß, aber gerechtfertigt. Leider hielt die Batterie der Kamera von Jenoptik den Extrembedingungen auf dem Eis des Baikal nicht stand, weshalb keine Bilder von der Strecke verfügbar sind. Der Leser folge also den bloßen wörtlichen Schilderungen auf Treu und Glauben.

Alles bereit zum Start

Schon nach den ersten Metern ließ sich eine deutschsprachige Läuferin mit den keuchenden Worten vernehmen: „Das ist doch gar nicht zu schaffen, da kommt man ja nie durch…“ Sie schaffte den Halbmarathon dann übrigens in dreieinhalb Stunden und war enttäuscht, nicht die volle Strecke laufen zu können. Aber die ersten fünf Kilometer – das räumten auch winterharte Sibirjaken ein – forderten wirklich alles, was man an Kraft aufbieten konnte. Wohl dem, der da an den Hängen in Richtung Kalchreuth oder den Steigungen des Burgbergs tapfer trainierte, und wohl dem, der die Fastenzeit dazu nutzte, den Appetit zu zügeln. Schwere Läufer hatten gestern nämlich einen schweren Stand. Die Trasse war nur gespurt, nicht gewalzt, und mit roten Fähnchen markiert. Der Schnee butterweich, ohne rechten Halt zu bieten. Jeder Schritt zählte für mindestens zwei. Nur nicht zu tief im Weiß versinken. Es dauerte, bis man da seinen Rhythmus fand und vor allem die Stelle und Lücke, wohin man den Fuß am besten setzte, um möglichst Energie zu sparen. Der so unberechenbare Wind blies dabei immer heftiger von Südost, bis er schließlich ganz auf Osten drehte. Mit einer unerwartet erfreulichen Wendung: Die позёмка, also der Schneesturm bei blauem Himmel, einem sibirischen Phänomen, verwehte zwar die Spur, so daß zum Teil nur noch mit Mühe die Begrenzungsfähnchen zu sehen waren, aber daneben taten sich immer einmal wieder freie Eisflächen auf – der ideale Untergrund für die Icebugs mit ihren Spikes und, wie sich herausstellte, einer unglaublich guten Wärmeisolierung -, mehr aber noch tauchten nun aus dem weißen Meer kleine Strecken mit einem feinen Harsch, einem brüchigen Firnis auf, der mancherorts dazu verlockte, wieder ein wenig Tempo zu machen. Bis zum nächsten Einbruch der Decke, bis zur nächsten Verwehung mit feinstem Pulverschnee, vergleichbar nur mit dem lockeren Sand am Strand der Kurischen Nehrung.

Das „Team Erlangen“ mit Peter Steger startklar

Ein Lauf auf Sicht also mit viel Unvorhergesehenem, zumal sich der Horizont immer enger schloß, bald alles im Schneesturm wie im Nebeldämmer versank. Aber noch sind wir bei Kilometer 5, wo der Wind erst so richtig zulegte und ganz auf Ost drehte, spürbar daran, daß das rechte Auge nur noch Weiß sah und sich buchstäblich zusehends zu einem schmalen Schlitz verwandelte. Zeit, die Skibrille aufzusetzen, die tatsächlich auch gleich Abhilfe schuf. Verstand und Selbsterhaltungstrieb funktionierten also noch. Zugleich aber stieg eine überwältigende Welle unbändiger Euphorie auf, die den verwegenen Gedanken gebar: „Warum nicht den ganzen Marathon laufen und sich selbst und das am Westufer wartende „Team Erlangen“ überraschen?“ Ein Moment, wo alles, sogar dieser Durchmarsch, möglich schien. Für die erste Labestation auf Kilometer 7 blieb denn auch nur ein freundliches Winken, weder Tee noch fester Kraftstoff konnten locken, weiter sollte es gehen, immer weiter… Endlich im eigenen Rhythmus mit gleichmäßigem Atmen, das ungeachtet der frostigen Luft durch Mund wie Nase ohne Anstrengung gelang. Die Kleidung – vom Schuhwerk war schon die Rede – erwies sich als ideal kombiniert, kein Schwitzen, kein Frieren. So konnte es weitergehen, bisweilen sogar mit Beschleunigungsintervallen und mit gutem Tempo, im vorderen Mittelfeld positioniert – bis zum nächsten Halt bei Kilometer 15. Da täte ein Schluck warmen Tees sicher gut, und vielleicht ein Stück Käse, eine Handvoll Nüsse, ein kleiner Plausch mit den winkenden Mädels, die hier am Gabentisch ausharrten. Doch die Blicke wirkten besorgt: „Geht es Ihnen gut?“ – „Ja! Klar! Bestens!“ Ohne Zögern. „Aber Ihre Nase ist ganz weiß! Die sieht aus wie erfroren“, so die keinen Widerspruch duldende Diagnose, bestätigt von einem Kollegen. „Ist das schon das Ende? Nehmen sie dich jetzt vom Rennen?“ So schlimm kam es dann doch nicht: „Ab in die Wärme!“ so die Therapie. Da saßen schon einige in dem bereitstehenden Luftkissenfahrzeug und harrten der Dinge, die da kommen sollte, manche wohl auf den Heimtransport… Da besann sich der Erlanger der Mund- und Nasenmaske, die ihm Jelena Bruk am Vortag zugesteckt hatte – „für den Notfall, wenn es wirklich eisig wird!“ – schnallte sie sich um und war keine fünf Minuten später wieder auf der Trasse – ob mit Wissen der aufmerksamen Streckenwärter oder nicht. Jedenfalls nicht mehr so naseweis wie zuvor…

Ankunft in Listwjanka

Der stete Ostwind zeigte keine Gnade und bewies wütig dem letzten Zweifler, was in ihm steckte. Es war ein Wehen ohne Stehen, ein Treiben ohne Bleiben. Der Schnee kreiselte, sprang, hüpfte, zog ganze Schleier über das unabsehbare Eis, verfinsterte die Sicht auf die schemenhaften Läufer vor einem. Fast scheute man sich, zum Überholen anzusetzen, weil dann wieder für längere Zeit die Orientierung für die Entfernungen fehlte. Und weil man dann wieder ganz alleine war, alleine mit sich, dem Wind, der Kälte, dem Schnee, dem Eis – und dem Wunsch durchzuhalten. Auf den letzten Kilometern zeigte denn auch der Extremlauf spürbar Wirkung. Kein Gedanke mehr daran, bis nach Listwjanka die 42 km durchzulaufen. Es blieb nur noch der eiserne Wille, Kilometer 21 zu erreichen. Immer wieder stolpernd, wenn eine Schneewehe übersehen wurde oder einer jener gefürchteten Risse im Eis, die Barrieren errichten, erst zu erkennen, wenn es fast zu spät ist. Dabei stets das Heulen des Ostwinds im rechten Ohr, gut geschützt unter der Maske. Und eine umständebedingte Besonderheit: kein anfeuerndes Publikum am Wegesrand, nur der eigene Atem, das Knirschen der Schritte und Sprünge sowie die treuen Begleiter Eis und Schnee und Wind unter einer ohnmächtig fahlen Sonne.

Peter Stegers Zieleinlauf nachgestellt

Des Chronisten Kunst scheitert an der Beschreibung des Glücksgefühls beim Einlauf mit einer persönlichen Fabelzeit von zwei Stunden und 20 Minuten, wo es doch auf Tempo gar nicht ankommt bei diesem Lauf, der wohl jedes Mal andere Bedingungen und Herausforderungen an die Teilnehmer stellt. Viel länger als das Rennen durch Eis und Schnee dauerte dann leider die Weiterfahrt im warmen Luftkissenfahrzeug, denn die Organisatoren hatten ja ursprünglich vorgesehen, nur die Halbmarathon-Läufer auf diesem Weg nach Listwjanka, ans Westufer des Baikal, zu bringen. Nun fehlte es an Kapazitäten, und wie es die Umstände eben so wollten, mußte der tapfere Rest des „Teams Erlangen“ Stunde um Stunde auf das Eintreffen von Nummer 129 warten.

Im Ziel: Jelena Bruk, Peter Steger, Elisabeth Preuß und Fredi Schmidt

Das tat der Stimmung freilich keinen Abbruch. Übergroße Freude, Gratulationen, Umarmungen. Ein starkes Team! Danke für diese großartige Unterstützung. Danke an dieser Stelle besonders auch an die eigene Frau, die manches Mal hat schlucken müssen, wenn der laufwütige Gatte einmal wieder in Richtung Wald davonrannte, und die dennoch von Beginn an das „Unternehmen Baikal“ von Herzen unterstützte, für die richtige Kleidung sorgte, von zu Hause aus mitfieberte. Es hat sich gelohnt. Unüberbietbar. Der Lauf des Lebens. „Ein Traum“ eben, wie Fredi Schmidt das formulierte. Mehr zur Veranstaltung unter http://www.baikal-marathon.org

Peter Steger, Jelena Bruk, Fredi Schmidt und Elisabeth Preuß in Listwjanka

Ein Nachwort noch zum Traum: Sie erinnern sich an jenen Moment der Hybris, als der Läufer noch glaubte, den ganzen Marathon zu schaffen. Es ist ja vielleicht ganz gut, wenn sich nicht gleich alle Träume erfüllen. Manche brauchen eben noch etwas Zeit und Kraft. Nur „einmal im Leben sollte man schon einen Marathon laufen“, so einer der beiden einzigen Athleten aus dem Feld, die älter waren als die Nr. 129, ein drahtiger Mittsechziger aus Irkutsk. Kommt Zeit, kommt Rat. Aber vielleicht sollte dieser Lauf ja auch wirklich in dessen Wortes ganzem Sinne einmalig bleiben.

Bleibt nur noch – und das ist nun des Bloggers schönste und edelste Pflicht – allen Leserinnen zum Internationalen Frauentag zu gratulieren. Schön, wunderschön, daß es Sie und Euch gibt. Bleibt uns Männern bitte auch zukünftig gewogen, selbst wenn wir es unseren Frauen beileibe nicht immer einfach machen, wofür dieser Lauf nur ein Beispiel für viele ist…

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