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Archive for 21. November 2017


Austausch und voneinander Lernen – unter dieser Prämisse fand vom 23. bis zum 27. Oktober ein Delegationsbesuch aus Wladimir in Jena statt. Die Gruppe bestand aus Inna Morosowa, Direktorin der Medizinischen Fachschule, Natalia Uschakowa, Abteilungsleiterin der Krankenpflege an der Fachschule, und Julia Arsenina, stellvertretende Direktorin vom Department für Gesundheitswesen des Wladimirer Gouvernements.

Empfang bei Oberbürgermeister Albrecht Schröter

Die Gäste kamen auf Einladung von Oberbürgermeister Albrecht Schröter, der das Trio persönlich begrüßte und bei einer kleinen Führung die Stadt zeigte. “Das russische Gesundheitssystem ist hoch entwickelt. Von einem kontinuierlichen Dialog können beide Städte profitieren. Eine Zusammenarbeit ist also wünschenswert”, betonte er. Wie diese aussehen kann, sollte nun in Sondierungsgesprächen ausgelotet werden.

Jena pflegt seit zehn Jahren eine partnerschaftliche Verbindung zu Wladimir. Eine Besonderheit durch die Dreiecksbeziehung mit Erlangen, geprägt von regelmäßigem Austausch und Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Gebieten wie der Jugend- und Frauenarbeit, in der Verwaltung sowie auf kultureller Ebene.

Stadtführung mit Iwan Nisowzew

Die Partnerschaft soll nun um den Bereich Gesundheitswesen und Pflege ergänzt und bereichert werden. Insofern stand bei diesem Besuch vor allem ein avisiertes Kooperationsvorhaben zwischen dem Bereich Pflegebildung am Universitätsklinikum Jena (UKJ) und der staatlichen Berufsschule für Medizinische Fachberufe in Wladimir im Mittelpunkt. Aber auch eine Zusammenarbeit mit der Staatlichen Berufsbildenden Schule für Gesundheit und Soziales Jena (SBBS) sollte ausgelotet werden. Neben dem gegenseitigen Interesse an gemeinsamen Fachthemen zur schulischen und außerschulischen Ausbildung geht es darüber hinaus darum, gemeinsame Aktivitäten wie Studienreisen oder bilaterale Forschungsarbeiten vorzubereiten. Mögliche Themenfelder sind historische Fragen im Kontext der Gefangenschaft Deutscher in russischen Lazaretten oder das große Thema Robotik und Telemedizin in der Pflege. Außerdem besteht großes Interesse an einem fachlichen Austausch über curriculare Fragen im Kontext der jeweiligen Ausbildungsangebote und -standards in den Pflege- und Gesundheitsfachberufen.

Während ihres Besuchs trafen sich die Gäste mit Arne-Veronika Boock, Pflegedirektorin und Norbert Hebestreit, leitender Pflegewissenschaftler am UKJ, der bereits im Februar Gelegenheit hatte, in Wladimir die ersten fachlichen Kontakte zur Gesundheitsfachschule knüpfen zu können. Gemeinsam mit Iwan Nisowzew, Vorstand des Vereins Eurowerkstatt Jena e.V. und aus Wladimir stammend, hat der promovierte Pflegewissenschaftler den Kooperationsbesuch vorbereitet. Für beide ist es besonders wichtig, eine Zusammenarbeit mit gegenseitigem Nutzen aufzubauen. Beide Partner sind auf unterschiedlichen Gebieten spezialisiert und an den gegenseitigen Erfahrungen interessiert. Der Verein Eurowerkstatt Jena e.V. koordiniert mehrere Programme im Bereich internationaler Jugend- und Bildungsarbeit. Aus diesem Grund wurde von den Vereinsmitgliedern das ausgerufene Deutsch-Russische Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018 mit großem Enthusiasmus aufgegriffen und der Delegationsbesuch in diesen Kontext gestellt.

Regina Halbfinger, Anastasia Owtscharow, Martina Berrocal, Johanna Großer, Iwan Nisowzew, Inna Morosowa, Ramona Schumacher, Natalia Uschakowa, Norbert Hebestreit, Julia Arsenina, Janine Tavangarian, Arne-Veronika Boock und Albrecht Schröter

Auch ein Besuch an der SBBS stand im Programm. Hier trafen die russischen Gäste auf Dagmar Kunze, kommissarische Leiterin der Schule, und ihre Lehrerkolleginnen und Schüler unterschiedlicher Ausbildungsberufe. In Unterrichtsvisiten, Besichtigungen der Lehrkabinette und Skills-Labs sowie insbesondere in vielen fachlichen Gesprächsrunden gab es umfangreiche Gelegenheiten zur Sondierung möglicher Themen für eine weiterführende Zusammenarbeit und zum persönlichen Kennenlernen.

In den Gesprächen wurde deutlich: Auch wenn 2.200 km zwischen den beiden Städten liegen, sind die Herausforderungen im Pflegebereich doch sehr ähnlich. Der Fachkräftemangel macht sich verstärkt bemerkbar, und dadurch wird es immer wichtiger, Gesundheitsfachberufe wettbewerbsfähig zu halten. „Es ist für uns sehr interessant zu sehen, wie in Jena und in Deutschland gearbeitet wird“, sagt Julia Arsenina. Ein Austausch über mögliche Lösungsansätze sowie über den Pflegealltag, die Pflegeorganisation und die bestehenden Prozesse im Allgemeinen kann einen Mehrwert in Form von neuen Lösungsansätzen für beide Seiten bringen. Für Jena ist zum Beispiel das Berufsbild des sogenannten “Feldschers” interessant, einer Position, die zwischen den Ärzten und dem Pflegepersonal angesiedelt ist und eigene Sprechstunden abhält. Ein Haupteinsatzgebiet im russischen Gesundheitswesen liegt in der medizinischen Prophylaxe und der medizinischen Grundversorgung.

Iwan Nisowzew, Regina Halbfinger, Kati Egerland, Anastasia Owtscharow, Natalia Uschakowa, Julia Arsenina, Johanna Großer, Inna Morosowa und Norbert Hebestreit

Aber auch das breite Spektrum der außerschulischen Arbeit ist für die Jenaer Seite von großem Interesse. Wladimir wiederum interessiert sich besonders für die Begegnung von pädagogischen Fachkräften zum intensiveren fachlichen und curricularen Austausch sowie für die umfassende Untergliederung der unterschiedlichen Gesundheitsfachberufe, wie zum Beispiel für das Berufsbild des „Heilerziehungspflegers“.

Das Kooperationsvorhaben und insbesondere die damit verbundenen fachlichen Austauschprogramme werden durch das Koch-Metschnikow-Forum e. V. inhaltlich und ideell intensiv unterstützt. Der Verein fördert deutsch-russische Projekte im Bereich Medizin und Pflege. Ramona Schumacher, Sektionsleiterin Pflege / Pflegewissenschaft und langjährige Pflegemanagerin, war aus diesem Grund ebenso in Jena zu Gast, um aus ihren umfangreichen Erfahrungen im Kontext vergleichbarer Projekte Ideen und Anregungen zu geben und als Expertin insbesondere für russisch-deutsche Pflegebildungsprojekte zur Verfügung zu stehen.

Johanna Großer, Regina Halbfinger, Julia Arsenina, Ann-Kathrin Nefe-Schneider, Inna Morosowa, Anastasia Owtscharow, Uta Mayer, Iwan Nisowzew, Norbert Hebestreit, Dagmar Kunze und Natalia Uschakowa

Sprachmittlerisch vorbereitet und begleitet wurde der Delegationsbesuch von den Studentinnen Regina Halbfinger, Johanna Großer und Anastasia Owtscharow vom Institut für Slawistik der Friedrich-Schiller-Universität, die im Rahmen eines studentischen Praktikums im Vorfeld der Besuchswoche erforderliche Übersetzertätigkeiten vorgenommen und während aller Termine als Dolmetscherinnen gearbeitet haben. Die Studierenden wurden angeleitet durch die Dozentin und Praktikumsbeauftragte des Instituts, Martina Berrocal.

Neben den finanziellen Mitteln der Stadt Jena und der beteiligten Kooperationspartner wurde der Delegationsbesuch finanziell unterstützt durch die Stiftung West-Östliche Begegnungen (WÖB), deren Zweck es ist, Austauschprojekte zwischen Deutschland und den östlichen Partnerländern zu fördern. Andere Projekte innerhalb der Verbindung Jena – Wladimir wurden bereits durch die Stiftung finanziert. Insofern ist es besonders erfreulich, nun auch für Vorhaben im Bereich Gesundheit und Pflege Mittel zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Die Gäste verbrachten vier Arbeitstage in Jena. Es wurden viele fachliche Gespräche geführt, persönliche Kontakte hergestellt und gemeinsam Kultur erlebt. Das Wichtigste aber: Man schmiedete bereits konkrete Pläne für die Zukunft. Zunächst wollen die Partner in Telekonferenzen die gemeinsamen Arbeitspakete besprechen und verhandeln, um dann auf beiden Seiten an konkreten Schritten zur Umsetzung der Kooperation arbeiten zu können. Dem folgt eine Delegationsreise der deutschen Seite im folgenden Jahr – die Einladung dazu nach Wladimir wurde bereits ausgesprochen.

Norbert Hebestreit und Iwan Nisowzew

Kontakt: russisch@eurowerkstatt-jena.de

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