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Archive for 27. Januar 2018


Wie erst heute bekannt wurde, ist bereits am 24. Januar, neunundachtzigjährig, Inge Obermayer verstorben. Die Schriftstellerin prägte mit ihrem Wirken und Schaffen vor allem die schwierigen Anfangsjahre der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir und hinterließ u.a. einen großartigen Artikel unter dem Titel „Der Drache darf nicht siegen“, erschienen am 25. Oktober 1986 in der Nürnberger Zeitung, der besser als jeder noch so bemühte Nachruf ihren unvergessenen (und nicht nur literarischen) Beitrag zu Versöhnung und Verständigung anläßlich der Erlanger Kultur- und Sporttage in Wladimir zum Ausdruck bringt.

Die Städtefreundschaft zwischen Wladimir und Erlangen soll zu Frieden und Entspannung beitragen. Sie kann nur in einer Atmosphäre des Friedens gedeihen. Das Wettrüsten und die Militarisierung des Weltraums machen den Frieden nicht sicherer, sondern gefährden ihn. Immer mehr Menschen in West und Ost fühlen sich durch diese Entwicklung bedroht. Sie fordern eine Politik, die auf Verständigung, Vertrauen und gewaltfreie Konfliktregelung gerichtet ist. Sicherheit ist nicht gegeneinander, sondern nur miteinander möglich. Wir, die Repräsentanten unserer Städte Wladimir und Erlangen, haben den festen Willen, einen Beitrag für Frieden und Verständigung zu leisten.

Das sind Ausschnitte aus der Deklaration, die im September, während in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage stattfanden, Vertreter der beiden Städte unterzeichneten. Unsere Mitarbeiterin Inge Obermayer schildert die Eindrücke, die sie während dieser Zeit in Wladimir erlebte.

Inge Obermayer, 2013, mit Büchern ihrer Autorenkollegen aus Wladimir

Die Sonne scheint, der blaue Himmel ist wolkenlos. Es ist ein Spätsommertag, die Blätter beginnen, sich herbstlich zu färben. Auf dem Hügel über der breit und träge dahinfließenden Kljasma weht ein leichter Wind.

1194 bis 1197 ließ der Großfürst Wsewolod III. hier eine Kathedrale errichten, die dem heiligen Demetrios von Saloniki geweiht wurde. Nach der Oktoberrevolution wurde die Kathedrale als Baudenkmal von besonderer historischer Bedeutung für das ganze Land unter staatlichen Schutz gestellt. Im August und September 1941, als die deutschen Truppen Richtung Moskau vorrückten, wurde der Einsturz der Demetrios-Kathedrale durch das Einziehen eines Stahlbetonringes in das gesamte Mauerwerk verhindert.

Demetrius-Kathedrale

Mit den Fingerspitzen berühre ich die alte Mauer. Über mir an den Fassaden erwürgt Herakles, aus weißem Kalkstein gehauen, das unverwundbare Ungeheuer, den Nemëischen Löwen, besingt David die Schönheit der Welt, schnäbeln sich riesige Urvögel. Unter dem Kreuz auf der goldglänzenden Kuppel ist ein Halbmond zu erkennen. Symbol für das besiegte Heidentum?

Ich gehe die paar Schritte zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Sie gehört zu den beiden „offenen“ Kirchen in Wladimir, das heißt, in ihnen werden Gottesdienste abgehalten. In der Diözese sind 51 Kirchen offen. Fünf Geistliche sind an der Kathedrale tätig. Die Baptisten in Wladimir haben ein Bethaus, aber keinen ständigen Geistlichen.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Die Erlanger treffen mit Vertretern der „Gesellschaft zur Förderung der Beziehung zwischen der UdSSR und der BRD“ zusammen. Die Wladimirer Abteilung wurde erst im Januar 1986 gegründet, sie hat bereits 5.000 Mitglieder. Die Erlanger berichten unter anderem über die Gruppe „Christen für den Frieden“ und deren Fragen, die sie mit auf den Weg nach Rußland gegeben haben: „Warum gibt es so viel Mißtrauen auf der Welt?“ „Wie ist der Widerspruch zwischen den Worten und Taten zu lösen?“ Freilich können an diesem Vormittag und  in dieser Runde die Probleme nicht gelöst werden. Doch die Wladimirer und die Erlanger, die sich am Tisch gegenübersitzen, sind sich einig; „Wir müssen alle viel lernen, um unser eigenes Zeitalter zu erkennen, wir müssen etwas tun für die Veränderung des Bewußtseins“.

Vom 7. bis 13. September finden hier in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage statt. Techniker, Bühnenarbeiter, Puppenspieler, Schauspieler, Schachspieler, Sportler, Maler, Fotografen, Musiker, Schriftsteller, Stadträte (der SPD, CSU, Grünen Liste, FDP/FWG), der Oberbürgermeister, der Kulturdezernent und eine Professorin bevölkern die Straße der russischen Stadt.

Es gibt Schachturniere, Schautanzen, Trampolinspringen, Volleyballspiele. Schwimmwettkämpfe (nun weiß ich, was die Erlanger für gute Schwimmer sind!). Im Kulturhaus des Traktorenwerkes bestreiten das Tanzensemble Wladimirez und der Erlanger Hausmusikkreis ein Programm. Im Kulturpalast des Chemiewerkes werden Jazz- und Rockmusikern – Nardis und E-Werk Band – nach den Konzerten ihre Schallplatten aus den Händen gerissen. Im Park vor dem neuen Stadtbrunnen bestaunen 10.000 Besucher das Feuerwerkspektakel des Mechelwinder Figurentheaters. „Mehr gelbe Lichter, mehr blaue“, rufen die Kinder begeistert und wollen nicht, daß der Drache siegt.

Im Theater gibt es viel Szenenapplaus für Helmut Ruges Hugenottenspiel „Babette“. In der Ausstellung umringt eine ganze Schulklasse den Maler Christian Manhart, im Nu sind die Kataloge vergriffen. In der Bildergalerie konzertieren Vivienne und Dirk Keilhack, das Kammernmusikensemble der „Villa Marteau“ und Werner Heider, der seine eigenen Werke, wie „Modi“, „Landschaftpartitur“ und „Adamah“ spielt.

Übrigens: In der Erlanger Kulturwerkstatt, dem Kommunalen Modellversuch zur Erschließung neuer Arbeitsfelder, herrschte bereits im August Hochbetrieb. Zwei Sattelschlepper einer russischen Speditionsfirma mußten beladen werden. Mit den Bühnenbildern für die Stücke, mit Musikinstrumenten, Feuerwerkskörpern, Trampolinen, Bildern, Werkzeugen. Allein 15 Kisten wurden gebaut, über 100 Frachtlisten erstellt.

Wladimir – der historische Kern steht unter Denkmalschutz –  ist eine Großstadt mit 360.000 Einwohnern. 50 Produktionsstätten liefern unter anderem Traktoren, Autozubehör, Elektromotoren, Möbel, Klaviere und Uhren. Die Pädagogische und die Polytechnische Hochschule besuchen insgesamt 17.000 Studenten. In den beiden Theatern proben die Schauspieler augenblicklich Stücke von Majakowskij, Tschechow und Gogol.

Hochzeitsglück unterm Goldenen Tor

Ich schlendere an den grasbewachsenen Festungswällen vorbei unter Kiefern und Birken. Meine Tage sind ausgefüllt. Vor dem Hochzeitspalast steht eine schwarze Limousine, ihr Dach ist mit zwei übergroßen goldenen Eheringen geschmückt. Die junge Braut trägt ein langes weißes Spitzenkleid, im Arm hält sie den dunkelroten Rosenstrauß. Zu den Klängen des Hochzeitsmarsches wird sie getraut.

Im „Dienstleistungsbetrieb“ ist Modenschau. Sehr beliebt, so ist zu erfahren, sei in letzter Zeit „der sogenannte sachliche Stil“, Rock, Jacke und Bluse. Die Mannequins schweben auf hochhackigen Schuhen über den Laufsteg. Chic sind sie, im wadenlangen rotweißschwarz karierten Rock. Den Männern, so heißt es, „bieten wir anstelle der traditionellen Jacken die lockere Form von Pullovern an“, und „mit dem wachsenden Wohlstand bekommen wir mehr Aufträge für Abendkleider, für Frack und Smoking“. In dem Betrieb kann man sich auch eine Datscha kaufen, mehrere stehen zur Auswahl bereit, kosten zwischen 900 und 3.000 Rubel, Lieferzeit drei Monate.

Das zehn Jahre alte Staatsgut Teplitschnyj versorgt die Stadt mit 15 Sorten Gemüse wie Gurken, Tomaten, Radieschen, Paprika, Petersilie, Weißkohl, 8.000 Tonnen pro Jahr. Seit fünf Jahren verwendet man keine Pestizide mehr, Schädlinge werden biologisch bekämpft. 600 Beschäftigte arbeiten auf dem Gut, unter ihnen 17 Agronomen und 17 Ingenieure.

Die Schüler und Schülerinnen in der Schule Nr. 25 haben gerade ihre siebte Deutschstunde. Die Buben tragen dunkelblaue Anzüge, die Mädchen dunkelbraune Kleider mit schwarzen, rüschengeschmückten Schürzen. „Auf Wiedersehen“, lachen sie alle. Die deutsche Abteilung in der Gebietsbibliothek umfaßt 6.000 Bände. Swetlana hat Paprika, Tomaten und Pilze gekocht, Fleisch gebraten. Gemütlich ist es bei ihr, ich fühle mich daheim. „Iß, iß!“ Immer mehr Süßigkeiten kommen auf den Tisch. „Gibt es wirklich soviel Türken bei euch? Warum?“, wollen ihre Freunde wissen.

„Mit zwei Jugendlichen“, sagt der selbstbewußte junge Musiker, „habe ich mich auf’m Zimmer unterhalten, einfach so über alles, über Musik, und wie wir leben und über Politik. War bisher das Tollste!“

Beeindruckt haben den Schauspieler zwei russische Touristen in der Hoteldisco. „Mit Händen und Füßen, etwas Russisch, etwas Deutsch haben wir gesprochen. Und ich bekam sogar ein Geschenk.“ Sie schenken von Herzen, die Wladimirer, eine bemalte Dose, eine Schallplatte, Parfüm oder einen Talisman, den seine Trägerin seit elf Jahren trug, ehe sie ihn der Erlangerin in die Hand gab. Immer größer, immer sicherer werden die Schritte zur Partnerschaft, die im Frühjahr 1987 in Erlangen besiegelt werden soll.

Während der Kulturtage arbeiten Erlanger und Waldimirer an einer gemeinsamen Deklaration. Manchmal wird um die richtige Formulierung gerungen. Warum, wundern sich die Russen, wollen die Erlanger nicht für den Frieden kämpfen? Sie ließen es sich erklären und verstanden, daß Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels „Totaler Krieg“ die Bedeutung des Wortes prägten, es unbenutzbar machten. Im Russischen heißt „kämpfen“ soviel wie „sich bemühen“, „miteinander arbeiten“, „sich für etwas einsetzen“. Man kämpft auch um eine gute Schulnote. Am Abschiedsabend verlesen die beiden Oberbürgermeister die Deklaration, und der Beifall will nicht enden.

Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos. Immer noch weht ein leichter Wind. Ein paar Saatkrähen krächzen um die weißen Mauern der Demetrios-Kathedrale.

Inge Obermayer, NZ vom 25.10.1986

Was die Großmeisterin des Worts auch familiär mit der Sowjetunion verband, ist hier in ihren Erinnerungen an den Vater nachzulesen: https://is.gd/WtYqOO

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