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Archive for 5. März 2018


Um den Baikal ranken sich so viele Legenden wie Völker und Stämme all die Jahrtausende schauend nur schauend an seinen Ufern standen. Einige dieser Überlieferungen gehen weit in die Menschheitsgeschichte zurück und haben tatsächlich auch einen wahren Kern, der noch heute zu erkennen ist. Nicht von ungefähr versammeln sich hier bis heute Schamanen und Parapsychologen aus der ganzen Welt. Und selbst bodenständige, für jenseitige Phantasmagorien wenig empfängliche Zeitgenossen können sich nicht einer gewissen Magie entziehen, geraten in den Bann einer Kraft, die sich wohl nur hier zu erkennen gibt.

Schamanenplatz über dem Baikal mit Jelena Bruk, Elisabeth Preuß und Fredi Schmidt

Es ist die schiere Urgewalt der Elemente von Wasser und Erde, die niemanden unbeteiligt läßt, ausgeübt in einem so überreich orchestrierten Zusammenspiel von Licht und Leben. Es sind aber auch Phänomene, die tief unten auf dem Grund des Sees seit Millionen von Jahren am Werk sind und die Erde bis heute so gut wie jeden Tag im Jahr einmal beben lassen, kaum merklich für den Menschen, sichtbar aber gerade jetzt am Eis mit seinen vielen Sprüngen und Aufschichtungen, hervorgerufen von ruckartigen Bewegungen der Wassermassen nach den immer wiederkehrenden tektonischen Hebungen und Senkungen.

Jelena Bruk, Elisabeth Preuß und Fredi Schmidt beim Eisgang

Eben mit diesen hat auch eine der bekanntesten Legenden der Burjaten zu tun, erzählt sie doch von einem Erdbeben, das vor Urzeiten das Land ergriffen habe. Die Erde wurde entzweigerissen, Feuer schlug aus der Tiefe empor und verschlang alles, was auf seinem Weg lag. Den Menschen blieb nichts als die Flucht übrig und der Trost im Gebet. Die Götter aber stellten sich taub, wollten die Hilferufe nicht erhören. Schon ganz entkräftet, wiederholten die Menschen am Ende nur noch zwei Worte: „Baj gal!“ Übersetzt bedeutet dies: „Lösche das Feuer!“ Und siehe da, der Feuersturm fiel in sich zusammen und versank in der Erde als hätte es ihn nie gegeben. An der Stelle jenes Risses in der Erde war eine riesige Grube entstanden, die sich rasch mit klarem Eiswasser füllte. Und so erhielt der neue See denn auch gleich seinen Namen „Baikal“.

Stalagmiten am Fels

Aber es gibt auch eine romantischere Version, wonach einst ein mächtiger Herrscher namens Baikal lebte. Reich soll er gewesen sein und stolz auf seine schöne Tochter, Angara genannt. Er verbarg das Mädchen vor allen und verbot ihr jeden Umgang mit anderen. Eines Tages jedoch sangen Angara die Schwäne das Lied vom prächtigen Jungen mit Namen Jenissej. Von da an konnte die junge Frau an niemanden anderen mehr denken. Als ihr Vater davon erfuhr, sperrte er die Tochter in ein Zimmer, das nur durch sieben Türe zu erreichen war, versperrt mit siebenundsiebzig Schlössern, und beschloß, Angara mit einem jungen Mann aus dem Nachbardorf zu verheiraten. Doch unmittelbar vor der Trauung war die Braut verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Zu Tode betrübt, weinte Baikal bis an sein Lebensende und füllte so mit seinen Tränen den See.

Fredi Schmidt auf einem Eistrümmerfeld

Der dritten Legende nach schuf ein Feuerdrache den Baikal. Der Lindwurm war eines Abends in der Dämmerung erschienen und funkelte mit seinen Schuppen in der untergehenden Sonne, als er sich in seinen Streitwagen aus purem Gold setzte. Auf der Erde angelangt, schlug er mit seinem Feuerschwanz um sich, bis sich die Erde um hin her auftat. Ein weiterer Schlag ließ Eis und Schnee in den umliegenden Bergen schmelzen, so daß sich das Wasser in Strömen ins Tal ergoß und den langen Spalt bis an den Rand füllte.

Hundeschlitten in der Ferne

Entlang dem so entstandenen See ergrünte alles im Handumdrehen, Vögel kreisten über dem klaren Wasser, wilde Tiere bevölkerten die Uferwälder. Als er des von ihm geschaffenen Wunders ansichtig wurde, ließ sich der Drache auf den Grund des Sees hinabsinken. Doch alle 120 Jahre kam er wieder an die Oberfläche, und die Menschen feierten zu seinen Ehren imposante Feste. Doch als sie dann doch einmal vergaßen, sich auf die Wiederkunft des Drachen vorzubereiten, erzürnte dies den Lindwurm derart, daß er das Wasser aufpeitschte und über die Ufer treten ließ, bis alle ertrunken waren. Später, viel später kamen dann andere Menschen zum Baikal, die noch nie vom Drachen gehört hatten. Er selbst wurde auch seither nie mehr gesehen. Geblieben ist allein sein Name, Baikal.

Risse im Eis

Heute noch kann man am Baikal wunderbar „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen. Durchsichtige Figuren treiben hier bisweilen ihr Unwesen, jagen über das Wasser, vorzugsweise bei Nacht und Nebel, wenn die Sicht eingeschränkt ist… Es soll sich bei dieser Rotte um die Kavallerie des Herrschers, Hassan Tschosson, handeln, dessen Heerzug im Winter den See überqueren wollte. Aber der Baikal ist nicht das Rote Meer, Hassan war nicht Moses, das Wasser ließ sich nicht scheiden, das Eis wollte nicht tragen, und so gerieten die Krieger unters Eis. Seit jener fernen Zeit tauchen die Reiter und Rösser immer wieder unvermutet auf, finden keine Ruhe und erschrecken einsame Wanderer.

Schamanenfels

Man braucht wirklich kein Esoteriker zu sein, um dem Zauber des Orts zu erliegen. Hier hätte Caspar David Friedrich seine romantische Freude ebenso gehabt, hier finden heute Künstler Inspiration. Und eigentlich müßte hier auch ein Epos von der Größe der Ilias entstanden sein. Dichter und Denker fänden hier Stoff zuhauf.

Motiv für Caspar David Friedrich

Aber es geht auch schlichter. Man braucht sich nur ein Fahrrad zu mieten und hinauszufahren in die schiere Unendlichkeit und sich Raum und Zeit überlassen. Da geschieht sicher genug.

Wenn’s dem Radler zu wohl wird, fährt er aufs Eis…

Und wenn man am Ufer bleibt, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie hier Denisova-Menschen, aus dem südlichen Altai vor 40.000 Jahren kommend, in einer der Höhlen Unterschlupf fanden. Obwohl man ja bisher nur deren Finger kennt.

Eiszeitmenschen treten aus ihrer Höhle: Jelena Bruk, Fredi Schmidt und Elisabeth Preuß

Auf die Gliedmaßen sollte man besonders achten. Wer da nicht die richtigen Handschuhe eingepackt hat oder zu häufig auf den Auslöser seiner Kamera drückt, muß um das Wohl seiner Finger fürchten.

Wo die Riesen mit Eis würfeln

Und längst nicht alles, was man am eisigen Wegrand findet, ist für Menschenhände geschaffen…

Im Eis gestrandet

Von Menschenhand geschaffen aber sind die leblosen Zeugen der Fischindustrie von Chuschir. Etwas für Freunde des Filmes „Stalker“ von Andrej Tarkowskij.

Kaufe Fisch für 80 Rubel

Über Jahrzehnte hat man hier auf dem Olchon den Omul gefangen. In gierigen Mengen, wie eben dem homo sapiens eigen. Bis es Matthäi am Letzten war, bis vor wenigen Monaten ein Moratorium in Kraft trat, von dem man sich eine Erholung der Bestände verspricht.

Strandgut im Eis

Beim Abendessen im Restaurant dann die Probe aufs Exempel. In der Speisekarte tummelt sich der Lachsfisch noch in allen möglichen Varianten, aber die Bestellung offenbart: Kein Omul kommt mehr auf den Tisch.

Flotte vereist

Das möge noch lange so bleiben und als Warnung dienen, denn sogar ein gigantisches Ökosystem wie der Baikal ist bei aller Weite und Größe nicht unerschöpflich, bleibt verletzlich, schutzbedürftig.

Müll abladen verboten!

Erfreulich deshalb auch, daß die noch überschaubare Zahl an Touristen – größtenteils aus China, denn Peking ist nur zwei Flugstunden von Irkutsk entfernt – wie die Einheimischen offenbar sorgsam mit ihrer Umwelt umgehen. Erstaunlich wenig Müll findet da der Eisgänger, nur eine Zigarettenschachtel, eine Kippe und ein Bonbonpapier nach einigen Stunden der Expedition auf und an dem See.

Neptun des Baikal

Geplant sind aber natürlich weitere Unterkünfte für Gäste aus aller Welt, und mit der Abgeschiedenheit dieser Ecke wird es bald vorbei sein. Es spricht sich ja herum, was es hier zu entdecken gibt. Und der Blog trägt da auch sein Teil dazu bei…

Das beste Hotel am Ort

Der Mensch lebt aber auch am winterlichen Baikal nicht von Eis und Schnee allein. Besonders jetzt, wo immer häufiger die Sonne herauskommt und einen Vorfrühling verspricht.

Ob man da Französisch spricht?

Das verlockt in Augenblicken der Windstille zur Einkehr.

Jelena Bruk und Elske Preuß mit Kater Koschkin in der Sibirischen Hollywoodschaukel

Das treibt das liebe Vieh auf die vor dem Ort gelegene Winterweide.

Entlang der Hauptstraße

Das lädt ein, im Stehen ein Wiederkäuerschläfchen zu halten.

Schneekühe in der Frühlingssonne

Aber noch einmal zieht es hinaus aufs Eis. Dieses Mal wieder mit dem Auto, auch wenn das an manch einer Stelle eher nicht angeraten scheint.

Befahren des Eises verboten!

Angst braucht man dennoch keine zu haben. Der Eispanzer würde jetzt ganze Fahrzeugkolonnen tragen. Trotz der vielen Risse, die sich immer wieder durch die Wasserbewegung von unten auftun. Sie frieren rasch wieder zu, hinterlassen aber Spuren, die Ehrfurcht einflößen.

Wärmestube für Obdachlose Eisgänger

Ehrfurcht packt einen aber besonders, wenn man hört, wie sich das Eis bewegt. Schläge, die wie Explosionen klingen, dann ein Blubbern und Stampfen, wenn der See „gesprächig“ wird. Da ist man durchaus zu glauben versucht, es hausten Geister unter der weißen Decke.

Schlafendes Eisungetüm

Weiß gibt es hier übrigens in allen Schattierungen, ebenso wie die Farbe Blau. Und kein Stück, kein Teil, kein Kristall, das dem andern ähnelte. Eine Pracht und Vielfalt… Schwindelerregend.

Jewgenij, der Schlittschuhläufer

Ganze Figurenkonstellationen lassen sich im Eis ausmachen, filigran wie ein Schmetterlingsflügel, wuchtig wie ein mit vulkanischer Kraft behauener Klotz. Die Phantasie der Natur gewinnt hier mannigfache Gestalt.

Eisschmetterling

Und dann wieder dieser unbeschreibliche Blick in die Ferne, wo Eis und Himmel verschwimmen, wo gefrorene Dünung die Wolken spiegeln.

Eiswellen

Vom klaren und durchsichtigen Eis geht es hinaus auf die Milchstraße – und von da… Wer wollte dafür all die Worte finden. Man muß es gesehen, man muß es erlebt haben.

Auf der Milchstraße

Fredi Schmidt findet den richtigen Ausdruck dafür: „ein Traum“.

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