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Archive for 1. Dezember 2017


Die Geschichte, die heute erzählt werden will, beginnt Anfang der 90er Jahre, als sich in Nördlingen, angeregt von den Aktionen Rothenburgs in Susdal, eine Initiative mit dem Ziel gründete, in Jurjew-Polskij, etwa 70 km nordwestlich von Wladimir gelegen, humanitäre Hilfe zu leisten, ganz konkret, von Mensch zu Mensch, von Familie zu Familie. Von den Behörden ließ man sich eine Liste bedürftiger Personen geben und immer im Januar besuchte dann über Jahre hinweg eine Bürgergruppe aus dem schwäbischen Bayern die 1152 von Jurij Dolgorukij, dem Gründer von Moskau, erbaute einstige Fürstenresidenz und verteilte Pakete mit vor Ort gekauften Hilfsgütern, die einen Gruß des Absenders enthielten, um der Sache die Anonymität zu nehmen. Diese Art der Hilfe, die auch in den umliegenden Dörfern geleistet und später ganz auf Geldspenden umgestellt wurde, kam gut an, und die vielen nach Nördlingen geschickten Dankesbriefe schufen ein immer engeres Netz von Freundschaften. Im Gefolge der humanitären Aktionen, unterstützt auch von der Erfahrung Erlangens, entstanden auch Verbindungen zum Roten Kreuz, zu Altenheimen und Krankenhäusern, und sogar ein Schüleraustausch kam in Gang. 1993 kam die erste Gruppe aus Jurjew-Polskij nach Nördlingen; auf Einladung von Thomas und Rosi Held auch dabei die damals fünfzehnjährige Jelena Losinskaja. Sie hatte für ihren Großvater – unter Stalin repressiert und später rehabilitiert stand er auf der Bedürftigenliste – den Dankesbrief geschrieben, und die Empfänger luden sie nun spontan ein. Die Schülerin begann, Deutsch zu lernen – übrigens auch im Erlangen-Haus -, kam wieder, die deutschen Gastgeber erwiderten die Besuche, kehrten noch mindestens sieben Mal, sogar mit den eigenen Söhnen, zurück in die Stadt am Kleinen Goldenen Ring mit 17.000 Einwohnern. Eine Freundschaft war geboren, die von Jahr zu Jahr enger wurde: Längst betrachten die Helds Jelena Losinskaja, mittlerweile selbst Mutter eines Sohnes und seit zehn Jahren in Wladimir wohnhaft, wo sie für die Moskauer Schokoladenfabrik „Krasnyj Oktjabr“ die Geldbewegungen überwacht, als ihr drittes Kind.

Thomas und Rosi Held mit Jelena Losinskaja

In den letzten Jahren reist das Ehepaar nicht mehr so viel, aber die „Adoptivtochter“ besucht die beiden ja regelmäßig. Der Austausch zwischen Nördlingen und Jurijew-Polskij hingegen ist mittlerweile zum Erliegen gekommen. Dabei sah es so vielversprechend aus: Sogar Nikolaj Winogradow, damals Gouverneur der Region Wladimir, besuchte mit einer offiziellen Delegation und Peter Steger, Erlangens Partnerschaftsbeauftragter, die ehemalige Reichsstadt, um für eine offizielle Partnerschaft zu werben, aber auf beiden Seiten wagten die Rathäuser den Sprung nicht. Ohne kommunale Strukturen und Unterstützung fehlte es auf Dauer der losen Bürgerinitiative an Kraft, viele der Aktiven wurden alt und krank, verstarben. Heute sind nur noch wenige private Freundschaften am Leben, darunter die nun schon „deutsch-russische Familie“ Held-Losinskaja, die bis heute Freud und Leid miteinander teilt und nun ein Wiedersehen in Wladimir plant. Thomas Held, der aus der humanitären Hilfe für sich den Schluß zieht, es sei schwerer zu nehmen als zu geben, meint dazu: „Nach so vielen Jahren würde es mich schon reizen, einmal wieder hinzufahren und mir Zeit zu nehmen.“ Zeit, um zu sehen, was aus den Menschen in Jurjew-Polskij geworden ist, die aus Nördlingen so viel Hilfe erfahren haben, Zeit aber auch, um zu erleben, was Jelena Losinskaja aus ihrem Leben und der schwäbischen Unterstützung gemacht hat, Zeit, um zurückzublicken auf ein gelungenes gutes Werk.

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