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Archive for 23. Oktober 2017


Ich wußte aus eigener Erfahrung und vom Beispiel vieler meiner Kameraden, was für eine unumkehrbar zerstörerische Wirkung es fast auf jeden Menschen hat, wenn er im Krieg gewesen ist. Ich wußte, daß die ständige Todesnähe, der Anblick von Gefallenen, Verwundeten, Sterbenden, Erhängten und Erschossenen, die riesige rote Flamme, die in der Eisluft einer Winternacht über angezündeten Dörfern steht, der Leichnam des eigenen Pferdes wie auch die akustischen Eindrücke, Sturmgeläute, Granateinschläge, das Pfeifen der Kugeln, verzweifelte Schreie, unbekannt von wem – all das geht niemals vorbei, ohne sich zu rächen. Ich wußte, daß eine wortlose, fast bewußtlose Erinnerung an den Krieg die meisten Menschen verfolgt, die ihn durchlebt haben, und in allen ist etwas zerbrochen für immer.

Alfons Rujner und Rose Ebding

Diese Worte aus dem Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow geben eine unbestreitbare Wahrheit wieder. Mehr noch: Viele, viel zu viele sind selbst am Krieg zerbrochen. Als Täter, als Opfer, als Hinterbliebene.

Wiedersehen: Alfons Rujner und Wolfgang Morell

Ebenso unbestreitbar aber auch, daß es Menschen gibt, die den Krieg in sich besiegt, Menschen, die mit sich und den einstigen Feinden Frieden geschlossen haben, Menschen, denen die Versöhnung gelungen ist. Ihnen sei diese Sammlung von Portraits, Erinnerungen und Korrespondenzen gewidmet: Wehrmachtsoldaten, in einen Vernichtungskrieg geschickt, der für sie in Gefangenschaft endete, in Lagern, wo sie bei allen Härten auch ganz unerwartet Zuwendung und Mitmenschlichkeit von russischen Frauen und Männern erfuhren.

Alfons Rujner und Florian Janik

Nach der gestrigen Uraufführung des Stückes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus, ermöglicht durch die Gastfreundschaft der Kolping-Gemeinde, fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches.

Im Publikum

Was will man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Das Stück selbst spricht ja offen davon, daß etwa ein Drittel der Gefangenen nicht mehr in die Heimat zurückkehrte. Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe.

Florian Janik

Davon vor allem erzählt die Geschichte, für die Bühne zusammengefügt von Rose Ebding aus Motiven des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ und den Erinnerungen des eigenen Vaters, nämlich von der auch in Zeiten der Barbarei möglichen Menschlichkeit, von der Kraft der Humanität, die aus Feinden Freunde zu machen vermag.

Brief von der Mutter

Darum wohl auch hat damals im April Florian Janik bei der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ spontan an die eigens aus Nischnij Nowgorod anreiste Schülertruppe die Einladung nach Erlangen ausgesprochen, begeistert von den wenigen Szenen, die seinerzeit bereits einstudiert waren.

Dreiklang

Nun also die Premiere in Deutschland, die Langfassung ohne alle Längen, ohne Durchhänger, inszeniert fast wie eine Revue, kurzweilig und spritzig, mit Sentiment und Temperament.

Das russisch-deutsche Liebespaar

Vor allem aber mit einer unbändigen Spielfreude der zwanzigköpfigen Truppe, deren Mitglieder teilweise immer wieder in andere Rollen schlüpfen, mit anrührenden Gesangseinlagen überraschen und sich nicht aus dem Konzept bringen lassen, wenn für einen Augenblick das Stichwort fehlt. Ganz als stünden sie alle schon immer auf der Bühne.

Aufstellung

Besonders erstaunlich: Einen Großteil der Dialoge sprechen die Mitwirkenden auf Deutsch. Prononciert, verständlich, klar und deutlich. Sicher ein Verdienst von Rose Ebding, die drei Jahre lang diese Fremdsprache an dem Gymnasium in Nischnij Nowgorod unterrichtete, woher die Truppe kommt. Und das eineinhalb Stunden am Stück. Kompliment!

Rose Ebding, Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Florian Janik und Sibylle Flepsen

Im Untertitel könnte man das Schauspiel die „schönste deutsch-russische Liebesgeschichte“ nennen, wird hier doch nicht nur die Gefangennahme eines Wehrmachtssoldaten, der Lageralltag im Torf oder das Warten auf Post aus der Heimat dargestellt, sondern auch das schüchtern-scheue Aufblühen der Zuneigung eines Deutschen zu einer Russin, im Kodex so sicher nicht vorgesehen. Ein Handlungsstrang nach Motiven aus dem Lagerleben des 95jährigen Wolfgang Morell.

Rose Ebding und Marina Kotschkina

Aber auch Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin angereist, erkennt sich in den Figuren immer wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell und Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Und Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Wolfgang Morell, Alfons Rujner und Elisabeth Preuß

Es blieb am Ende zu wenig Zeit für das Gespräch mit den beiden Zeitzeugen; zu wenig Zeit, um dem Autorinnenpaar, Rose Ebding und besonders Marina Kotschkina, die das Stück so überzeugend ins Szene setzte, zu danken; zu wenig Zeit für das Schlußwort von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich die Veteranenkontakte zur persönlichen Herzenssache gemacht hat; vor allem aber zu wenig Zeit, um den Schülern zu ihrer großartigen Leistung zu gratulieren und zu applaudieren.

Peter Steger, Wolfgang Morell, Alfons Rujner, Rose Ebding und Marina Kotschkina

Aber es ist ja noch Zeit, das Stück ein weiteres Mal zu sehen: heute vormittag in der Waldorfschule Erlangen und dann auf der Gastspielreise:

Alfons Rujner, Rose Ebding und Marina Kotschkina

Leinfelden
Di 24.10.19.00 Immanuel-Kant-Gymnasium
70 771 Leinfelden, Anemonenstraße 15

Bodensee
Do., 26.10. vorm. Gymnasium Markdorf

Do., 26.10. 19.30 Uhr Waldorfschule Überlingen,
88662 Überlingen, Rengoldshauser Straße 20

Fr., 27.10. vorm. Graf-Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen

So., 29.10. 16 Uhr Bürgersaal im Rathaus in Immenstaad
88090 Immenstaad, Dr.-Zimmermann-Straße 1

Elisabeth Preuß, Peter Steger und Wolfgang Morell

Und dann gibt es da noch im Internet einen Zusammenschnitt für eilige Zuschauer: https://is.gd/dwvsUs

 

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