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Archive for 25. November 2017


Für Dagmar Paliwal war es ein gerader Weg von Willy Brandts Ostpolitik der Aussöhnung mit den einstigen Feinden zur Partnerschaft mit Wladimir. 1980 übernahm die polyglotte Ethnologin mit einem an der berliner Schnauze geschliffenen schwäbischen Zungenschlag den Partnerschaftsbereich im Rathaus Erlangen und kümmerte sich zunächst natürlich und vornehmlich um Eskilstuna in Schweden und Rennes in Frankreich. Als dann aber Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg die Hand in Richtung Sowjetunion ausstreckte, machte sich Dagmar Paliwal gemeinsam mit Herbert Lerche, dem späteren und mittlerweile aus dem Dienst ausgeschiedenen Leiter des Bürgermeister- und Presseamts, und unterstützt von der Schubkraft des damaligen Chefs der „Erlanger Staatskanzlei“, Helmut Schmitt, mit heißem Herzen und kühlem Verstand an die Fortsetzung des Werks der Völkerverständigung. Von Beginn an war ihr klar, daß für den Austausch mit einer Stadt in der UdSSR ganz andere Voraussetzungen bestanden als im Kontakt etwa mit den französischen Freunden. Deshalb versuchte sie auch früh, in die Austauschprogramme die Politik ebenso wie Vereine und Fachkontakte einzubeziehen, eine gute Verbindung und Mischung zu schaffen, die versprach, das zu ermöglichen, an dessen Zustandekommen in der Anfangsphase wohl auf beiden Seiten noch viele zweifelten. Doch bald sollte sich zeigen: Das wird etwas. Erlangen und Wladimir passen zusammen.

dagmar-paliwal

Selbst war die Anglistin und Romanistin allerdings nur ein einziges Mal in Wladimir, 1986, als man dort mit gut einhundert Teilnehmern aus Erlangen die Kultur- und Sporttage feierte. Immer an der Seite von Dietmar Hahlweg und Ludmila Holub, die als Dolmetscherin so charmant-gewandt dafür sorgte, daß sich Deutsche und Russen verstanden. Hier nun spürte Dagmar Paliwal hautnah die Aufbruchsstimmung, ausgehend von Perestrojka und Glasnost, erlebte Glauben und Mut der Menschen und deren Hoffnung auf eine bessere und gemeinsame Zukunft. Überwältigt war sie von den fremden Eindrücken einer Kultur, die sie bisher nicht kannte, und die ihr, wie die Völkerkundlerin bedauert, bis heute fremd geblieben sei: „Aber ich habe alles dankbar aufgesaugt, konnte nur leider nichts zurückgeben. Ich habe viel bekommen in Wladimir, und dafür bin ich sehr dankbar.“

Ein Suchbild: Dagmar Paliwal zwischen Dietmar Hahlweg, Genrich Oserow und Rudolf Schwarzenbach in einer Wladimirer Klinik. Die Losung über den Häuptern der Gruppe lautet: „Unter den sozialen Aufgaben gibt es keine wichtigere, als die Sorge um die Gesundheit der Sowjetmenschen.“

Einige Anekdoten bleiben unvergessen. Etwa wie Stadtrat Erwin Wolff, Weltkriegsveteran und in sowjetischer Gefangenschaft, der nach der Rückkehr aus Wladimir seiner CSU-Fraktion anriet, die Partnerschaft zu unterstützen, bei einer Stadtrundfahrt darauf bestand, aussteigen zu dürfen, um allein durch die Straßen zu gehen. „Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie groß die Sorge war, er könne verlorengehen“, erinnert sich Dagmar Paliwal. „Aber er war zur vereinbarten Zeit wieder am vereinbarten Ort und wirkte später als Eisbrecher in seiner Partei.“ Oder die Erinnerung an das kleine Mädchen, das neben der Besucherin aus Erlangen stand, als das Feuertheater Mechelwind seine Schau vorführte, und rief: „Mehr blaue Sterne, rote haben wir genug!“ Auch an das Mittagessen am Abflugtag in Moskau mit Michail Swonarjow, dem Vorsitzenden des Rates der Volksdeputierten, denkt sie zurück. Auf Dagmar Paliwals Frage nach den Ingredienzien einer wunderbaren Erbsensuppe antwortete der nach einigem Zögern: „Kann ich nicht sagen, das ist eine europäische, keine russische Suppe.“ Noch heute muß die vor zehn Jahren in den Ruhestand getretene Partnerschaftsbeauftragte und Feinschmeckerin da schlucken. Und noch heute gibt es bei den Russen – leider – diese geographisch-mentale Grenzziehung – bei aller Nähe, bei all dem vielen, was uns schon immer und immer mehr eint. Dementsprechend ihre Reaktion: „Ihr seid doch auch Europäer!“ Eine Antwort, die heute mehr denn je gilt.

Dagmar Paliwal 2

Nach dieser Reise sah Dagmar Paliwal ihre Wladimir-Mission als erfüllt an, organisierte 1987 noch die „Wladimirer Kultur- und Sporttage“ in Erlangen, erstmals mit dem Verfasser dieser Zeilen als Dolmetscher an ihrer Seite, und übergab dann die Kontakte an Herbert Lerche, um sich wieder „ihren“ Städten zuzuwenden. Bald sollten ja auch Jena, Stoke-on-Trent und San Carlos hinzukommen. Sie konnte aber sicher sein, daß die Verbindung zu den Russen Bestand haben würde, auch wenn niemand voraussehen konnte, wie bald die Sowjetunion zerfallen würde und welch ungeahnte Möglichkeiten der Zusammenarbeit sich in den 90er Jahren eröffneten.

Dagmar Paliwal feiert heute einen runden Geburtstag. Anlaß zur Freude und zur Danksagung an eine Bereiterin und Begleiterin eines heute weit verzweigten Wegs der Verständigung. Danke an eine Kollegin, die allen, die mit ihr im internationalen Austausch arbeiten konnten, im Rathaus und weit darüber hinaus in aller Welt – wo die Kosmopolitin ja zu Hause ist –, sehr fehlt. Glückwunsch, liebe Dagmar, und danke für alles in allen dir geläufigen Zungen des weiten Erdenrunds!

Leicht geänderte Fassung eines Artikels der im Blog bereits vor fünf Jahren erschien.

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