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Archive for 8. November 2017


Dmitrij Artjuch von der Redaktion der Wladimirer Internetplattform „Zebra-TV“ hat erstaunliches Material zum gestrigen hundertsten Jahrestag der „Oktoberrevolution“ zusammengestellt. Demnach hat  – am 25. Oktober 1917 (nach julianischem Kalender) bzw. am 7. November 1917 (nach der von den Sowjets später eingeführten gregorianischen Zeitrechnung) um 21.40 Uhr – den Befehl zum Warnschuß des Kreutzers „Aurora“ in Richtung der Winterresidenz in Petrograd, letzter Posten der bürgerlichen Regierung, ein gewisser Alexander Belyschew gegeben, geboren 1893 in Kletnjewo bei Wjasniki in der Region Wladimir und ausgebildet in Erlangens späterer Partnerstadt zum Maschinenschlosser an der Handwerksschule.

Aurora 3

Alexander Belyschew

Als Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ hatte Alexander Belyschew de facto das Schiff unter sich und handelte auf Anordnung des „Petrograder Zentralen Revolutionären Kriegskomitees“ und gab mit dem Schuß im Schein des Suchscheinwerfers den Auftakt zur Machtergreifung der Bolschewisten, die ihren Umsturz später propagandistisch zum „Sturm des aufständischen Proletariats und der Revolutionsarmee auf das letzte Bollwerk der alten Welt“ verklärten.

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Gedenktafel am 152-mm-Geschütz der „Aurora“

Fünf Jahre lang, von 1908 bis 1913, machte der spätere Herold der „Oktoberrevolution“ seine Ausbildung in Wladimir an der Lehranstalt, später als Berufsschule für Luftfahrttechnik weitergeführt und – bis 1990 – nach ihrem berühmten Abgänger benannt. Im Archiv der Fachschule findet sich noch heute ein Gruppenbild der Absolventen, wo auch Alexander Belyschew zu erkennen ist.

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Alexander Belyschew

Unmittelbar nach seinem Abschluß erhielt der junge Wladimirer seine Einberufung zur Ostseeflotte, wo er ab 1914 im Maschinenraum auf dem Kreutzer „Aurora“ diente. Als das Schiff im Februar 1917 wegen Reparaturarbeiten in Petrograd ankerte, begeisterte er sich, wie es heißt, für die revolutionären Ideen und ließ am 27. Februar den Kapitän und seinen ersten Offizier verhaften.

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Das heutige Museumsschiff „Aurora“

Einen Monat später hatte Alexander Belyschew bereits den Mitgliedsausweis der Bolschewisten, und kurz darauf war er unter der Menge, die Wladimir Uljanow alias Lenin bei seiner Rückkehr aus dem Exil in der Schweiz via Deutschland auf dem Finnischen Bahnhof in Petrograd mit Jubelrufen begrüßte. Im Sommer des gleichen Jahres wählte man den Jungkommunisten zum Vertreter seines Kreutzers im „Kollegialen Organ der Matrosenmassen“ sowie zum Vorsitzenden des „Schiffskomitees“ der „Aurora“.

Die „Aurora“

Zwei Tage vor der „Oktoberrevolution“ erhielt Alexander Belyschew, unter dem ein weiterer Kamerad aus der Region Wladimir diente, die Anordnung, das Schiff in Gefechtsbereitschaft zu bringen und weitere Befehle abzuwarten. Tagsüber am 24. Oktober ernannte ihn schließlich Jakow Swerdlow, ein Vertrauter Wladimir Lenins, zum Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ auf der „Aurora“ und sollte mit allen Mitteln den Verkehr auf der Newa im Bereich der Nikolajew-Brücke unterbinden, die von regierungstreuen Truppen gehalten wurde. Um dies zu bewerkstelligen, ließ Alexander Belyschew auch den neuen Kapitän der „Aurora“ festnehmen. Tags darauf konnte er seiner Mannschaft mitteilen, die Regierung sei zurückgetreten und habe sich im Winterpalais verschanzt. Er war es dann auch, der beschloß, die Geschützsalve zum Sturm auf die Residenz mit Übungsmunition abzufeuern. Erst bei Gegenwehr, so seine Absicht, sollte scharf geschossen werden.

Alexander Belyschew in Leningrad

Der Künder der „Oktoberrevolution“ kehrte übrigens nach dem Sieg der Bolschewiken in die Heimat zurück, doch schon 1923 zog es ihn wieder in die Stadt an der Newa, wo er in verschiedenen Betrieben arbeitete und 1974 verstarb.

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Berufsfachschule für Luftfahrtechnik, an der Alexander Belyschew ausgebildet wurde.

Schnitt und Sprung in die Gegenwart: Der Geist der „Oktoberrevolution“ wehte gestern auch noch einmal durch Wladimir, als – die Angaben der Veranstalter decken sich mit den Schätzungen der Journalisten – etwa eintausend Alt- und Jungkommunisten durch die Stadt zogen und einhundert rote Luftballons aufsteigen ließen. Gut, daß sie es dabei dann auch beließen, ohne zu schießen.

Ruhm dem Großen Oktober!

Mehr zu Alexander Belyschew in der russischen Quelle unter: https://is.gd/lvKJpV

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