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Archive for 24. August 2017


Am kommenden Wochenende feiert Wladimir wieder Geburtstag mit dem Stadtfest, das – kaum jemand weiß dies noch – zurückgeht auf die Zehnjahresfeier der Städtepartnerschaft im September 1993 mit dem „Fränkischen Fest“ als Höhepunkt im Stadtpark. Der hier im Blog schon des öfteren zitierte Politologe Roman Jewstifejew macht sich hierzu seine eigenen Gedanken, unfrisiert und ungeniert, wie der Dozent an der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft nun einmal Wladimir und die Welt sieht, in der wir gar nicht so anders erscheinen. Aber machen Sie sich Ihr eigenes Bild:

Die Hauptsache ist: Beim Wladimirer Stadtfest fehlen die Bürger. Zum Fest geladen werden nicht Bürger, sondern Konsumenten, um ihnen Erfolge, Vergnügungen und ein Feuerwerk zu verkaufen. Es gibt überhaupt keine Rituale, um die Bürger miteinander zu vereinen, keinerlei Stätten des Gedenkens und Aktionen, die Konsumenten in Bürger verwandeln könnten, nach Meinung der „Verkäufer“ ja auch gänzlich unnötig, denn „kaufen“ sollen sie, was man ihnen gibt, und zufrieden sollen sie damit sein.

So, wie man einen Park gestaltet, so soll er eben sein, womit man ein neues Museum vollstopft, das soll dort eben hängen, wer an der Ehrentafel zu sehen ist, soll dort eben zu sehen sein. Für wen die Haushaltsmittel reichen, der soll eben auch auf dem Fest singen und tanzen. Man sehe es uns nach, aber es ist besser, ihr konsumiert, was man euch gibt.

Dabei seien doch, wie das Stadtoberhaupt sagt, die Hauptsache in der Stadt ihre Menschen. Nichts wahrer als das. Nur sind mit diesen Menschen nicht Bürger gemeint, sondern Konsumenten, die annehmen, was von oben gegeben wird, die offenbar einzig Brot und Spiele fordern. So sind wir in der Vorstellung der Beamten.

Die Stadt hat eine tausendjährige Geschichte, aber beim Stadtfest gibt es nichts zu erinnern; sich als Teil dieser Geschichte zu empfinden, ist fast nirgendwo möglich, es wurden keine Rituale geschaffen, keine Stätten der Erinnerung an die Geschichte der Stadt eingerichtet.

Natürlich wird das eine oder andere hergerichtet, etwas zum Fest fertiggestellt, und das ist gut so. Aber das gewaltige zivilgesellschaftliche Potential des Festes ist auf Null gesetzt. Dieses Potential ist gefährlich, man stellt es lieber ruhig, während die öffentliche Aktivität und die zivilgesellschaftlichen Anfragen lieber mittels Anhörungen in Hinterzimmern und zivilgesellschaftliche Kammern kontrolliert, die besonders „zivilgesellschaftlich Aktiven“ aber durch polizeiliche Maßnahmen wieder auf Linie gebracht werden. Soll das eine Stadt sein? In ihres ganzen Wortes Sinn? Nein. Wie soll man das nennen? Man bilde sich da selbst ein Urteil.

Ich erinnere mich an ein durch und durch phantasievoll gestaltetes Stadtfest in Wladimir, Mitte der 90er Jahre, als man aus der Partnerstadt Erlangen Fässer mit echtem deutschen Bier in den zentralen Park brachte, wobei jedes Faß umgeben war von einer Mannschaft echter Deutscher, die das Getränk zapften und für die Durstigen ausschenkten. Das war der Wahnsinn.

Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg und sein Kollege Igor Schamow, im Hintergrund Stadtratsvorsitzender Gennadij Andrianow und Richard Heindl, Gründer der Heitec AG, gesehen von Wladimir Filimonow

Die halbe Stadt hatte sich damals im Park versammelt, um sich das deutsche Bier schmecken zu lassen. Aber nicht nur um das Bier ging es, nicht nur um das Trinken, sondern da waren einfach wirklich jede Menge Leute. Da konnte man Gott weiß wen treffen, und alle freuten sich, einander zu sehen. Man sprach miteinander, stand in Gruppen beisammen, man stritt, diskutierte und traf Verabredungen. Bei aller auch ökologischen Widersprüchlichkeit dieser Veranstaltung, bleibt dieses Fest unübertroffen, eben wegen des Gefühls der Freiheit, der Solidarität und der Vereinigung der Bürger. Etwas in der Art gab es später nie wieder.

Überhaupt erfüllt das Stadtfest derzeit keinen anderen Zweck als Vergnügungen, die wegen der klammen städtischen Finanzen bescheiden und unattraktiv ausfallen. Deshalb, Freunde, vergnügt euch selbst so, wie ihr es eben könnt. Wenigstens ist gutes Bier heute viel einfacher zu bekommen, als vor zwei Jahrzehnten.

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