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Archive for Oktober 2017


Der Russe brauchte besonders starke Rippen und eine besonders dicke Haut, um unter der beispiellosen Last, die ihm die Geschichte auf die Schultern lud, nicht zerquetscht zu werden.

Diese Worte von Jewgenij Samjatin kamen gestern wohl vielen in den Sinn, die an den Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Repressionen teilnahmen. Zwischen 1929 und 1953 schickte der Sowjetstaat unter dem „weisen Lehrer der Völker“, Josef Stalin, schätzungsweise 24 Millionen seiner Bürger in Straflager und ins Exil, von denen etwa vier Millionen die „Säuberungen“ nicht überlebten. Die Opfer des Terrors wurden zwar kollektiv und individuell rehabilitiert, doch eine Suche nach den Schuldigen blieb weitgehend aus, alles wurde und wird einzig dem Alleinherrscher im Kreml angelastet, von dem das Zitat stammen soll: „Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.“

Mauer der Trauer in Moskau

Gestern nun, 24 Jahre nach Einführung des Gedenktages, die Eröffnung der ersten zentralen Erinnerungsstätte für die Geschundenen und Ermordeten zwischen Karelien und Kamtschatka auf dem Andrej-Sacharow-Prospekt in Moskau, eine sechs Meter hohe Mauer der Trauer aus in Bronze gegossenen Figuren, die ohne Gesichtszüge ineinander übergehen, miteinander verschmelzen. Besonders eindrucksvoll die Mahnung „Erinnern wir uns“ in 23 Sprachen und die unbehauenen Steine aus 173 einstigen Straflagern.

Gedenkstätte für die Opfer der Repressionen in Wladimir

Ihren Blutzoll zu den Millionen trug auch die Region Wladimir bei: 11.298 Frauen und Männer verloren in jener Zeit, als vor 80 Jahren die Herrschaft des Schreckens ihren blutigen Höhepunkt erreichte, ihr Leben. Viele von ihnen wurden an die Mauer des Mariä-Geburts-Klosters im Wladimirer Kreml – der Geheimdienst hatte von 1918 bis 1991 das ganze Gelände für sich in Beschlag genommen –  gestellt und füsiliert, ihre Leichname an Ort und Stelle verscharrt.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Repressionen in Wladimir

Eine Handvoll Angehöriger gedachte gestern dieser Opfer mit Blumen und im Gebet, zu dem Martin Luther – an seinem heutigen Ehrentag sei er zitiert – meinte: „Je weniger Wort, je besser Gebet. Je mehr Wort, je ärger Gebet.“

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Repression in Wladimir. Bilder: Wlad Sorokin

 

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Kennen Sie den schwarzen Peter? Den „schiebt man“ in der Regel jemandem zu, um Unannehmlichkeiten, ein unliebsames Problem, eine Schuld oder die Verantwortung auf diese andere Person abzuwälzen. Mögen Sie schwarzen Humor? Oder steht jemand auf Ihrer schwarzen Liste? Haben Sie in der Familie ein schwarzes Schaf? Oder redet manchmal einer mit Ihnen, bis Sie schwarz werden?

Heute treffen wir im Blog einmal ins Schwarze und geben für einen Moment das Schwarz-Weiß-Denken auf, denn wir widmen uns jetzt etwas Köstlichem und ausnahmsweise nicht schwarz auf weiß, sondern schwarz auf rot! Und es geht nicht um die abgewählte Große Koalition im Bundestag, sondern wir hängen eine neue Delikatesse aus Wladimir ans schwarze Brett: Haben Sie schon einmal schwarzen Rettich probiert?

In Wladimir gehört das Wurzelgemüse zum Standardrepertoire der Winterkost. Wir nennen ihn auch „König des Gemüses“, denn der schwarze Rettich gilt bei uns  – gleich ob für ein Festmahl oder in den schwierigen Stunden einer Erkältung –  als ausgezeichnetes Mittel für Wohlbefinden und Genuß.

Der schwarze Rettich trägt seinen Beinamen nicht einfach so. Es ist leider nicht genau bekannt, seit wann wir ihn kennen und verzehren. Fest steht allerdings, daß bereits die Römer dieses Gemüse sehr schätzten und es als Mittel bei Pilzvergiftung einsetzten. Man behauptet, in einem der ägyptischen Tempel sei bis heute das Relief des schwarzen Rettichs zu sehen. Auch die alten Griechen himmelten ihn an und servierten ihn angeblich auf goldenen Tabletts. Was davon wahr ist, wissen wir natürlich nicht.

Ganz genau bekannt ist allerdings, daß diese Rübe außerordentlich reich an Vitaminen ist. In ihr läßt sich eine unglaublich hohe Zahl an ätherischen Ölen und freien Organsäuren nachweisen, außerdem zahlreiche Mikroelemente, Kalium, Magnesium, Kalzium, Schwefel, Vitamine der B-Gruppe, Vitamin C etc. pp.

In der Volksmedizin werden vor allem die Rübe selbst und deren Saft verwendet. Die Ballaststoffe sollen das böse Cholesterin abbauen, gelten also als ideales Mittel gegen Arteriosklerose. Auch bei Erkältungen, Grippe, viralen Infekten oder eitrigen Wunden wird das Zaubergemüse angewandt. Im Frühjahr stärkt es das Immunsystem, im Winter erspart es den Griff in den Medikamentenschrank.

In Wladimir haben wir sogar einen sehr beliebten und leckeren Salat, der nicht nur mit schwarzem Rettich zubereitet wird, sondern auch noch den Namen der Kljasma trägt, ganz zu schweigen davon, daß die Wurzel auch als Heilmittel bei Erkältung zum Einsatz kommt s. https://is.gd/5xEz0m hier im Blog.

Aber heute gibt es schwarz auf rot! Schwarzer Rettich trifft auf rote Bete – ein Genuß, dazu noch voller Vitamine!

Schwarzer Rettich – 1 Stück; rote Bete – 1 Stück; Zwiebel – 1 Stück (groß); Öl; je 1 Prise Zucker und Salz; Pfeffer, frische Kräuter, eine kleine Handvoll Nüsse.

Rezept 6

Große Zwiebel schälen, mittelfein würfeln und in ausreichendem Öl anbraten bis sie gold-braun ist. Wer möchte, kann dazu eine kleine Prise Zucker hinzufügen.

Schwarzen Rettich und rote Bete schälen und getrennt voneinander mittelfein bzw. mittelgroß reiben.

Rezept 4

Vorsichtig Zwiebel, schwarzen Rettich und rote Bete vermischen. Salzen und pfeffern. Lassen Sie den Salat ein wenig ziehen, eine halbe Stunde vielleicht. Frische Kräuter fein schneiden, ebenso Nüsse. Den Salat damit oben dekorieren.

Das Dressing haben wir nicht vergessen – an seine Stelle treten die fantastischen Säfte vom schwarzen Rettich und der roten Bete, unterstützt vom Öl, von der Zwiebel und vom Geschmack der frischen Kräuter. So, jetzt haben wir schwarz auf weiß eine Köstlichkeit, dank der Sie garantiert schwarze Zahlen bei der Anzahl Ihrer Gäste schreiben werden! Denn: „Was man schwarz auf rot gekocht / kann man getrost dem Gast servieren“, hat schon so oder ähnlich Johann Wolfgang von Goethe als Küchenmeister gedichtet.

Nadja Steger

P.S.: In der Nachbarregion von Wladimir, in Kostroma, gibt es sogar schwarzes Salz. Kennen Sie das schon? Wenn nicht, bitte gleich nachlesen in einem Reisebericht von Hans Gruß unter: https://is.gd/jlwunU

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Unlängst ist auf dem russischen Facebook-Pendant В контакте eine Zuschrift eingegangen, die man nicht anders als ein großes Kompliment an die dort angebotenen Deutschkurse verstehen kann. Mehr noch, der seinerzeitige Schüler hat seinen Weg dank Deutsch gemacht. Und ist nicht die schönste Anerkennung für einen Lehrer der Erfolg seines Schülers?

Vom Erlangen-Haus hörte ich schon von meiner Deutschlehrerin an der Schule. Ich stellte es mit damals als das Mekka der deutschen Sprache vor, als Deutsche Botschaft in Wladimir.

Reinhard Beer, Julia Korowina, Tatjana Iwanowa und Sergej Trojnitsch im Club International der VHS Erlangen, 2014

Schon ein wenig erwachsener, als ich Deutsch bereits abgelegt hatte, erinnerte ich mich an das Erlangen-Haus und suchte es nun mit einem konkreten Ziel vor Augen auf. Vorbereitet und mit hervorkramten und noch präsenten Schulkenntnissen, stieg ich gleich beim Kurs A2 ein. Der Wunsch, weiterzumachen mit dem Lernen, kam danach von selbst. Dank der ausgezeichneten Methodik und Aufmerksamkeit der Lehrkräfte gelangen mir, wie ich meine, gute Ergebnisse im Studium der Sprache. Dabei empfand ich die Sommersprachkurse in Erlangen als ein regelrechtes Geschenk nach jedem Lehrjahr.

Wie erfolgreich das lief, möchte ich an einem konkreten Beispiel zeigen. Um mein Können zu dokumentieren, legte ich die Prüfung für das Zertifikat der Stufe B2 ab, obwohl ich doch nur B1-Plus-Niveau hatte. Mein Traum ging in Erfüllung, das Ziel war erreicht. Aber damit noch nicht genug!

Nikolaj Sakuterin, Sergej Trojnitsch und Iwan Nisowzew in Karlsruhe 2015

Im Jahr des Abschlusses half mir dieses Zertifikat sehr dabei, eine neue Anstellung zu finden. Ganz zufällig stieß ich auf eine Anzeige im Internet mit der Beschreibung all meiner Fähigkeiten plus Deutschkenntnisse. Das zeigt just, wie das Deutsche sich auf mein Leben auswirkte.

Heute arbeite ich in Moskau für eine deutsche Firma mit langjähriger Geschichte. Geschäftskorrespondenz, Telephongespräche, Dienstreisen, Treffen… Die Kommunikation in der Sprache Goethes ist mir zur Alltagsbeschäftigung geworden. Selbstverständlich habe ich nicht aufgehört, Deutsch zu lernen. Mein Motto lautet: „Vor dem Schlafen, nach dem Essen, deutsche Sprache nicht vergessen!“, ich habe den Kurs B2 abgeschlossen und mache jetzt auf dem Niveau C1 weiter. Bald besuche ich einen Fachkurs für Geschäftskommunikation in deutscher Sprache. Neue Ziele gilt es, zu erreichen.

Sergej Trojnitsch beim Jugendforum in Karlsruhe 2015

Ich möchte bei der Gelegenheit dem ganzen Team des Erlangen-Hauses dafür danken, mir die Möglichkeit gegeben zu haben, meinen Traum zum Ziel zu machen und mir dabei zu helfen, ihn wahr werden zu lassen! Mein Ziel war es, Deutsch sprechen zu können. Vielen Dank dafür!

Nikolaj Sakuterin, Iwan Nisowzew, Sergej Trojnitsch und Peter Steger vor dem Konferenzgebäude in Karlsruhe 2015

Auf dem Bild bin ich 2015 bei der Konferenz der deutsch-russischen Partnerstädte in Karlsruhe zu sehen. Ich konnte dabei dem Jugendforum die Partnerschaft Wladimir – Erlangen sowie dem Runden Tisch „Verständigung und Versöhnung“ das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ vorstellen. Hierfür danke ich Peter Steger!

Zum Original des von Peter Steger übersetzten russischen Textes geht es hier: https://vk.com/erlangenhaus

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Vorgestern votierte der fünfzehnköpfige Stadtrat von Susdal – bei der Absenz von zwei Mitgliedern und in Konkurrenz zu einem 33jährigen Herausforderer – einstimmig für Sergej Sacharow in der Funktion des Stadtdirektors. Der 1968 geborene, frühere Unternehmer und Abgeordnete des Regionalparlaments hatte – in Erlangen erinnert man sich gerne daran! – von 2011 bis 2015 als Oberbürgermeister die Geschicke Wladimirs geleitet, bevor er im Oktober 2015 die Wahl zum Citymanager – auch damals schon ohne Gegenstimmen – annahm und in der russischen Partnerstadt von Rothenburg o.d.T. vieles zum Besseren wendete, etwa indem er innerhalb von nur zwei Jahren die Haushaltseinnahmen von 142 Mio. Rubel auf 301 Mio. Rubel erhöhte und mit Hilfe von föderalen wie regionalen Zuschüssen wichtige Infrastrukturmaßnahmen umsetzte oder in Angriff nahm: von der Sanierung der Stadtentwässerung bis hin zur Straßenbeleuchtung sowie der Bereitstellung von freiem Internetzugang.

Sergej Sacharow bei der Vorstellung seines Programms im Stadtrat Susdal, Quelle Zebra-TV

Sergej Sacharows Erfolgsbilanz überzeugte den Stadtrat wohl ebenso wie sein Konzept für die Zukunft, das vorsieht, das Budget nochmals zu verdoppeln, hauptsächlich dank einer Fremdensverkehrsabgabe, die über gastronomische Dienstleistungen erhoben werden könnte, vor allem für Übernachtungen. Doch dafür wäre die gesetzliche Grundlage zu ändern, denn bisher kommt die Taxe erst nach der zweiten Nächtigung zum Einsatz; die meisten Gäste bleiben aber in der Regel nur für eine Nacht in Susdal. Nun hat der im Amt bestätigte Chef der Stadtverwaltung weitere zwei Jahre Zeit, seine Pläne umzusetzen, wenn nicht so, dann anders. In jedem Fall wird er Jeremia folgen und auch in seiner zweiten Periode seiner Stadt Bestes suchen.

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Schon zum dritten Mal in diesem Jahr reiste Julia Obertreis – nach der Delegation zum Gesprächsforum „Prisma“ und der Exkursion mit einer Studentengruppe im Frühsommer – in die Partnerstadt. Dieses Mal kam die Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU auf Einladung der Staatlichen Universität Wladimir in Begleitung ihrer Mitarbeiterin am Lehrstuhl, Olga Malinova-Tziafeta, um am Mittwoch und Donnerstag an der internationalen Konferenz zum Thema „100 Jahre Oktoberrevolution – Ursprünge, Einschätzungen und Bedeutung“ teilzunehmen.

Ansor Saralidse, Olga Malinova-Tziafeta und Julia Obertreis

Grund genug für Rektor Ansor Saralidse, zur Eröffnung der Veranstaltung die beiden Historikerinnen aus Erlangen zu einem Gespräch über die weitere wissenschaftliche Zusammenarbeit der Partnerstädte zu empfangen – und die Möglichkeit, den Wissenschaftlerinnen ein Podium zu bieten, das Fachleute von führenden russischen Hochschulen zusammenführte und wo auch ein Historiker der Anglia Ruskin University einen Vortrag hielt.

Julia Obertreis, rechts neben Vizegouverneur Michail Kolkow, im Präsidium des Kongresses

Ljubow Naumowa, zuständig für die Internationalen Beziehungen ihrer Universität, zeigte sich in einer kurzen Stellungnahme recht erfreut über den Besuch:

Es gab viele interessante Vorträge zu hören, und wir sind sehr froh und dankbar, daß unsere Kolleginnen von der FAU an der Konferenz teilnahmen und referierten. Ich konnte beide Beiträge hören und fand sie als jemand, der seinerzeit Geschichte studiert hatte, ausgesprochen interessant und unerwartet. Wir sprachen gewöhnlich immer im Zusammenhang mit der Revolution über Politik oder Wirtschaft, während hier ein ganz neuer und ungewohnter Aspekt angesprochen wurde. Großartig, daß auch unsere Studenten das hören konnten!

Julia Obertreis

In der Tat forschen die beiden Wissenschaftlerinnen zu Fragen der Alltagsgeschichte vor, während und nach dem kommunistischen Umsturz. So arbeitete Julia Obertreis in ihrem Vortrag unter dem Titel „Die Revolution im Wohnungswesen: Petrograd / Leningrad und das Entstehen von Kommualwohnungen von 1917 bis 1937“ heraus, wie der Übergang von der bürgerlichen Vermietung zur behördlichen Verwaltung der beschlagnahmten Immobilien und das Phänomen der sogenannten „Kommunalka“ – bis in die jüngste Vergangenheit als Auslaufmodell der staatlichen Zuweisung von Zimmern an Parteien mit gemeinsamer Küche, Toilette und Naßzelle verbreitet – den politisch postulierten „neuen Menschen“ sozial prägte, gleich ob ehemaliger Eigner oder oft aus dem Umland Zugezogener.

Olga Malinowa-Tsiafeta

Auch Olga Malinova-Tziafeta widmete sich den Lebensverhältnissen der „kleinen Leute“ im vorrevolutionären Sankt Petersburg, also einem Teil der Geschichte, der ganz entscheidend ist für das Verständnis der revolutionären Umbrüche in der russischen Gesellschaft vor 100 Jahren.

Audimax an der Staatlichen Universität Wladimir, rechts in der zweiten Reihe Olga Malinowa-Tsiafeta

Dieser außergewöhnliche Blick auf Revolution und Geschichte entging auch den Wladimirer Medien nicht, und so bot denn auch der Sender „Gouvernement 33“ Julia Obertreis ein achtminütiges Forum, um ihren wissenschaftlichen Ansatz einem breiten, freilich nur russischsprachigen Publikum zu erläutern unter https://is.gd/SZSOxH. Aber vielleicht können ja die wichtigsten Thesen hier im Blog noch nachgereicht werden. Allemal lohnend auch für ein deutsches Publikum.

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Jetzt, wo am Wochenende der erste Schnee in der Partnerstadt gefallen ist, heißt es wieder – wie im preisgekrönten gleichnamigen Film – „wenn die Kraniche ziehen“. Vor dem weiten Flug ins Winterquartier machen die Schreitvögel aus dem Kljasma-Reservat in der Region Wladimir allerdings gern noch einen Abstecher ins angrenzende Gouvernement Iwanowo, um sich daselbst an der Gerste gütlich zu tun. Es schmecken eben nicht nur Nachbars Kirschen am besten…

Graue Kraniche in den Auen der Kljasma

Es ist ein gewaltiges Schauspiel, wenn die bis zu 3.000 Hungerleider auf den Feldern einfallen, ein Spektakel, das freilich den landwirtschaftlichen Betrieben nicht gar so gefallen mag. Um die 150 t Getreide verputzen die Kraniche angeblich als Wegzehrung, von 25 möglichen Doppelzentnern fährt man gerade einmal neun in die Scheune ein, weil die Kostgänger nicht nur gern picken, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern auch zertrampeln, was ihnen im Weg steht. Dank gesetzlichem Schutz läßt man sie freilich gewähren, versucht schlimmstenfalls, sie mit Schreckschüssen zu vergrämen, und freut sich ansonsten, wenn die geflügelte Scharen – plenus venter volat libenter – endlich in Richtung französische und spanische Winterquartiere abheben, um im Frühjahr ausgehungert zurückzukehren in die Auen der Kljasma. Same procedure eben as every year.

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Am 12. September berichtete wladimirpeter hier im Blog über das Zentrum „Blauer Himmel“ in Penkino:

Wegen neuer föderaler Gesetze, die eine unmittelbare Anbindung von Reha-Einrichtungen an die jeweils zuständige Klinik fordern, wurde der „Blaue Himmel“ in Penkino geschlossen. Die Kinder sollen aber nach ihrer Behandlung in der Psychiatrie oder ihrem Aufenthalt in einer sozialen Einrichtung auch in Zukunft zur Rehabilitation und erlebnispädagogischen Nachsorge ein neues Dach, ebenfalls außerhalb Wladimir in naturnaher Lage finden.

Mehr war dazu im September nicht zu erfahren, für mich Grund genug, bei meinem Besuch vom 11. bis 19. Oktober der Sache weiter nachzugehen. Ich bekam erfreulicherweise schnell einen Termin bei der Leitung des Gesundheitswesens der Regionalverwaltung und erfuhr, man plane tatsächlich die Fortführung eines Rehazentrums, allerdings wegen der gesetzlich geforderten unmittelbaren Anbindung an die zuständige Klinik auf dem Gelände der Psychiatrie Nr.1 in Wladimir. Das dazu vorgesehene Gebäude bedarf aber noch einer umfassenden Renovierung, weshalb mit einer Eröffnung erst in einigen Jahren zu rechnen ist.

Offen bleibt die Frage, ob in einer innerstädtischen Einrichtung dann das Konzept der Natur- und erlebnispädagogischen Rehabilitation überhaupt fortgesetzt werden kann, was ja die Grundlage der Arbeit in Penkino schuf. Zudem ist zu befürchten, die für Penkino gespendeten Spielsachen sowie die Geräte und Materialien für Sport, Camping, Wanderung und Skilanglauf könnten zwischenzeitlich ungenutzt verrotten und unbrauchbar werden. In offener und freundlicher Diskussion kamen wir deshalb zu dem Ergebnis, die Materialien besser einer bereits bestehenden Einrichtung im Umland von Wladimir zur unmittelbaren Weiterverwendung zu überlassen. Nach Rücksprache mit dem Schulamt der Partnerstadt bot sich dafür ein Internat für Waisenkinder mit Behinderungen im Landkreis Sudogda an.

Das Heim in Luchtonowo

So fuhren dann am nächsten Tag Julia Arsenina, stellvertretene Direktorin des Gesundheitswesens, Viktoria, eine Mitarbeiterin des Schulamtes, und ich zu dem 40 km von Wladimir entfernt liegenden Internat in Luchtonowo. Wir wurden von der Direktorin, Jelena Winogradowa, erwartet und herumgeführt. In einem gut erhaltenen Gebäude in parkähnlicher Landschaft leben hier 64 Kinder, behinderte Voll- und Sozialwaisen, 7 bis 17 Jahre alt. Die Kinder mit leichten bis schweren Behinderungen werden von Pädagogen, Sozialpädagogen sowie je einem Psychologen und einem Sportlehrer rund um die Uhr betreut. Der Sportlehrer betreibt nach Aussage der Direktorin besonders gerne Aktivitäten in den umliegenden Wäldern, was unseren Intentionen entgegenkommt.

Wir sahen kleine Klassenzimmer im laufenden Unterricht mit bis zu 15 Schülern, eine Bibliothek, eine Sporthalle und ein Behandlungszimmer für die psychologische Betreuung. Auch Kochen und Wäschewaschen stehen auf dem Lehrplan. In einer kleinen Werkstatt erlebten wir Kinder beim Polstern und Reparieren von einrichtungseigenen Stühlen, im Hintergrund eine Reihe von Nähmaschinen.

Die Direktorin zeigte sich beglückt von den unerwarteten, neuen Möglichkeiten, sie sprach von einem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk für ihre Kinder. Die Gesundheitsbehörde der Region und das Schulamt sagten den umgehenden Transfer der Materialien zu, und ich hoffe, bei meiner für das Frühjahr 2018 vorgesehen Reise Vollzug vermelden zu können!

Julia Arsenina, Viktoria, Wolfram Howein und Jelena Winogradowa

 

Alle Beteiligten in Erlangen und vor allem auch in Wladimir hätten sich lieber einen Fortgang der Arbeiten in Penkino gewünscht. Aber immerhin kamen in den neuneinhalb Jahren seit Januar 2008 mehr als 4.000 Kinder, manche davon mehrfach, für jeweils zwei Wochen nach Penkino und erfuhren dort liebevolle Zuwendung und Pädagogik in freier Natur. Mir bleibt, allen Beteiligten und Helfer in den Partnerstädten herzlich zu danken sowie alles Gute für die nun in Penkino nicht mehr beschäftigten engagierten Pädagogen, Ärzte und Schwestern zu wünschen.

Durch die Übergabe an das Internat in Luchtonowo konnten wir schließlich die bestimmungsgemäße weitere Verwendung der Geräte und Materialien sicherstellen, der Blaue Himmel hat so zu mindestens vorübergehend eine neue Heimat gefunden. Die Erlanger Wladimir-Freude werden auch diese Einrichtung hilfsbereit begleiten und sicherlich die Psychiatrie Nr. 1 nicht minder unterstützen, wenn es in ein paar Jahren zu einer wie auch immer gearteten Neuauflage kommt.

Wolfram Howein

Nachtrag: Die seit 40 Jahren bestehende Einrichtung hat eine recht informative Plattform im Internet, freilich bisher nur in russischer Sprache: https://is.gd/eo7Tdw

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