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Archive for Januar 2018


Nicht nur München leuchtet in der frühen Novelle „Gladius Dei“ von Thomas Mann, auch Wladimir liegt nicht länger im Schatten. Längst schon erstrahlen Kirchen, Kathedralen und Klöster im nächtlichen Glanz der Scheinwerfer, taucht man Straßen und Plätze in Kunstlicht, bisweilen gar zu großzügig. Nun zeigt sich seit gut einem Monat – übrigens unterstützt durch deutsche Technik – auch das Gotteshaus Mariä Schutz und Fürbitt erhellt, verbirgt ihre architektonische Pracht nicht mehr in der Nacht, ist weithin über die Felder und Auen zu sehen.

Die Vorarbeiten erforderten einiges an Aufwand. Wie das Nachrichtenportal „Zebra-TV“ berichtet, wurden drei Trommeln Kabel um den im 12. Jahrhundert aufgeschütteten Hügel verlegt, auf dem sich das Denkmal des UNESCO-Weltkulturerbes erhebt. Sie liefern den Strom für insgesamt 26 in die Erde eingelassene Scheinwerfer, die in feiner Abstimmung die Fassade, die Kuppel und das Kreuz der Kirche ausleuchten.

Als weich gestreut wird das Licht beschrieben, ganz zur Zufriedenheit der Verantwortlichen. Nachjustieren wolle man nur bei den beiden Strahlern, die auf das Kreuz gerichtet sind. Dies, so auch erste Klagen von Photographen, bleibe bisher noch zu dunkel. „Licht aus, Spot an“ funktioniert ansonsten natürlich per Zeitschaltuhr, die hoffentlich für die bald wieder schwärmenden Nachtfalter auch noch ein paar Stunden Dunkelheit vorsieht.

Noch viel wichtiger aber für Besucher dieses Kleinods der mittelalterlichen Baukunst: Bereits im Februar, wenn der Untergrund hoffentlich gefroren ist – bisher zeigte sich der Winter ja eher milde in Wladimir, auch wenn es in der Nacht von gestern auf heute stürmte und schneite -, sollen endlich die sechs Kilometer Stromleitung mit ihren 46 Masten aus der Landschaft verschwinden. Die neue Trasse, errichtet für 300 Mio. Rubel, steht bereits außer Sichtweite und liefert Strom, sobald die bisherige Strecke demontiert ist.

Es lohnt sich also auch für alle, die Mariä Schutz und Fürbitt bereits kennen, den Weg über die Wiesen zu nehmen oder zumindest einen Blick hinüber zu werfen, gleich ob bei Tag oder Nacht, zu schauen die Pracht…

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Das „Erasmus Plus – Programm“ brachte den Erlanger Frederick Marthol im Dezember nach Wladimir, wo er nun gemeinsam mit Mathila Wenzel aus Saalfeld beim Euro-Klub freiwillige Projektarbeit leistet, voraussichtlich noch bis April. Gute Aussichten für Stammleser des Blogs, denn der Pfadfinder schickt von Zeit zu Zeit Episteln, die richtig Freude bereiten. Dieser Tage nun ging ein weiteres Sendschreiben in der Redaktion ein:

Das russische „Dreikönigsfest“, Epiphanias, wird ja bekanntlich am 19. und nicht wie bei uns am 6. Januar zelebriert. Peter hat mit seinem Artikel „Rein von aller Schuld“ ja auch schon einige Eindrücke der kaltnassen Taufe geliefert: https://is.gd/3hDev2 Doch auch für die Jugendorganisation Euro-Klub war dieser Tag der Anlaß einer alljährlichen Sonderveranstaltung zum Thema „Dreikönig – Epiphanias“, denn die traditionellen Gebräuchlichkeiten könnten in den beiden Ländern wohl nicht verschiedener sein. Nachdem ich selbst über die kältewahnsinnige Badeveranstaltung erfahren hatte, ging es darum, den russischen Schülern und Studenten Traditionen und Herkunft des Dreikönigstages, wie wir ihn kennen, zu vermitteln. Zufälligerweise war ich in meiner Grundschulzeit als „Sternsinger“ im Erlanger Zentrum unterwegs und konnte ein wenig über diese Art des Feiertages berichten, was ebenfalls auf großes Interesse stieß…

Frederick Marthol als Deuter der Epiphanie

Allerdings gibt es noch eine ganz andere Tradition am russischen Epiphaniastag: Es geht darum, ein wenig über die persönliche Zukunft im nächsten Jahr zu erfahren, kurzum man erprobt verschiedene Methoden und Praktiken des Wahrsagens. Seien es zufällig ausgewählte Textpassagen eines Buches (stilecht wurden natürlich Grimms Märchen verwendet) oder das Gießen von flüssigem Wachs in kaltes Wasser (bei uns zu Silvester als „Bleigießen“ geläufig).  Es wird interpretiert und gerätselt, bis eine passende Zukunftsprognose für das kommende Jahr gefunden ist.

Frederick Marthol und Mathilda Wenzel

In der Hoffnung auf die Erfüllung der Zukunftsvisionen und voll neuem Wissen über den Epiphaniastag konnten alle einiges von dem Tag mitnehmen, so auch meine Kollegin Mathilda aus Saalfeld:

Ich fand das Wahrsagen echt spannend und auch lustig. Es war cool, nicht nur über die Traditionen in Deutschland informiert, sondern auch noch etwas über die religiösen Bräuche zu diesem Fest hierzulande erfahren zu haben. Außerdem war es für mich interessant, bei der Recherche vorab zu sehen, wie viele verschiedene Methoden es gibt, um in die Zukunft zu schauen.

Ich bin gespannt welche Feierlichkeiten mich hier während meines Aufenthaltes noch erwarten, denn nach Neujahr ist die Meßlatte ja doch schon sehr hoch angesetzt.

Frederick Marthol

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Um 14.43 Uhr vermeldete am gestrigen Sonntag das Wladimirer Internetportal „Zebra“ in seiner Online-Berichterstattung von der Kundgebung gegen die „Wahlen ohne Wahl“  mit einem „Oha“ die Festnahme von Alexej Nawalnyj, dem Rechtsanwalt, dem die Behörden wegen einer umstrittenen Vorstrafe die Kandidatur zum Präsidenten beim Urnengang am 18. März verwehren. Doch, so schon die nächste Mitteilung: „In Wladimir verläuft diesbezüglich bisher alles still, friedlich und ruhig.“

Und in der Tat: Es hatte wohl im Vorfeld Warnungen seitens der Sicherheitskräfte gegeben, an dem Marsch durch die Stadt teilzunehmen, und die Stadtverwaltung hatte wegen einer schon vor längerer Zeit geplanten Aktion zum gestrigen „Internationalen Tag ohne Internet“ die Erlaubnis verweigert, auf dem Theaterplatz zu demonstrieren, aber dann schritt doch niemand ein, als sich, ausgestattet mit Luftballons, Ansteckern und Fahnen, der Zug gegen 14.00 Uhr vom Gartenplatz im Zentrum auf den Weg zum sogenannten „Speakers‘ Corner“ im Zentralpark machte, den Ort, wo man sich in der Partnerstadt auch ohne behördliche Genehmigung versammeln kann, um frei seine Meinung zu sagen.

Etwa 75 Minuten brauchten die geschätzt 150 bis 200 Protestierer für den als Spaziergang deklarierten Marsch, die am Ziel dann noch etwa eine Dreiviertelstunde ihren oppositionellen Rednern zuhörten. Auch hier ohne Zwischenfälle, Störungen oder gar Festnahmen. Nicht einmal das Tuckern des Traktors, den die Parkverwaltung als Geräuschkulisse angelassen hatte, konnte den Frieden stören.

Schon am Abend dann kam in Moskau auch Alexej Nawalnyj wieder frei, und in Wladimir bereitet man sich nun weiter auf die Wahlen vor, die einen mit dem Ziel einer möglichst hohen Beteiligung und vielen Stimmen für den amtierenden Präsidenten, die anderen mit der Absicht, sich der Stimme zu enthalten, den Urnengang zu boykottieren, weil ihr Kandidat gar nicht zur Wahl steht. Möge es auch in Zukunft in jeder Hinsicht still, friedlich und ruhig in der Partnerstadt bleiben.

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Auch nach dem erst vor einem Jahr vollzogenen Wechsel des Betreibers – von den Franziskusschwestern aus Vierzehnheiligen an die Malteser – bleibt das Waldkrankenhaus in Erlangen auf seinem internationalen Kurs und weiter offen für den Austausch mit Wladimir. Sogar mehr denn je.

Roman Lorz und Guram Tschjotschjew

Guram Tschjotschjew kam als junger Orthopäde mit der ersten Medizinerdelegation aus der Partnerstadt erstmals 1991 hierher und fand so Anschluß an Forschung und Lehre im Westen. Vor allem aber fand er Freunde und Kollegen, die ihn förderten und ihn auf den Wegen in die weltweit agierenden Gremien und Verbände begleiteten. Der Nordossete, in den 80er Jahren aus dem Kaukasus nach Wladimir gekommen, hatte sich in der neuen Heimat schon einen Namen bei der Behandlung von kleinwüchsigen Kindern gemacht. Nun fand er aber auch in Erlangen Anerkennung und rasch Aufnahme in den Deutschen und Amerikanischen Orthopädenverband, hielt weltweit Vorträge zu seinem Fachgebiet, habilitierte sich und gilt heute als Koryphäe nicht nur in seinem Land.

Raimund Forst und Guram Tschjotschjew, die beiden Professoren der Orthopädie

Bestimmt sieben bis acht Hospitationen folgten am Waldkrankenhaus, doch der letzte Besuch liegt nun doch schon zwölf Jahre zurück. Zeit, die Fäden wieder aufzunehmen. Und in Raimund Forst, Direktor des Universitätsklinikums im Waldkrankenhaus, findet der Gast denn am Freitag auch das Gegenüber, auf das er gehofft hatte. Schon nach wenigen Minuten ist man sich einig, der Austausch soll fortgesetzt werden, und es gibt auch gleich ein Thema, das den Gast brennend interessiert und wo der deutsche Kollege Pionierarbeit leistet: Duchenne, eine seltene, tödlich für die Kinder verlaufende Muskeldystrophie. Dank der Therapie von Raimund Forst werden nicht nur die Beschwerden gelindert, sondern auch die Lebenserwartung steigt signifikant an. Bisher kann man den Kindern in Rußland nicht helfen; das könnte sich jetzt bald ändern.

Chefarzt Horst Beyer und Guram Tschjotschjew

Und dann ein Rückblick auf die Geschichte des Waldkrankenhauses mit dem Chefarzt der Medizinischen Klinik I, Horst Beyer, der auch seinerseits Bereitschaft zeigt, den Austausch mit Wladimir fortzusetzen. Beste Voraussetzungen also für ein ganz neues Projekt, das Ingrid Dresel-Fischer, Leiterin der Berufsfachschule für Krankenpflege, und Roman Lorz, Vorsitzender der Mitarbeitervertretung am Waldkrankenhaus, vorschlagen: einen Austausch im Bereich der Pflegekräfte. Guram Tschjotschjew, hocherfreut über das Angebot, will sich in Wladimir umgehend in der Sache kundig machen und schlägt seinerseits vor, das Projekt mit älteren und erfahreneren Schwestern zu beginnen, um dann zu sehen, wie sich die Sache entwickelt. Eines ist klar: Da wächst schon bald ein neues Pflänzchen im fruchtbaren Garten der Partnerschaft.

Roman Lorz, Ingrid Dresel-Fischer und Guram Tschjotschjew

Den viertägigen Arbeitsbesuch beendete die fünfköpfige Delegation von Oberbürgermeisterin Olga Dejewa im Kreis von alten Freunden. Vor genau 20 Jahren war Jürgen Ganzmann, damals Leiter der Werkstatt bei den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf, heute Geschäftsführer der WAB Kosbach, zum ersten Mal in Wladimir und kam mit der Idee zurück, im Bereich der Psychiatrie das Projekt „Lichtblick“ zu gründen, das in einen breiten Austausch mit ungezählten Praktika mündete und schließlich sogar den „Blauen Himmel“ mit seinem erlebnispädagogischem Ansatz hervorbrachte. In das Netzwerk mit Wladimir sind nun auch Städte wie Pskow, Nischnij Nowgorod und Irkutsk eingebunden, wobei Wladimir natürlich auch in Zukunft den Schwerpunkt bilden soll. Immer dem Motto entsprechend: Nicht alles bei uns ist gut, und nicht alles bei euch ist schlecht. Also im Geist des gegenseitigen Lernens.

Nadja Steger, Guram Tschjotschjew, Irina Tartakowskaja, Alina Kartuchina, Melitta Schön, Hans Ziegler, Olga Dejewa, Wladimir Rybkin, Jürgen Üblacker, Arina Alstrud, Jürgen Ganzmann und Alexander Krutow

„So oft ich jetzt schon in Erlangen war und Gäste aus der Partnerstadt in Wladimir empfangen konnte“, meinte am späten Freitagnachmittag kurz vor der Heimreise Olga Dejewa, „einen derart intensiven Einblick in die Dinge, einen derart innigen Kontakt zu den Menschen habe ich bisher noch nie erlebt. Wir gehören wirklich zusammen und können nichts Besseres tun, als noch viel öfter zusammenzukommen.“ Aber auch in Erlangen darf man ein erfreuliches Fazit ziehen. Das Konzept von „Prisma“ bewährt sich und verspricht für die Zukunft noch viele solcher Begegnungen, die zusammenbringen, was zusammenwill.

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Wie erst heute bekannt wurde, ist bereits am 24. Januar, neunundachtzigjährig, Inge Obermayer verstorben. Die Schriftstellerin prägte mit ihrem Wirken und Schaffen vor allem die schwierigen Anfangsjahre der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir und hinterließ u.a. einen großartigen Artikel unter dem Titel „Der Drache darf nicht siegen“, erschienen am 25. Oktober 1986 in der Nürnberger Zeitung, der besser als jeder noch so bemühte Nachruf ihren unvergessenen (und nicht nur literarischen) Beitrag zu Versöhnung und Verständigung anläßlich der Erlanger Kultur- und Sporttage in Wladimir zum Ausdruck bringt.

Die Städtefreundschaft zwischen Wladimir und Erlangen soll zu Frieden und Entspannung beitragen. Sie kann nur in einer Atmosphäre des Friedens gedeihen. Das Wettrüsten und die Militarisierung des Weltraums machen den Frieden nicht sicherer, sondern gefährden ihn. Immer mehr Menschen in West und Ost fühlen sich durch diese Entwicklung bedroht. Sie fordern eine Politik, die auf Verständigung, Vertrauen und gewaltfreie Konfliktregelung gerichtet ist. Sicherheit ist nicht gegeneinander, sondern nur miteinander möglich. Wir, die Repräsentanten unserer Städte Wladimir und Erlangen, haben den festen Willen, einen Beitrag für Frieden und Verständigung zu leisten.

Das sind Ausschnitte aus der Deklaration, die im September, während in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage stattfanden, Vertreter der beiden Städte unterzeichneten. Unsere Mitarbeiterin Inge Obermayer schildert die Eindrücke, die sie während dieser Zeit in Wladimir erlebte.

Inge Obermayer, 2013, mit Büchern ihrer Autorenkollegen aus Wladimir

Die Sonne scheint, der blaue Himmel ist wolkenlos. Es ist ein Spätsommertag, die Blätter beginnen, sich herbstlich zu färben. Auf dem Hügel über der breit und träge dahinfließenden Kljasma weht ein leichter Wind.

1194 bis 1197 ließ der Großfürst Wsewolod III. hier eine Kathedrale errichten, die dem heiligen Demetrios von Saloniki geweiht wurde. Nach der Oktoberrevolution wurde die Kathedrale als Baudenkmal von besonderer historischer Bedeutung für das ganze Land unter staatlichen Schutz gestellt. Im August und September 1941, als die deutschen Truppen Richtung Moskau vorrückten, wurde der Einsturz der Demetrios-Kathedrale durch das Einziehen eines Stahlbetonringes in das gesamte Mauerwerk verhindert.

Demetrius-Kathedrale

Mit den Fingerspitzen berühre ich die alte Mauer. Über mir an den Fassaden erwürgt Herakles, aus weißem Kalkstein gehauen, das unverwundbare Ungeheuer, den Nemëischen Löwen, besingt David die Schönheit der Welt, schnäbeln sich riesige Urvögel. Unter dem Kreuz auf der goldglänzenden Kuppel ist ein Halbmond zu erkennen. Symbol für das besiegte Heidentum?

Ich gehe die paar Schritte zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Sie gehört zu den beiden „offenen“ Kirchen in Wladimir, das heißt, in ihnen werden Gottesdienste abgehalten. In der Diözese sind 51 Kirchen offen. Fünf Geistliche sind an der Kathedrale tätig. Die Baptisten in Wladimir haben ein Bethaus, aber keinen ständigen Geistlichen.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Die Erlanger treffen mit Vertretern der „Gesellschaft zur Förderung der Beziehung zwischen der UdSSR und der BRD“ zusammen. Die Wladimirer Abteilung wurde erst im Januar 1986 gegründet, sie hat bereits 5.000 Mitglieder. Die Erlanger berichten unter anderem über die Gruppe „Christen für den Frieden“ und deren Fragen, die sie mit auf den Weg nach Rußland gegeben haben: „Warum gibt es so viel Mißtrauen auf der Welt?“ „Wie ist der Widerspruch zwischen den Worten und Taten zu lösen?“ Freilich können an diesem Vormittag und  in dieser Runde die Probleme nicht gelöst werden. Doch die Wladimirer und die Erlanger, die sich am Tisch gegenübersitzen, sind sich einig; „Wir müssen alle viel lernen, um unser eigenes Zeitalter zu erkennen, wir müssen etwas tun für die Veränderung des Bewußtseins“.

Vom 7. bis 13. September finden hier in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage statt. Techniker, Bühnenarbeiter, Puppenspieler, Schauspieler, Schachspieler, Sportler, Maler, Fotografen, Musiker, Schriftsteller, Stadträte (der SPD, CSU, Grünen Liste, FDP/FWG), der Oberbürgermeister, der Kulturdezernent und eine Professorin bevölkern die Straße der russischen Stadt.

Es gibt Schachturniere, Schautanzen, Trampolinspringen, Volleyballspiele. Schwimmwettkämpfe (nun weiß ich, was die Erlanger für gute Schwimmer sind!). Im Kulturhaus des Traktorenwerkes bestreiten das Tanzensemble Wladimirez und der Erlanger Hausmusikkreis ein Programm. Im Kulturpalast des Chemiewerkes werden Jazz- und Rockmusikern – Nardis und E-Werk Band – nach den Konzerten ihre Schallplatten aus den Händen gerissen. Im Park vor dem neuen Stadtbrunnen bestaunen 10.000 Besucher das Feuerwerkspektakel des Mechelwinder Figurentheaters. „Mehr gelbe Lichter, mehr blaue“, rufen die Kinder begeistert und wollen nicht, daß der Drache siegt.

Im Theater gibt es viel Szenenapplaus für Helmut Ruges Hugenottenspiel „Babette“. In der Ausstellung umringt eine ganze Schulklasse den Maler Christian Manhart, im Nu sind die Kataloge vergriffen. In der Bildergalerie konzertieren Vivienne und Dirk Keilhack, das Kammernmusikensemble der „Villa Marteau“ und Werner Heider, der seine eigenen Werke, wie „Modi“, „Landschaftpartitur“ und „Adamah“ spielt.

Übrigens: In der Erlanger Kulturwerkstatt, dem Kommunalen Modellversuch zur Erschließung neuer Arbeitsfelder, herrschte bereits im August Hochbetrieb. Zwei Sattelschlepper einer russischen Speditionsfirma mußten beladen werden. Mit den Bühnenbildern für die Stücke, mit Musikinstrumenten, Feuerwerkskörpern, Trampolinen, Bildern, Werkzeugen. Allein 15 Kisten wurden gebaut, über 100 Frachtlisten erstellt.

Wladimir – der historische Kern steht unter Denkmalschutz –  ist eine Großstadt mit 360.000 Einwohnern. 50 Produktionsstätten liefern unter anderem Traktoren, Autozubehör, Elektromotoren, Möbel, Klaviere und Uhren. Die Pädagogische und die Polytechnische Hochschule besuchen insgesamt 17.000 Studenten. In den beiden Theatern proben die Schauspieler augenblicklich Stücke von Majakowskij, Tschechow und Gogol.

Hochzeitsglück unterm Goldenen Tor

Ich schlendere an den grasbewachsenen Festungswällen vorbei unter Kiefern und Birken. Meine Tage sind ausgefüllt. Vor dem Hochzeitspalast steht eine schwarze Limousine, ihr Dach ist mit zwei übergroßen goldenen Eheringen geschmückt. Die junge Braut trägt ein langes weißes Spitzenkleid, im Arm hält sie den dunkelroten Rosenstrauß. Zu den Klängen des Hochzeitsmarsches wird sie getraut.

Im „Dienstleistungsbetrieb“ ist Modenschau. Sehr beliebt, so ist zu erfahren, sei in letzter Zeit „der sogenannte sachliche Stil“, Rock, Jacke und Bluse. Die Mannequins schweben auf hochhackigen Schuhen über den Laufsteg. Chic sind sie, im wadenlangen rotweißschwarz karierten Rock. Den Männern, so heißt es, „bieten wir anstelle der traditionellen Jacken die lockere Form von Pullovern an“, und „mit dem wachsenden Wohlstand bekommen wir mehr Aufträge für Abendkleider, für Frack und Smoking“. In dem Betrieb kann man sich auch eine Datscha kaufen, mehrere stehen zur Auswahl bereit, kosten zwischen 900 und 3.000 Rubel, Lieferzeit drei Monate.

Das zehn Jahre alte Staatsgut Teplitschnyj versorgt die Stadt mit 15 Sorten Gemüse wie Gurken, Tomaten, Radieschen, Paprika, Petersilie, Weißkohl, 8.000 Tonnen pro Jahr. Seit fünf Jahren verwendet man keine Pestizide mehr, Schädlinge werden biologisch bekämpft. 600 Beschäftigte arbeiten auf dem Gut, unter ihnen 17 Agronomen und 17 Ingenieure.

Die Schüler und Schülerinnen in der Schule Nr. 25 haben gerade ihre siebte Deutschstunde. Die Buben tragen dunkelblaue Anzüge, die Mädchen dunkelbraune Kleider mit schwarzen, rüschengeschmückten Schürzen. „Auf Wiedersehen“, lachen sie alle. Die deutsche Abteilung in der Gebietsbibliothek umfaßt 6.000 Bände. Swetlana hat Paprika, Tomaten und Pilze gekocht, Fleisch gebraten. Gemütlich ist es bei ihr, ich fühle mich daheim. „Iß, iß!“ Immer mehr Süßigkeiten kommen auf den Tisch. „Gibt es wirklich soviel Türken bei euch? Warum?“, wollen ihre Freunde wissen.

„Mit zwei Jugendlichen“, sagt der selbstbewußte junge Musiker, „habe ich mich auf’m Zimmer unterhalten, einfach so über alles, über Musik, und wie wir leben und über Politik. War bisher das Tollste!“

Beeindruckt haben den Schauspieler zwei russische Touristen in der Hoteldisco. „Mit Händen und Füßen, etwas Russisch, etwas Deutsch haben wir gesprochen. Und ich bekam sogar ein Geschenk.“ Sie schenken von Herzen, die Wladimirer, eine bemalte Dose, eine Schallplatte, Parfüm oder einen Talisman, den seine Trägerin seit elf Jahren trug, ehe sie ihn der Erlangerin in die Hand gab. Immer größer, immer sicherer werden die Schritte zur Partnerschaft, die im Frühjahr 1987 in Erlangen besiegelt werden soll.

Während der Kulturtage arbeiten Erlanger und Waldimirer an einer gemeinsamen Deklaration. Manchmal wird um die richtige Formulierung gerungen. Warum, wundern sich die Russen, wollen die Erlanger nicht für den Frieden kämpfen? Sie ließen es sich erklären und verstanden, daß Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels „Totaler Krieg“ die Bedeutung des Wortes prägten, es unbenutzbar machten. Im Russischen heißt „kämpfen“ soviel wie „sich bemühen“, „miteinander arbeiten“, „sich für etwas einsetzen“. Man kämpft auch um eine gute Schulnote. Am Abschiedsabend verlesen die beiden Oberbürgermeister die Deklaration, und der Beifall will nicht enden.

Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos. Immer noch weht ein leichter Wind. Ein paar Saatkrähen krächzen um die weißen Mauern der Demetrios-Kathedrale.

Inge Obermayer, NZ vom 25.10.1986

Was die Großmeisterin des Worts auch familiär mit der Sowjetunion verband, ist hier in ihren Erinnerungen an den Vater nachzulesen: https://is.gd/WtYqOO

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„Ich hatte mir schon überlegt“, meinte gestern abend bei der Rückfahrt nach Erlangen, „ob es sich denn lohnt, den weiten Weg nach Jena zu machen. Gute zwei Stunden einfach unterwegs, nur um die Honneurs zu machen. Aber jetzt bin ich richtig froh, dabei gewesen zu sein.“

Erlangen auf dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters

Der stellvertretende Vorsitzende der Wladimirer „Zivilgesellschaftlichen Kammer“, sprach damit wohl allen russischen Gästen aus dem Herzen, denn, so Olga Dejewa, die klimatischen Bedingungen – immerhin gilt Jena als der zweitwärmste Ort Deutschlands – übertragen sich offenbar auch auf das Wesen der Menschen.  Die Oberbürgermeisterin ist die einzige in der Delegation, die Jena bereits von einem Besuch aus dem Jahr 2013, damals noch in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Roten Kreuzes, kennt und seither zu schätzen weiß.

Olga Dejewa und Albrecht Schröter

Als Stadtoberhaupt war dies nun gestern ihr Antrittsbesuch und die erste Gelegenheit mit Ihrem Amtskollegen, Albrecht Schröter, über die weitere Ausgestaltung des Partnerschaftsdreiecks Erlangen-Jena-Wladimir zu sprechen – und an seiner Seite ein wenig die Stadt zu erkunden.

Dabei treffen die beiden auf Schritt und Tritt auf russische Spuren: mal auf die Ankündigung eines Vortrags über Michail Gorbatschow, den in seiner Heimat wohl erst künftige Historiker vom Makel des Totengräbers der Sowjetunion befreien werden, mal die Erinnerung die Station Jena auf dem langen Lebensweg von Lew Tolstoj.

Gedenktafel am Frommannschen Anwesen

Wichtiger als der Blick zurück – auch in die bereits zehn Jahre währende Dreieckspartnerschaft – ist den Deutschen und Russen die Überlegung, was sie in Zukunft gemeinsam angehen könnten. Und da bietet sich ein breites Spektrum.

Über den Dächern von Jena

Das Freiwilligenprogramm soll fortgesetzt werden, das Rahmenabkommen zwischen der Friedrich-Schiller-Universität und der Wladimirer Universität bietet noch ungenutzte Möglichkeiten für den Wissenschaftsaustausch, bei Kultur und Sport gäbe es noch viel zu tun… Und dann ist da noch der Vorschlag von Albrecht Schröter, gern einmal jemanden aus der Wladimirer Stadtverwaltung einzuladen, um auszuloten, in welchen Bereichen der Administration ein Erfahrungsaustausch nützlich sein könnte.

Albrecht Schröter und seine Gäste

Und natürlich darf die Gegeneinladung nicht fehlen: vielleicht schon zum Wirtschaftsforum im Juni oder spätestens zum Stadtfest im Herbst. Gleichviel, Hauptsache man bleibt im Gespräch und Austausch, so die einhellige Meinung.

Albrecht Schröter und Olga Dejewa, im Hintergrund Norbert Hebestreit

Schon sehr weit gediehen sind die Überlegungen für eine konkrete Zusammenarbeit auf Initiative von Norbert Hebestreit im Bereich der Krankenpflege. Da versprechen sich beide Seiten einen Gewinn, da wollen beide Seiten voneinander lernen, da soll noch heuer ein Austauschabkommen zwischen der Berufsfachschule in Wladimir und dem Klinikum Jena abgeschlossen werden.

Nach der Führung durch das Klinikum Jena

Da darf natürlich auch eine Führung durch die größte Klinik Thüringens und eines der modernsten Krankenhäuser in ganz Deutschland, wenn nicht gar europaweit, nicht fehlen. Immer im Blick auf die künftige Zusammenarbeit zwischen Jena und Wladimir.

Alexander Krutow, Renate Winzen, Olga Dejewa, Nadja Steger, Wladimir Rybkin, Anette Christian und Guram Tschjotschjew

So ein Tag endet natürlich beim Abendessen zurück in Erlangen mit Stadträtin Anette Christian am besten mit einem Trinkspruch, den Wladimir Rybkin in ebenso einfachen wie einprägsamen Worten ausbringt: „Ich stehe auf, um mein Glas auf die Gastgeber zu erheben, und ich knöpfe meine Jacke zu dem festlichen Anlaß zu, aber mein Herz ist bis auf den letzten Knopf aufgeknöpft nach all den wunderbaren Begegnungen hier in Deutschland.“

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Mit einem „Willkommen im schönsten Konferenzraum Erlangens“, eröffnete Florian Janik gestern gegen 9.00 Uhr die zweite Sitzung des Gesprächsforums „Prisma“ und konnte die Diskussionsrunde gegen 16.30 Uhr mit der Vorfreude auf das nächste Treffen der Diskussionsrunde, möglichst schon im November diesen Jahres, schließen.

Sogar über das Thema ist man sich einig, das sich vor allem auch aus einem Diskussionsbeitrag von Alexander Krutow, stellvertretender Vorsitzender des Wladimirer „Zivilgesellschaftlichen Kammer“, des Dachverbands der Nichtregierungsorganisationen, aus seiner Frage ableitete, ob es denn auch in Deutschland denkbar sei, wie in den USA einen russischen Nachrichtenkanal zum „ausländischen Agenten“ zu erklären und ihm, am Beispiel von „Russia Today“ zu sehen, etwa den Zutritt zu Pressekonferenzen zu verwehren. Die einzige Frage in der von der Richterin im Ruhestand, Gerda-Marie Reitzenstein, und der Historikerin, Julia Obertreis, moderierten Runde, die unbeantwortet blieb und auf das nächste Treffen verschoben wurde.

Olga Dejewa und Florian Janik

Dann, wieder in Wladimir, so die Einladung von Oberbürgermeisterin Olga Dejewas an Ihren Erlanger Kollegen, Florian Janik, wolle man sich dem Komplex der Medien zuwenden und ihren Einfluß auf in Ost und West so unterschiedliche Wahrnehmung von Ereignissen rund um den Erdball untersuchen. Im Vis-à-Vis, als Vertreter der „Volksdiplomatie“, die der Gewerkschafter Wladimir Rybkin in der Städtepartnerschaft segensreich am Werk sieht.

Oxana Kirej, Anette Christian und Gerda-Marie Reitzenstein

Überhaupt, das Werk der Partnerschaft: Olga Dejewa hält nicht zurück mit ihrem Lob. Unter den 21 Städtefreundschaften, die Wladimir pflegt, nehme Erlangen unangefochten die erste Position ein. Wörtlich: „Mit den anderen haben wir Beziehungen, aber hier in Erlangen ist das Leben!“

Alexander Krutow, Wladimir Rybkin, Elisabeth Preuß und Gerda-Marie Reitzenstein

Folgte man gestern der Diskussion über Fragen der Beteiligung und des zivilgesellschaftlichen Engagements, spürte man, daß es sich hierbei nicht um ein wohlfeiles Kompliment an die Gastgeber handelte, sondern um das Wesen dieser nun schon fünfunddreißigjährigen deutsch-russischen Bürgerpartnerschaft. Und man spürte vor allem, wie ähnlich man einander auch da ist, wo man das bisher gar nicht vermutet hätte.

Kristina Kapsjonkowa, Wladimirer Studentin am IFA, und Oxana Kirej in der „Dolmetscherecke“

Etwa in Fragen der Bürgerbeteiligung. Man mag die Dinge unterschiedlich nennen – in Erlangen „Vorhabenliste“, in Wladimir „laufende Projekte“ -, aber der Geist ist derselbe: Bei allen Infrastrukturplänen und sonstigen Fragen der Kommunalpolitik die Stadtgesellschaft möglichst früh einzubeziehen und die Menschen nie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Mitbestimmung wo irgend möglich auf allen Ebenen.

Julia Obertreis, Olga Dejewa und Florian Janik

Tut man das nicht, so Alexander Krutow, im Brotberuf Bankier, gibt man der „größten Gefahr für die Demokratie“ Raum, dem Populismus. Er ist es auch, der auf die Macht des einzelnen Bürgers hinweist, auch in einem zentral geführten Land: Baut da nämlich jemand ohne die vorher notwendigen Abstimmungen mit den Nachbarn, kann auch eine bereits erteilte Genehmigung wieder zurückgezogen werden. Mit allen Konsequenzen für den Träger und die Behörde.

Das nachmittägliche Plenum von „Prisma“

Die Themenpalette – von der Frage des Einsatzes von Ehrenamtlichen etwa im Hospizverein über die Bedeutung des Jugendparlaments bis hin zur Rolle der Kommunen in der Gestaltung des öffentlichen Lebens – wurde jeweils durch Präsentationen beider Seiten vorgestellt, von Nadja Steger vorab übersetzt, kundig moderiert – und vor allem meisterhaft von Oxana Kirej, unterstützt durch ein sechsköpfiges Nachwuchsteam vom Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, in beide Richtungen gedolmetscht. Über weite Strecken hinweg sogar simultan. Höchstes Lob dafür!

Oxana Kirej, Olga Dejewa, Florian Janik und Julia Obertreis

Das Fazit. Erlangen und Wladimir sprechen mit einander, lernen einander immer besser kennen und beweisen, man kann sich gar nicht genug austauschen. Nur so vermeidet man ja auch im eigenen Land, wie Julia Obertreis zum Ende hin bemerkte, das Entstehen von „Filterblasen“, wo jeder nur noch sich selbst und Seinesgleichen hört und anspricht.

Gruppenbild „Prisma“

Es gilt spätestens seit gestern die Maxime: Gäbe es „Prisma“ nicht schon, sollte man es schleunigst erfinden. Zur Nachahmung empfohlen!

 

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