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Archive for 2. November 2017


Neuigkeiten aus der Jungsteinzeit: Anfang Oktober erschien im Fachjournal Science eine Artikel einer Gruppe von Wissenschaftlern aus Dänemark, Portugal, den USA, der Schweiz sowie aus Rußland und anderen Staaten zu ihren Erkenntnissen über die sterblichen Überreste von sechs Personen, die man bei Ausgrabungen in Sungir bei Wladimir gefunden hatte. Ergebnisse, die ungeahnte Einblicke in das Leben des Menschen in der Umgebung der Partnerstadt vor mehr als 30.000 Jahren geben. S. Abstract unter: https://is.gd/I4Ot2q

Seit Ende der 60er Jahre glaubte man, in Sugir die Begräbnisstätte eines Geschwisterpaars, von Bruder und Schwester, gefunden zu haben. Dank neuer Untersuchungstechnik weiß man es jetzt aber besser: Es handelt sich um zwei Knaben, wohl Vettern zweiten oder gar dritten Grades. In der Nähe bestattet liegt auch der Urgroßvater einer der beiden Jungs, alle Angehörige eines Stamms, der sich später weiter in selbständige Gruppen aufspaltete.

Der Sungir-Mensch, so schließen die Forscher, lebte in großen Verbänden mit 200 bis 250 Individuen und achtete streng darauf, es nicht zu Inzucht kommen zu lassen, die als einer der Gründe für das Aussterben des Neantalers gilt. Mit diesem Nebenzweig der Menschheitsgeschichte vermischten sich die Vertreter der Sungir-Linie übrigens nur wenig: Ihre Zahl der Neandertal-Gene liegt nicht höher als beim heutigen homo sapiens in Erlangen oder Wladimir.

Begräbnisstätte des Mannes und der beiden Knaben

In den mehr als 30 Jahren der Forschungen förderte man nicht weniger als 70.000 Objekte aus der Jungsteinzeit zu Tage: Pfeilspitzen, Lanzen, Elfenbeinschmuck, Knochen, Zähne, vieles davon offensichtlich in Eile gefertigt, was auch für die Kleidung gilt. Besonders interessant das Begräbnisritual, das dem von Shanidar im Iran gleicht, wo man die Toten mit Blumen bedeckte.

Die Erkenntnisse der Anthropologen gehen so weit, daß man an den Veränderungen von Knochen glaubt ablesen zu können, womit die Menschen hauptsächlich beschäftigt waren: Ein Mann bearbeitete wohl lange Zeit Steine, Holz und Stoßzähne; ein Junge kniete offenbar immer wieder und drehte etwas mit der rechten Hand, außerdem nimmt man an, er habe auf lange Strecken schwere Lasten auf dem Kopf getragen. Der andere Junge saß wohl die meiste Zeit in der Hocke… Was sie genau taten, läßt sich natürlich nicht mehr feststellen, dafür weiß man jetzt mehr über ihren Speiseplan, der hauptsächlich aus Insekten bestand, aus Käfern und Raupen. Dabei entsprach das Klima vor 30.000 Jahren im Umland von Wladimir den heutigen Bedingungen in Jakutien mit kurzen Sommern und langen Wintern. Erstaunlich, wie man unter diesen Umständen genug Kerbtiere fand. Freilich finden sich auch Anhaltspunkte für eine Ernährung mit Fleisch, Fisch und Pflanzen, mutmaßlich auch in gekochtem Zustand, denn der Gebrauch des Feuers war längst gegeben, sogar bei den Neandertalern.

Klarheit hat man jetzt – ähnlich wie bei Ötzi – hinsichtlich der Todesursachen. Das eine Kind starb nach einem Lanzenstich in den Bauch, ob rituell oder aus anderen Gründen erfolgt, bleibt freilich dahingestellt. Der Mann kam durch einen Pfeil ums Leben, der die Schläfe traf, wohl abgeschossen aus einigen Dutzend Metern Entfernung von einem Schützen, der auf einem Hügel stand, während sein Opfer unten vorbeiging. Beim zweiten Kind ist man sich noch nicht klar, woran es starb.

Und noch etwas fand man heraus. Während man bisher davon ausging, Sugir führe zurück in eine Zeit vor 30.000 bis 32.000 Jahren, datiert man die Fundstätte nun auf 34.000 bis 36.000 Jahre. Und das ist bestimmt noch nicht der Wissenschaft letzter Schluß…

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