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Archive for 7. Juli 2017


„Nach allem, was ich über mich weiß, bin ich zu Heroischem imstande. Es müßten sich nur die passenden Umstände ergeben. Dann könnte es passieren, daß auch ich mit gefälltem Bajonett vorwärts stürme, und nicht zurück. Natürlich nur, wenn ich überzeugt bin, daß der Mensch, dem ich den Garaus machen muß, es wirklich verdient hat. Aber zu meiner Schande kenne ich bis jetzt keinen Menschen, dem ich mit Vergnügen den Bauch aufschlitzen würde…“ So beginnt Kapitel 9 des Romans „Der rasierte Mann“ von Anatolij Marienhof, einer der vielen erst wiederzuentdeckenden Autoren des Imaginismus der russischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Die passenden Umstände, sich heroisch im Sinne des Kriegshandwerks zu erweisen, versagte das Schicksal gottlob auch Günther Liebisch, Jahrgang 1926, der im Februar 1945 auf dem Fahrrad an die Front in Pommern geschickt wurde und dort von einem Ausguck herunter zum ersten Mal einen Feind hätte erschießen sollen. Doch der aus der Nähe von Breslau stammende Schütze entschied sich anders und bewies, daß man eben auch auf dem Schlachtfeld die Wahl hat:

Günther Liebisch

Als ich sein Gesicht im Zielfernrohr sah, ein Jüngling wie ich oder noch jünger, war es mir einfach zuwider, den armen Kerl zu erschießen. Da aber sicher das Ganze auch von anderer Stelle beobachtet wurde, konnte ich nicht anders als abdrücken und schoß dem Jungen ins Kochgeschirr, so daß die Suppe auslief, worauf der Bengel, wohl erschrocken, aber auch schnell, wieder verschwunden war. Aus welchem Grund auch immer, wir entfernten uns bald wieder aus dem Dorf, ohne weitere Feindberührung.

Willi Börke, Friedhelm Kröger und Günther Liebisch

Günther Liebisch selbst geriet bald darauf in sowjetische Gefangenschaft und machte sich auf den langen Weg nach Osten bis nach Wladimir, wo er bis zum März 1949 bleiben sollte und statt weiterer Feindberührung viel Freundberührung erleben durfte. Sicher auch wegen seiner zupackend freundlichen Art, seiner Bereitschaft, sich auf Menschen einzulassen und ohne jedes Aufhebens jedem zu helfen. Außerdem erwies er sich als geschickter „Spezialist“, wie die Russen deutsche Handwerker nannten, der sich an so gut wie jedem Auto und Gerät nützlich zu machen verstand. Nur eines verstand er nicht: „Warum nur haben unsere Gastgeber nicht mehr von unseren Fertigkeiten lernen wollen?“ Und noch etwas wollte ihm nie in den Kopf: „Warum gibt es so viele, die Geschichte studieren, während wir alle so wenig aus der Geschichte lernen?“

Günther Liebisch, Paul Hütter, Günter Kuhne und Philipp Dörr

Nun ist Günther Liebisch am 4. Juli verstorben. Er wird nicht mehr mit seiner Frau Anni zum Veteranentreffen am übernächsten Wochenende nach Erlangen kommen. Auch wenn er in den Herzen aller weiterlebt, die ihn und seine humorvolle Art schätzten und liebten, wird er doch uns allen schrecklich fehlen. Ein Mahner des Friedens ist mit ihm für immer gegangen, ein Versöhner, der das Glück erlebte, ohne Bitterkeit nach Wladimir zurückzukehren und dort noch Menschen zu treffen, die ihm die Gefangenschaft erleichtert hatten, ein Kämpfer, der bis ins hohe Alter Verantwortung übernahm, sei es für Tschernobyl-Kinder oder den Weltfrieden, den er zunehmend wieder gefährdet sah.

Elisabeth Wittmann, Günther Liebisch, Fritz Wittmann, Anni Schärfe-Liebisch und Tabea Schärfe

Es ist jetzt an uns, das Vermächtnis von Frieden und Versöhnung eines Günther Liebisch weiterzutragen, dessen Erinnerungen hier im Blog und im Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ aufbewahrt sind für alle Zeiten der Verständigung. Danke, lieber Günther, für Dein großartig humanes Vorbild! Es ist dunkler geworden ohne Dich auf dieser Welt. Ruhe in jenem Frieden, den Du Dir immer für alle Menschen gewünscht.

 

 

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