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Archive for 6. Dezember 2017


Am 18. November feiert nach irdischer Zeitrechnung Väterchen Frost Geburtstag. Für den slawischen Vetter des hl. Nikolaus eine erste Gelegenheit, sich in den vorwinterlichen Städten und Dörfern umzusehen, mit den Kindern zu sprechen, sich umzuhören auf Gottes schönster aller Welten. Der Weg führte den ehrwürdigen Herrn natürlich auch in das adventlich gestimmte Wladimir, wo man ihm einen festlichen Empfang bereitete und einen Briefkasten, von Meisterhand aus Holz gefertigt, aufstellte, in den die Kinder ihre Glückwünsche steckten, die noch am gleichen Tag nach Welikij Ustjug expediert wurden, wo Väterchen Frost residiert und aus allen Zusendungen die schönste auswählt, um den Absender dann zum Neujahr mit einem himmlischen Preis auszuzeichnen.

In der Fürstenstadt an der Kljasma aber blieb der kunstvolle Briefkasten stehen, damit die Kinder dort auch ihre Post mit dem Betreff „Wünsche an Väterchen Frost“ einwerfen können, bis in der finstren Nacht des 24. November eine wahre Untat geschah: Unbekannte Wüteriche trieben ihr schändliches Unwesen, brachen die Holzbox auf und veranstalteten mit den Kinderbriefen eine üble Schnitzeljagd, deren Spuren am nächsten Morgen zu beklagen waren.

Dieser himmelschreiende Frevel blieb natürlich im Jenseits nicht unbemerkt. Erzengel Michael, der stets wachsame Schutzpatron der Polizei, schlug denn auch umgehend Alarm und machte Sankt Nikolaus, der schon mitten in den Vorbereitungen auf seine Erdenfahrt steckte, Meldung von dem unerhörten Vorfall im Land der Reußen. Noch bevor von dort der offizielle Antrag auf Amtshilfe eintraf, beratschlagte sich der Bischof ohne Verzug mit dem Christkind, das gerade aus einem Alptraum aufgewacht war. Verdächtige Gestalten, ein rechtes Gelichter, Spießgesellen der dunklen Mächte hatten sich da lärmend durch seinen Schlaf getrieben und allerlei Allotria veranstaltet, aus Gesangbüchern Seiten herausgerissen, um daraus mit ungeschickten Händen Papierflieger zu falten, mit Weihwasser verdorrte Brennesseln gegossen oder Meßgewänder als Untersatz zu mißbrauchen, mit dem man trockenen Hinterns verschneite Hügel hinabrutschen konnte. Und dann auch das noch: das Briefgeheimnis auf so niederträchtige Weise gebrochen.

Inzwischen war aber schon Augustinus mit einem kleinen Trupp Schriftgelehrter, eskortiert von einer umsichtigen Engelschar, hinabgefahren auf die im Osten noch dunkle Erde. Der Kirchenvater hatte ja seit seiner göttlichen Weisung „tolle et lege“ eine besondere Expertise bei der treffsicheren Lektüre heiliger Schriften bewiesen und erschien den himmlischen Mächten als der richtige Mann, um das Unrecht – „mies und fies“ hatte es Sankt Nikolaus in seiner ersten Aufwallung nur allzu gerechten Zorns genannt – wiedergutzumachen.

In der Tat gelang es dem Gottesmann noch vor Anbruch des Tages, aus den Spuren der Verwüstung herauszulesen, was die Kinder sich so alles wünschten. Mehr noch, der Blog erhielt soeben sogar das Imprimatur für Auszüge aus diesen Briefen, freilich ohne Angabe der Absender. Sätze sind da zu lesen wie: „Immer erfüllst Du die Wünsche anderer, deshalb schicke ich Dir nur ein Bild von mir, damit Du mich auch bestimmt findest.“ – „Was Du mir bringst, ist mir eigentlich egal, Hauptsache – Du kommst!“ – „Ich war leider nicht immer brav in diesem Jahr, aber meine Mama lobt mich immer schon, wenn ich es wenigstens versuche. Ob das für ein Geschenk reicht?“ – „Mein Papa ist bei der Post. Er sagt, mein Brief kommt unfrankiert nicht an. Aber er weiß auch nicht, welche Marke richtig ist. Ich schicke Dir den Brief jetzt per Nachnahme. Wenn Du kommst, gibt Dir Papa die Gebühr zurück.“ – „So viel, wie ich mir wünsche, kann Dein Schlitten gar nicht tragen.“ – „Ich wünsche mir ein Fahrrad, das nie einen Platten kriegt.“ – „Mach bitte meinen Opa wieder gesund im Kopf. Er legt immer wieder sein Gebiß in meine Lieblingstasse, wenn er ins Bett geht. Ich mag ihn sehr, aber das ist pfui und eklig.“ – „Ich wünsche mir, was Du mir bringst!“ – „Mein kleiner Bruder ist krank. Ich habe gehört, wie der Doktor gesagt hat, er lebt vielleicht nicht mehr bis Weihnachten. Kannst Du nicht gleich das Christkind mitbringen?“

Wir wissen nun zwar nicht, welche Buße dereinst den Finsterlingen auferlegt wird, die in jener Nacht den lichten Zauber zu brechen versuchten, aber zuverlässige Quellen sichern uns zu, daß heute Sankt Nikolaus nach getaner Arbeit in seinem weströmischen Herrschaftsbereich auch noch einen Abstecher zu den Kindern in Wladimir plant, deren Briefe keine menschliche Niedertracht daran hindern kann, in den Himmel aufzusteigen, wo sich bestimmt auch noch Väterchen Frost mit dem Bischof zu einem Geburtstagsfestschmaus trifft.

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