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Archive for 15. Dezember 2017


Vom 30. September bis 7. Oktober setzte das Fridericianum seinen Austausch mit der Schule Nr. 17 in Wladimir fort. Hier nun der Bericht zu den jüngsten Begegnungen:

Die Anfänge unseres Schüleraustausches reichen über zehn Jahre zurück, und ich selbst war im Herbst das sechste Mal mit einer  Gruppe von 18 Jungen und Mädchen aus den 9. bis 11. Klassen für eine Woche in Wladimir. Diesmal wieder mit Dieter Seifert, einem Kollegen aus der Fachschaft Geschichte und Sozialkunde; für ihn war es die dritte Wladimir-Reise. Manches, aus der Erinnerung gekramt, hat sich in diesen Jahren glücklicherweise sehr positiv verändert, und dann erlebten wir andrerseits dieses Jahr auch manches, was uns doch mindestens ein fragendes Stirnrunzeln abnötigt.

Exkursion nach Moskau

Manche, für westeuropäische Gewohnheiten herausragende, wundersame Erlebnisse aus der Vergangenheit springen im Rückblick auf. 2008 wollte uns eine sehr sorgfältige Beamtin am Flughafen Domodjedowo bei der Kontrolle nicht mehr ausreisen lassen, weil ich als Lehrerin mit minderjährigen Kindern ohne Eltern unterwegs sei und auch deren ausdrückliche Erlaubnis – für jedes Kind authentifiziert – nicht vorzeigen konnte. Ich weiß bis heute nicht, was genau der uns damals begleitende russisch-stämmige Kollege der Dame am Schalter gesagt oder versprochen hat. Die auf der Mädchentoilette aus Versehen, beim „Halt mal schnell, nachher nehme ich deinen…“, vertauschten Pässe, es war wohl 2006, haben die Grenzer damals wiederum nicht bemerkt.

Oder dieses Jahr in Frankfurt: Unmittelbar nach dem Verlassen des Flugzeugs aus Moskau, geradewegs aus der Fluggastbrücke kommend, hielten uns zwei „bis an die Zähne“ bewaffnete deutsche Polizisten auf, weil sie 18 unbegleitete Jugendliche bei der – legalen/illegalen ? – Einreise vermuteten. Mein Kollege war, um das Tempo der Gruppe anzutreiben, etwa zehn Meter vorausgegangen, und ich hielt mich am Ende der Gruppe. Aber wenige erklärende Worte – „Schüleraustausch: Ich bin die begleitende Lehrerin, wir müssen den Flieger nach Nürnberg erwischen!“ – stimmten die deutschen Kontrolleure unerwartet schnell milde, und sie winkten uns mit einem aufmunternden „Guten Weiterflug“ durch.

Neu in Wladimir seit diesem Jahr ist aber eine Kontrolle, bei der bei jeder Bus-Exkursion ein Passagiersitzplan auszufüllen ist, bei Fernreisen nach Moskau sogar mit Ausweisnummer; ohne startet der Busfahrer nicht. Dies gilt nicht für Fahrten im Stadtverkehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wohl aber für die halbstündige Stadtrundfahrt mit dem Touristenbus durch Wladimir. Alles zur Sicherheit der Kinder, sagte man uns, aber die wahren Gründe haben sich uns nicht recht erschlossen. Die russischen Kolleginnen füllten Listen über Listen, in Kyrillisch und Deutsch, aus, und wir unterstützen sie nach Kräften, wobei wir über „Sicherheit für die Kinder“  nachdachten, während auf der gleichen Reise der Busfahrer mit dem Handy jonglierte oder auf der Strecke hin und wieder eine dritte Fahrspur für sich zum Überholen mit Hupe eröffnete. Ein Beispiel dafür, wie die Formen der russischen Bürokratie offenbar noch detailreicher und aufwendiger geworden sind. Wir deutsche Lehrer fragten uns leise, ob die Verantwortlichen vor Ort ein klares Bild davon haben, wie man diese Verantwortung auch wirklich wahrnehmen kann oder sollte. Unterstützt diese neue Maßnahme unsere russischen Kolleginnen in ihrer Verantwortung, oder schafft sie (unsinnige?) Mehrbelastung im ohnehin schon vergleichsweise komplizierten Schul- und Lebensalltag? Wer profitiert davon, wenn man weiß, wer wann und in welchem Bus auf welchem Sitz nach Moskau gefahren ist oder eine Stadtrundfahrt in Wladimir gemacht hat?

Ja, die  Stadt Wladimir wurde in den letzten zehn Jahren heller und bunter. Und wie die nächtliche Beleuchtung zumindest entlang den Hauptstraßen Gehwege wirklich erhellt, ist schon ein doppelter Mehrwert, zumal die Bürgersteige fast von Schlaglöchern und dadurch auch von Pfützen frei sind. Die ersten großen Schaufenster in den Hausfassaden hatte man vor zehn Jahren lieber nicht beim Flanieren betrachten sollen, denn der nächste Stolperstein, eine aufstehende Gehwegplatte, eine knöcheltiefe Pfütze warteten zur Überraschung überall beim nächsten Schritt auf einen. Das ist heute anders. Auch die Straßenpflasterstelle oberhalb des Erlangen-Hauses auf dem Weg zur Innenstadt war dieses Jahr endlich fertig. Vor zwei Jahren war die Gehwegpflasterung, über die ganze Woche nicht abgewarnt, mit einem Steinhaufen mitten auf dem Weg über mehrere Quadratmeter offen geblieben und von zwei Seiten her bis auf vielleicht zwei Meter Abstand fertiggestellt. Das Gehsteigniveau hatte allerdings einen Versatz von mindestens 20 cm Höhenunterschied. Pfützen gibt es immer noch auf den Straßen, und wenn das Herbstschmuddelwetter hereinbricht, spritzen die Autos im Vorbeifahren meterweit auf den Gehweg. Aber vom herbstlichen Wind ausgekühlt, findet man leicht auf Schritt und Tritt nette Lokale und Cafés zum Aufwärmen. Freundlich und offen wird man vielerorts auf Englisch mit „good evening“ begrüßt, gerade wenn man ein mit deutschem Akzent gefärbtes „dobryj wetscher“ probiert.

Die Verständigung über die englischsprachige Menükarte, so haben wir es einige Male erlebt, geht mitunter noch etwas holprig, aber für den Nachhauseweg bekamen wir ein freundliches „Auf Wiedersehen“ in Deutsch mit.

Russisch-deutsche Sportstunde

Ob diese weltoffene Entwicklung aber so weit gehen sollte, im normalen Speiselokal für die Gruppe junger russischer Frauen und Männer Shischa-Pfeifen anzubieten und sie auf Wunsch vom Kellner angezündet zu bekommen? Weiß-blau-rot leuchtende, mit kleinen Lichterketten behängte Bäume säumen Eingangsstraßen nahe der Innenstadt, wenn man abends in die Stadt zurückfährt. Weihnachtlich anmutende Lichtergirlanden auch schon Ende September auf den Hauptstraßen Wladimirs? Was soll man davon halten, fragen mich auch unsere Schüler, wenn wir in Deutschland nach den Lehrplänen vieler Fächer über nachhaltige Ressourcennutzung oder gar Lichtverschmutzung in Großstädten sprechen, wenn Stadtverantwortliche in Deutschland inzwischen neue, sparsame Lichtkonzepte entwerfen oder nachts die Beleuchtung auf das sicherheitsnotwendige Maß herunterschalten?

In Absprache mit den russischen Koordinationskolleginnen wagten wir uns an eine Thematik, die Europa in den letzten Jahren, und wahrscheinlich noch weit in die Zukunft hinein, vor große gesellschaftliche und politische Herausforderungen stellt. Das Projektthema „Migration und Integration“ beschäftigte die Austauschgruppe an vier Arbeitstagen und mündete in eine gemeinsame Präsentation der Ergebnisse.

Gemeinsame Projektarbeit

Zuwanderungsströme aus Ländern der früheren Sowjetunion und die Rücksiedlung ethnischer Russen stellen das Land vor ähnliche Probleme wie die Europäische Union in Zeiten der Flüchtlings- und Asylbewerberströme. Auch wenn offene Fragen zu einer menschenwürdigen Integrationspolitik nur oberflächlich angesprochen oder teils gar ausgeklammert wurden, machte die diesjährige Projektarbeit sehr niederschwellig doch eine Problematik deutlich, die nicht nur Europa betrifft, sondern global erscheint und möglicherweise auch nur in diesen Zusammenhängen gelöst werden kann.

Durch die  Besuche der letzten Jahre entstand inzwischen gegenüber den russischen Kolleginnen zunehmend Vertrautheit, die auch offenere Fragen ermöglicht, obwohl man in Gesprächen, natürlich auch vom Thema abhängig, immer noch einer sehr zurückhaltend kritischen und wenig persönlich differenzierenden Haltung begegnet.

Die Schüler des Gymnasiums Fridericianum, die bis zur Mittelstufe doch schon einigermaßen eingeübt sind, kritisch abwägend zu fragen und Antworten in Relationen zu sehen, entwickelten langsam ein Gespür dafür, wie in anderen politischen Systemen, etwa der Russische Föderation, auch andere Kontrollmechanismen aus der Vergangenheit bis heute wirken und Meinungen, Wahrnehmung und Beurteilung von Aussagen beeinflussen.

Gemeinsame Projektarbeit

So nehmen russische Lehrkräfte und Schüler das in Deutschland übliche  Handyverbot im Unterricht als unerlaubte Einschränkung individueller Freiheit wahr, während die deutschen Gäste über den in allen Varianten geduldeten Gebrauch von Handys und Tabletts im russischen Unterricht sich nur wundern.

Eine Woche intensiven Zusammenlebens eröffnete den 18 Schülerinnen und Schülern vor allem in den Familien, in denen sie aufgenommen wurden, einen authentischen Eindruck vom russischen Alltag. Aus pädagogischer Sicht ist das ein Blickwinkel, der für die heranwachsende Generation globale Handlungskompetenz stärkt, wie es kein theoretisches Schulbuch leisten kann. So danken wir der Stadt Erlangen und dem Bayerischen Jugendring für die Förderung, die solche Unternehmungen aus Mitteln der Städtepartnerschaft und aus Mitteln des Kinder- und Jugendprogramms der bayerischen Staatregierung großzügig unterstützen.

Deutsch-russischer Abschied

Der nächste Besuch ist schon geplant: Willkommen, Schülerinnen und Schüler aus Wladimir, im Oktober 2018 am Gymnasium Fridericianum!

Christiane Krautwurst (OStrin i.BV)

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