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Archive for 31. August 2017


Es war einmal wieder an der Zeit, in den Keller hinabzusteigen und Eingemachtes zu holen. Allein macht das keinen Spaß, und so bat ich meinen Freund, Alexej, mitzukommen. Der Keller liegt fünf Haltstellen von unserem Haus entfernt, doch das Wetter gab sich so heiter, daß wir beschlossen, zu Fuß zu gehen. Als wir ankamen, setzten wir uns erst einmal auf die Bank, unterhielten uns ein wenig und stiegen dann hinunter. Als wir die Taschen vollgestopft hatten mit Konfitüre und eingelegtem Gemüse, machten wir uns auf den Heimweg. Doch die Strecke kam uns nun mit all dem Gewicht viel länger vor, und so entschieden wir, eine Marschrutka, ein Linientaxi, zu nehmen. Es hielt auch auf unser Handzeichen hin gleich eines an, aber wir hatten kein Geld dabei. Wir stiegen trotzdem hinten ein, fragten uns freilich, wie wir zahlen sollten. Da kam mein Freund auf die Idee, dem Fahrer ein Glas von unseren Schätzen zu geben. Was sollten wir sonst tun, wir hatten sonst nichts dabei. Wir richteten uns also auf den Satz „Wir geben das Fahrgeld weiter!“ weiter, und als er dann tatsächlich zu hören war, ging unser Glas von Hand zu Hand bis vor zum Fahrer. Unserer Gesichter waren wie versteinert, und die Fahrgäste verkniffen sich auch jedes Lachen und warteten gespannt auf den Ausgang der Sache. Als das Glas dann beim Fahrer angekommen war… – zunächst eine Minute Schweigen. Und dann brach der ganze Kleinbus in Lachen aus. Auch wir prusteten los. Aber das erwies sich nur als Vorspiel. Plötzlich nämlich ist die Stimme des Fahrers zu vernehmen: „Hier ist euer Rückgeld!“ Und er reichte über die Händekette eingepackt ein belegtes Brot mit geräucherter Wurst an uns weiter. Er wußte unser Eingemachtes zu schätzen. Das nun einsetzende Lachen brachte fast die Scheiben des Busses zum Bersten.
Ob nun so passiert oder nur gut ausgedacht, die Sache dient auch zu einem kleinen landeskundlichen Exkurs. In allen russischen Städten nämlich, natürlich auch in Wladimir, gibt es diese privaten Kleinbusse, nach dem französisch-deutschen Wort „Marschroute“ „marschrutka“ genannt, die – ein wenig teurer als der öffentliche Nahverkehr und deutlich günstiger als ein Taxi – eine bestimmte Strecke mit festen Haltestellen abfahren, allerdings auch dazwischen auf ein Handzeichen hin anhalten und – solange Platz ist – zusteigen lassen.
Eine ausgesprochen effektive, bequeme und günstige Alternative zum Individualverkehr mit hoher Taktfrequenz, vor allem aber viel Kolorit und Möglichkeit, Land und Leute hautnah kennenzulernen. Wer da noch fremdelt, sollte lieber zu Hause bleiben. Warum nur, fragt sich, gibt es dieses Verkehrsmittel nicht auch hierzulande, etwa zwischen Herzogenaurach und Erlangen?

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