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Archive for 5. November 2017


Auch am gestrigen Feiertag der „Einheit des Volkes“ blieb in Wladimir – wie offenbar im ganzen Land – alles ruhig. Gar nicht so selbstverständlich, diese Feststellung, wenn man ein paar Tage und Wochen zurückgeht in die Zeit, bevor der Film „Mathilde“ von Alexej Utschitel über die voreheliche Romanze des Zaren Nikolaus II mit einer Ballerina anlief. Was waren da nicht alles an Kapuzinaden und Schimpftiraden seitens selbsternannter Verteidiger der Lehre von der reinen russischen Selbstherrschergeschichte im Umlauf, Hetzpredigten, die in Drohungen religiöser Ultras und handfesten Anschlägen gipfelten, die schließlich gar dem deutschen Hauptdarsteller, Lars Eidinger, so viel Furcht einjagten, daß er es vorzog, der Premiere in Moskau fern und lieber im sicheren Berlin zu bleiben. Natalia Poklonskaja, Mitglied der Staatsduma und ideologische Scharfschützin im Kampf um das keusche Gedenken an den von der russisch-orthodoxen Kirche kanonisierten letzten Kaiser aus dem Hause Romanow, hatte nicht weniger 43 Verfehlungen des vorgeblich unpatriotischen Regisseurs und seines Teams der Staatsanwaltschaft angezeigt, und landauf, landab wetterten seit August überall Häuflein von Unduldsamen gegen den cineastischen Sittenverfall, ohne den Streifen überhaupt je gesehen zu haben. Auch in Wladimir formierte sich ein Stoßtrupp von Sittenwächtern gegen das vorgebliche Machwerk, und immerhin schätzten die Behörden das Bedrohungspotential – wohl auch unter dem Eindruck eines Anschlags in Jekaterinburg – als groß genug ein, um am 26. Oktober, dem Tag, als „Mathilde“ in der Partnerstadt seine Erstaufführung erlebte, Polizeikräfte in der Nähe der Kinos mit der Anweisung in Bereitschaft zu versetzen, im Falle von Provokationen unverzüglich die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.

„Der Film Mathilde verleumdet Rußland und das Volk!“ – „Den Verleih des Films Mathilde verbieten!“ – „Den Film Mathilde zu sehen, verdirbt die Seele!“

Aber es blieb ja, gottlob, ruhig bisher. Sicher auch dank der besonnenen Reaktion von Oberbürgermeisterin Olga Dejewa, die im Wladimirer Stadtrat meinte, es habe schon immer strittige Filme gegeben und man solle sich doch nicht von Provokateuren an die Leine legen lassen:

Es gibt tatsächlich schräge Persönlichkeiten, die diese Welle in Gang setzen, ganz ohne Anlaß und Grund übrigens. Es ist deshalb jedermanns persönliche Entscheidung, sich den Streifen anzusehen oder nicht, sich dafür zu interessieren oder nicht. In jedem Fall ist das eine kostenlose Werbung für den Film.

Szene aus „Mathilde“

Nun ist das Corpus delicti auch in Deutschland mit dem einordnenden Untertitel „Liebe ändert alles“ zu sehen, und schon diagnostiziert die Süddeutsche Zeitung, der Kostümfilm triefe vor Kitsch und Pathos. Nun, auch dazu mache sich jedermann seinen eigenen Reim, vielleicht nach der Lektüre dieses Artikels aus der FAZ: https://is.gd/hlbdir. Aber es blieb ja, gottlob, ruhig bisher, und das möge auch so bleiben. Nicht nur am „Tag der Einheit des Volkes“, mit dem es übrigens folgende Bewandtnis hat: https://is.gd/VLVER6

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