Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 9. Juli 2017


Sowohl im Guggenheim Museum in New York als auch in der Geschichte von Sissi, der Kaiserin der Herzen, wird der Begriff „Thron“ nicht nur für den Ort der Regierungsgeschäfte, sondern auch für den des anderen Geschäftes verwendet.

Foyer der Philharmonie Krasnodar während der XIV. Städtepartnerkonferenz

Die Philharmonie in Krasnodar hat schon viel erlebt, vom Zarenreich über die Tage der Revolution und der Sowjetunion bis in die heutige Russische Föderation hinein wurde und wird dort auf hohem Niveau musiziert und getanzt, geplaudert und flaniert. Sicher hat man die repräsentativen Foyers und das Theater selbst auch für so manche politische Rede ge- und mißbraucht, die den Musen und hoffentlich vielen Zuhörern politisches Schaudern bereitete.

Eines aber blieb über alle Zeiten gleich: Kunstgenießer wie Künstler verspürten spätestens nach dem dritten Glas Sekt, Wein oder Selters sicher ein Bedürfnis. Wir wissen nicht, wie dieses in den ersten Tagen des Musentempels befriedigt wurde, heute allerdings hat das, was als „Wasserclosett“ in die Baugeschichte einging und als WC in heutigen Bauplänen firmiert, hier noch imperialen Stil. Passend zum Ambiente, das den Nutzer des Örtchens auch im restlichen Gebäude einhüllt.

Schon beim Zugang stehen edel gepolsterte Stühle Spalier, wie um den Suchenden zu ermahnen, sich Zeit zu nehmen und anzukündigen, hinter der dunklen, schweren Kassettentür verberge sich kein 08/15-Klo. Im Inneren dann hohe Türen; nach Öffnen derselben bietet sich dem eiligen wie dem präventiven Nutzer ein überraschender Anblick: zwei Stufen sind zu erklimmen, ehe man sich niederlassen kann. Throngefühl macht sich da breit und tiefes Verständnis dafür, warum auch der Nachwuchs auf dem Töpfchen von den stolzen Eltern gern als „thronend“ abgebildet wird.

Weil die Anwesenheit von „WCs“ in öffentlichen wie privaten Gebäuden heute selbstverständlich ist, hat bisher das Thema „Thron“ hier im Blog, wenn überhaupt, nur in der regierenden Form eine Rolle gespielt. Die von Zugang bis Abgang so würdige Umsetzung einer Bedürfnisanstalt in der Philharmonie von Krasnodar hat hingegen einen Blogeintrag verdient.

Noch kurioser ist nur noch ein WC in einem Restaurant in Jerewan, aber das ist eine neue Geschichte….

P.S.: In Zeiten von Inklusion und Barrierefreiheit: Die gegenüberliegende Reihe der Kabinen ist schwellenlos zugänglich.

Elisabeth Preuß

Gum 3

Historische Toilette im GUM von Moskau, gesehen von Wolfram Howein

Die Redaktion des Blogs erlaubt sich den Hinweis auf eine weitere literarische Schilderung des Lokus, freilich aus dem männlichen Blickwinkel, nachzulesen im fünften Kapitel des Romans „Der Rasierte Mann“ von Anatolij Marienhof aus dem Jahr 1928, auf Deutsch erstmals 2001 im Eichborn Verlag erschienen:

Gum 2

Vom Abort des Adelsinstituts in Nischnij Nowgorod erzählte Leo nach dem ersten Besuch auf dem unseres Pustarjow-Gymnasiums mit Tränen in den Augen. Ich habe ihn nie beseelter, nie bewegter, nie erregter gesehen als in diesen Minuten süßester Erinnerungen. „Versteh doch, Mischka, das war kein water closet, sondern ein lyrisches Gedicht.“ Mit aufglimmenden, wie vom Wind angefachten Pupillen erzählte er von Porzellanpissoirs, die an weißköpfigen Drachen mit aufgesperrten glänzenden Rachen erinnerten; von majestätischen Klosettbecken, die altertümlichen Bowlegefäßen ähnelten; vom blitzenden Waschbecken mit zwölf Wasserhähnen; vom Frottierhandtuch auf der Rolle; von Spiegeln, die von polierten Trauben umrahmt waren; von dem monumentalen Wärter in der zweireihigen Uniform mit rotem Kragen und Hosen mit goldenen Lampassen, der die Bowlegefäße mit einer Sorgfalt bewachte, die der Schildwache des Pulverkellers einer belagerten Festung Ehre gemacht hätte.

Gum 1

So ist eben jedes Lebewesen, jedes Gefühl, jedes Ding der Poetisierung würdig. Ein Abort erst recht. Damals in Nischnij Nowgorod wie heute in Krasnodar.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: