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Archive for 29. Juni 2017


Aus vielen deutschen und russischen Städten machten sich in diesen Tagen diejenigen auf den Weg nach Krasnodar, die in den Begegnungen von Schülern, Sportlern, Künstlern, in Gesprächen, Diskussionen, bei Feiern, bei Treffen in der Natur und in der Banja einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung sehen.

Elisabeth Preuß, Schirmherrin der Partnerschaft mit Wladimir

Es geht um viel mehr als nur einen nüchternen Beitrag: Die schier unerschöpfliche Themenvielfalt, die engen Freundschaften, die Seminare, aber sicher auch die Schwierigkeiten und Stolpersteine auf dem Weg zu so manchem Austausch zeigen einen Weg auf, wie auf der menschlichen Ebene das erreicht werden kann, worum auch in Sitzungen in Ministerien oder Botschaften gerungen wird, stabile und ausdauernde Freundschaft zwischen unseren Ländern, zur Zeit wahrlich ein großes Ziel.

Denkmal für Alexander Newskij in Krasnodar, den Großfürsten von Wladimir seit 1252 und russischen Heerführer: „Nicht in der Stärke wohnt Gott, sondern in der Wahrheit“.

Die persönliche Begegnung, das persönliche Gespräch, das auf dieser Konferenz in der Realität Erlebte ist umso wertvoller, als in verschiedensten Medien, seltsamerweise „soziale Medien“ genannt, Nachrichten in die Welt gesetzt und per Klick gedankenlos weitergegeben werden, die nicht der Kenntnisnahme von Fakten dienen, sondern eher dem Verbreiten von Lüge, Neid und Angst.

Elisabeth Preuß vor dem Denkmal für Kaiserin Katharina II, die das einst nach ihr benannte Krasnodar gründen ließ

Da es kaum schlechtere Ratgeber gibt als Neid und Angst, hat die Konferenz in Krasnodar eine große Aufgabe: Alle Teilnehmer aus 50 deutschen und fast 100 russischen Städten werden zu Botschaftern. Zu Botschaftern in den Kommunalverwaltungen, Partnerschaftsvereinen oder Freundeskreisen – mit einer Mission: Unsere beiden Länder sind Geschwister, – nicht immer einer Meinung, aber im Wissen um die vielen gemeinsamen Aufgaben, die unter dem Dach der gemeinsamen Verantwortung für den Frieden anstehen.

Das Programm der Konferenz ist vielfältig und reicht von praktischen Aspekten wie Beteiligung bis hin zu zukunftsgerichteter Erinnerungskultur, ein Füllhorn an Ideen für alle, die das Denken und Handeln nicht anderen überlassen, sondern selbst anpacken.

Elisabeth Preuß auf dem Weg zur Konferenz

Elisabeth Preuß, Verfasserin dieser Einführung ins Thema, gehört zu jenen, die selbst anpacken bei der deutsch-russischen Verständigung, doch Erlangens Bürgermeisterin macht sich keine Illusionen: Der Weg ist noch weit, den ihr Kollege Wolfram Jäger aus Karlsruhe, Gastgeber des Kongresses vor zwei Jahren, bei der Eröffnung der 14. Partnerschaftskonferenz in Krasnodar vorzeichnet. Er baut an einer Dreieckspartnerschaft Krasnodar – Nancy – Karlsruhe und träumt von einem engen bürgerschaftlichen Netz der Kontakte zwischen deutschen und russischen Kommunen – ganz nach dem Vorbild der deutsch-französischen Aussöhnung, die übrigens auch Altoberbürgermeister Anfang der 80er Jahre ermunterte, die Verbindung zu Wladimir nach dem Beispiel mit Rennes aufzunehmen.

Die Philharmonie Krasnodar in Konferenzlaune

Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, das gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften und der Stiftung West-Östliche Begegnungen die Konferenz ausrichtet, ruft in der Philharmonie von Krasnodar die ca. 500 Delegierten aus beiden Ländern sogar dazu auf, ihren Beitrag dazu zu leisten, die Zahl der Partnerschaften zu verdoppeln. Denn: „Wir brauchen einander mehr denn je!“

Folklore für die Gäste

Doch die Zahlen lassen da wenig Hoffnung aufkommen. Den gut 2.200 deutsch-französischen kommunalen Freundschaften stehen gerade einmal knapp einhundert deutsch-russische Partnerschaften gegenüber. Konstant, seit Jahren – ungeachtet aller Bemühungen, neue Gemeinden für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Zu groß scheinen die Vorbehalte vor allem auf Seiten der deutschen Lokalpolitiker zu sein, die wohl befürchten, derlei Kontakte seien zu personalaufwendig, könnten zu teuer werden, wären schwer mit Leben zu erfüllen.

Sergej Siwajew, Elisabeth Preuß und Sergej Sacharow

Welch ein Irrtum, wenn man sich die vielfältigen Aktivitäten der Partnerstädte ansieht, welch ein Irrtum, wenn man weiß, was dank den zivilgesellschaftlichen Verbindungen an konkreter Arbeit für Frieden und Verständigung geleistet werden kann.

Matthias Platzeck und Elisabeth Preuß

Man weiß dies längst auch in den Außenministerien beider Länder und würdigt dies auch mit der Teilnahme von Sigmar Gabriel und Sergej Lawrow an der Konferenz. Beide kommen übrigens nicht nur mit Worten und Gesten, sondern mit konkreter Unterstützung für diese bürgerschaftliche Arbeit, indem sie unter ihrer Schirmherrschaft das „Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften“ zwischen unseren Ländern ausrufen.

Die Plätze sind reserviert – und werden übrigens später von den Politikern getauscht

Zukunftsprojekte in der deutsch-russischen Kooperation auf lokaler Ebene will man fördern und nach Möglichkeit die Gründung neuer Partnerschaften anregen. Vor allem Sigmar Gabriel, der heute seine Gespräche in Moskau fortführt, will nicht verhehlen, wie sehr im die Sache am Herzen liegt, wohl auch weil er die „Völkerverständigung von unten“ aus eigenem Erleben kennt.

Sigmar Gabriel bei der Konferenz

1980 nämlich nahm der spätere Außenminister an einem Jugendaustausch teil und besuchte Moskau und Leningrad just und gerade wegen des Olympia-Boykotts. Dabei kam bei Sigmar Gabriel wohl schon etwas in Gang, das ihn heute noch so leidenschaftlich für die Verständigung kämpfen macht, auch wenn er gerade gestern bei der späteren Pressekonferenz mit seinem russischen Kollegen wegen Syrien und Nato-Fragen durchaus uneins blieb.

Elisabeth Preuß und Sergej Sacharow

Sein Credo lautet: „Nur Dialog schafft Vertrauen!“ Deshalb auch sein spontaner Vorschlag, ein Institut für Frieden und Verständigung zu schaffen. In Leningrad. Ein Versprecher ohne Manuskript, aber desto glaubwürdiger, denn hier spricht jemand, der gerade den Bogen von der Erinnerung in die Zukunft schlägt und betont: „Je schwieriger die politische Lage, desto wichtiger die kommunalen und bürgerschaftlichen Kontakte.“ So wie das Erlangen und Wladimir seit 34 Jahren praktizieren und fortsetzen wollen, auch wenn Oberbürgermeisterin Olga Dejewa aus dienstlichen Gründen nicht an der Konferenz teilnehmen kann. Aber ihr Vorgänger im Amt, Sergej Sacharow, mittlerweile Stadtdirektor in Susdal, und Sergej Siwajew, in den 90er Jahren erster stellv. Bürgermeister von Wladimir und Förderer des Erlangen-Hauses und jetzt als Professor für Urbanistik in Moskau tätig, werden sicher in der Partnerstadt berichten, was in Krasnodar gestern besprochen und heute vielleicht schon entschieden wird.

Dietrich Möller und Elisabeth Preuß

Wie wichtig die Konferenz auch für die Wirtschaft ist, beweist etwa die Teilnahme von Dietrich Möller, dem Präsidenten der Siemens AG in der Russischen Föderation und Zentralasien, oder von Vertretern der Deutschen Bahn, der Beratungsfirma Röld & Partner oder der Knauf Gips KG, die immer wieder auch die Partnerschaft Erlangen – Wladimir unterstützt. Die Anwesenden haben begriffen, worum es geht. Nun gilt es, neue Verbindungen herzustellen und die bestehenden zu festigen. Wie das geht, erlebt man in Krasnodar. Aber der Weg ist noch weit, und es braucht viele weitere Sternfahrer.

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