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Archive for 1. Januar 2018


Und dann kam Peter…

1992 – 2018 Eine fränkisch-russische Freundschaft

Mit rührender Loyalität transportiert Peter Steger alljährlich ein unförmiges Paket für uns von Susdal über Wladimir und Erlangen nach Kraftshof. „Der Hönig“ steht in Kiras Schrift darauf. Nein, das sind nicht Eulen nach Athen, obwohl man sehr wohl auch hier hervorragenden fränkischen Honig kaufen kann. „Der Hönig“ ist mehr als nur Konsumware zum Frühstück. Es ist ein Symbol einer nunmehr 29 Jahre alten Freundschaft mit der Familie Dik. Sinnbildlich enthält er den Blick auf ihr Holzhaus in Susdal, die Düfte des gepflegten Bauerngartens im August, das Geläute der umliegenden Klosterkirchen und die wohltuende Ruhe und Gelassenheit der Uferwege entlang des Kamenka mit Blick auf die Stadtkulisse – und sie sind allesamt hier in Franken in keinem Geschäft zu erwerben.

Kira Limonowa und eine ihrem Mann gewidmete Ausstellung in Wladimir, 2009

1992 besuchte uns Peter im Rahmen einer Kunstverein-Ausstellung von fünf Malern und Graphikern aus Wladimir zum ersten Mal. Seine Deutschkenntnisse waren bescheiden, unsere Russischkenntnisse völlig „non-existent“, aber kollektiv konnten sich unsere wenig verbalen Kommunikationsfähigkeiten sehen lassen. Peter mußte man einfach mögen. Er konnte so herzerfrischend und ansteckend lachen. Das Nonverbale wurde so schnell durch gegenseitige Empathie ausgeglichen. Peters unbändige Neugierde für alles, was mit Deutschland, mit der Sprache und ihrer Kultur zu tun hatte, machte uns den Austausch leicht. An Gesprächsthemen fehlte es nie.

Bald entdeckte Peter unser Kraftshofer Atelier für sich und machte oft die Nacht zum Tag. Er war unglaublich fleißig und sehr von der neuen Umgebung beflügelt. Entstanden sind dabei allerlei Bilder von unserem fränkischen Dorf, von der beleuchteten Kirche bei Nacht, von den Scheunen mit ihren typischen Giebeln und Steildächern. Ihm gelang es immer, diese Bilder mit seinem besonderen Merkmal, einer Mischung aus Gegenständlichem mit Reduziertem, ja Abstraktem,  zu prägen, wodurch auch ein ungeschultes Auge sofort erkennen konnte, worum es sich hier nur handeln konnte: ausschließlich um ein typisches, historisches, fränkisches Dorf.

Kraftshofer Kirche, 1993 (?)

Ausflüge in die hiesige Gegend waren mit Peter ein Vergnügen. Mit dem Stift hinters Ohr geklemmt und das Notizbuch zur Hand, hielt er alle paar Meter kurz an, um eine architektonische Form, ein Gebäude-Ensemble, die Umrisse des Walberla, eine Felsformation mit einen wenigen Strichen festzuhalten. Bald hatten wir gelernt, am besten dabei zu schweigen und ihn nicht mit fränkischer Geschichte zuzudröhnen. Seine Augen sahen ohnehin anders, und daran ließ er uns teilhaben. Unsere eigene Umgebung lernten wir allmählich mit seinen Maleraugen gewinnbringend neu wahrzunehmen, denn er sah nicht nur die uns vertraute Landschaft, sondern verlieh ihr auch eine besondere Stimmung, eine seelische Dimension, die zwar noch als fränkisch erkennbar war, aber in der malerischen Umsetzung an Universalität gewann. Ein einfaches Bootshaus an der Donau in Regensburg dient hier als Beispiel dafür. Das Bild strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Bootshaus an der Donau bei Regensburg, 1993 (?)

Auch wenn wir wissen, wo genau und an welchem Tag die Inspiration dazu entstand, bleibt es doch unbedeutend, macht freilich das Bild für alle Betrachter gleichermaßen zugänglich. Für uns aber ist es zusätzlich eine geschätzte Erinnerung.

Auf diesen ersten Besuch folgten viele weitere – ab dem zweiten mit Kira, was noch mehr Humor und Heiterkeit mit sich brachte – und auch Gegenbesuche in Wladimir, später in Susdal. Schriftlich blieben wir in Verbindung und freuten uns  immer, wenn der Steger-Anruf mit der Anfrage eines neuen Besuchs kam. Wir denken mit großer Dankbarkeit an diese Zeiten zurück – an Gespräche am Küchentisch und vor dem Kamin, an Begegnungen mit anderen Künstlern und Kunstinteressierten, an gemeinsame Erlebnisse, ob eine Bauernbeerdigung in der fränkischen Schweiz oder eine Vernissage in Erlangen. Peter und Kira nahmen mit Begeisterung an unserem Leben teil, sind ja auch unauslöschlich selbst ein Teil davon geworden und der ganzen Familie ans Herz gewachsen. Bilder, die wir besonders schätzen, zeigen Peters Fähigkeit, einen Menschen ohne Gesichtszüge, allein durch die Körpersprache und -haltung unverkennbar darzustellen: Unsere Tochter übt abends Flöte in der beleuchteten Scheune. Peter hat die dabei entstandene Musik als Bild festgehalten.

Katie übt, Kraftshof 1997

2002 besuchten wir Peter und Kira in Worpswede und erlebten, wie unser Freund als Stipendiat in der Umgebung der ehemaligen Künstlerkolonie arbeitete und auch dort eine Art zweites deutsches Zuhause fand. Wir konnten dabei nicht ahnen, daß wir uns dort von diesem so lieb gewonnenen Freund für immer verabschiedet hatten. Aber wir sind sehr dankbar, daß Kira den Kontakt zu uns noch so wunderbar pflegt und unentwegt dafür sorgt, daß Peters Werk weiterhin in Ausstellungen und in Veröffentlichungen präsent bleibt.

Worpswede 2002

Das letzte Bild zeigt ein Liebespaar in einem Moorkahn, so wie sie zum Transport von gestochenen Torf bei Worpswede verwendet werden. Für uns beinhaltet dieses Bild die zwei Seiten des Freundes Peter Dik. Erst Tage vor seinem Tod, erzählte er mit wunderbarer Selbstironie, er fertige das Bild als Etikette für einen regionalen Likörhersteller. Kunst für Kommerz war ihm ganz fremd, aber in diesem Fall ließ er eine Ausnahme zu, spricht das Bild doch auch von Sehnsucht, von der Liebe zu zweit und vom Lossegeln in die Dämmerung hinaus… Diese Art von Bild konnte er ohne jeden Kitsch malen.

Hans und Rosie Zahn

Hans und Rosie Zahn im Gespräch mit Frank Steenbeck aus Jena bei dessen Vernissage am 4. November in Erlangen, Galerie am Eck

Aus drei Wochen Unterkunft bei uns sind 29 Jahre herzerwärmender Freundschaft mit Peter und Kira entstanden. Grund genug, um an seinem heutigen 79. Geburtstag mit Freude und Dankbarkeit an Peter zu denken und der Städtepartnerschaft Wladimir-Erlangen in ihrem 35. Jahr für eine weiterhin blühende Zukunft alles-alles Gute zu wünschen.

Rosie und Hans Zahn

Mehr zum Schaffen des Künstlers unter: https://is.gd/wpWREN

 

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