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Archive for 13. Juni 2017


Gestern erschien im Spiegel ein Artikel, der auch die Jugendproteste in Wladimir vom 26. März und deren Folgen bis hin zu den gestrigen landesweiten Demonstrationen gegen die grassierende Korruption in den Fokus nahm – https://is.gd/iynA0v -, von denen der Blog hier berichtet hatte: https://is.gd/YC8UIh.

Die Situation erinnert an den Witz aus Sowjetzeiten, der feststellt, die USA und die UdSSR seien sich so unähnlich gar nicht. In beiden Ländern garantiere die Verfassung das Recht auf freie Meinungsäußerung. Der Unterschied? Dort, in Amerika, bleibe man nach der Ausübung dieses Rechts auf freiem Fuß. – Auch wenn es gestern in Moskau, Sankt Petersburg und vielen anderen Städten zu unschönen Szenen mit willkürlichen Verhaftungen gekommen ist und der Organisator der Proteste, Alexej Nawalnyj, zu 30 Tagen Arrest verurteilt wurde, ist die Russische Föderation natürlich nicht mehr mit der Sowjetunion gleichzusetzen. (In Gedanken: Auch die Vereinigten Staaten sind „ein Stück“ nicht mehr das, was sie einmal für den Rest der Welt waren.). Dazu stellt sich das Vorgehen der Behörden – man vergegenwärtige sich ein ähnliches Szenario derzeit nur in der Türkei – viel zu zivil dar und zeigt vor allem regional ganz unterschiedliche Ausprägungen.

Kirill Nikolenko

Bleiben wir in Wladimir und nehmen wir das Ende der gestrigen Demonstration vorweg: Als schon fast alle Teilnehmer wieder nach Hause gegangen und die letzten Protokolle wegen unerlaubten Rauchens auf qualmfreien öffentlichen Plätzen gegen eine Strafgebühr von 500 Rubeln ausgestellt waren, nahm man einen Organisator der Veranstaltung, Kirill Nikolenko, für zweieinhalb Stunden mit auf die Wache und forderte ihn auf, übermorgen wiederzukommen, um die Sache – Durchführung einer unangemeldeten Kundgebung – aktenkundig zu machen.

Absperrung am Theaterplatz

Begonnen hatte freilich alles schon vor Tagen mit einem fristgerechten Antrag, auf dem Theaterplatz, den die Stadtverwaltung abschlägig beschied, weil die Örtlichkeit für eine Festveranstaltung reserviert sei. Dem Papier fehlte allerdings die Unterschrift und damit – aus Sicht der Organisatoren – auch die Gültigkeit.

Zug vor dem Schauspielhaus

Also fanden sich gestern gegen Mittag zwischen 300 und 500 Menschen, durchaus gemischten Alters, im Zentrum Wladimirs ein und standen vor Absperrungen, hinter denen Kinder Turnübungen veranstalteten. Hätte man danach die Demonstranten auf den Platz gelassen, wäre alles womöglich viel unauffälliger vonstattengegangen. So aber marschierte der Zug – wie vom Gesetz vorgeschrieben ohne Parolen und mit eingerollten Transparenten – an den offiziellen Feierstätten vorbei, am Goldenen Tor entlang bis zur Aussichtsplattform hinter den Kathedralen. Von Lokalpolitikern und Polizisten, die sich in den Weg stellten, ließ man sich nicht aufhalten oder provozieren, alles blieb friedlich.

Fahrradpendler mit der Ente, die Ministerpräsident Dmitrij Medwedew symbolisert, dem Alexej Nawalnyj massive Korruption vorwirft

Streng hielten sich die Spaziergänger an die Verkehrsregeln, und Fahrradpendler achteten darauf, daß die Menschenkette nicht abriß, daß niemand auf die Fahrbahn geriet oder den Zebrastreifen verpaßte.

Zug vor dem Hintergrund der Pädagogischen Universität

Der Marsch der Mutigen und Unzufriedenen endete nach eineinhalb Stunden quer durch die Stadt in der hinteren Ecke des Stadtparks mit der Speaker’s Corner, wo man auch unangemeldet politischen Unwillen äußern darf, ganz im Geiste übrigens von Swetlana Orlowa, der Gouverneurin der Region Wladimir, die im Vorfeld geäußert hatte: „Sollen sie doch in Gottes Namen ihre Aktion durchführen.“

Zug vor dem Hintergrund der Demetrius-Kathedrale

Mehr von dieser Gelassenheit im Umgang mit Andersdenkenden wünscht man sich für das Land und weniger Mangel an Souveränität seitens der Politik in der Auseinandersetzung mit dem Souverän wünscht man sich da auch andernorts. Wer demonstriert, ist doch kein Staatsfeind, will das Land nichts in Elend stürzen, tritt nur für sein verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung ein und muß dafür – zumindest in Wladimir – nicht mehr sitzen.

Zug zur Aussichtsplattform

Ein Photoreportage der Zeitung Prisyw ist hier zu sehen: https://is.gd/jmPoai. Bilder im Text von Zebra-TV.

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