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Archive for 12. Juni 2017


Der heutige Nationalfeiertag, zu dem hier nähere Angaben zu finden sind: https://is.gd/0K0ixh, bietet Gelegenheit einmal über die Namensgebung nachzudenken. Rußland hieß nämlich nicht immer Rußland. Vielmehr gab es die unterschiedlichsten Bezeichnungen, unter denen das Kontinentalreich auf den Landkarten der Welt auftauchte. Eine Auswahl davon wollen wir uns heute ansehen:

Ich liebe dich, Rußland, meine liebe Rus!

  1. Hyperborea, das von den alten Griechen ganz in den hohen Norden, in die Gegend um das heutige Murmansk oder Archangelsk verlegte Land der Mythen, wo laut Diodor von Sizilien Günstlinge Apolls lebten, so erfüllt vom Glück und Wohlergehen, daß die Menschen den Tod als Erlösung vom Überfluß des Lebens erfahren und sich selbst ins Meer stürzen müssen, weil sie sonst nie sterben würden.
  2. Sarmatien, ein Reich, das sich vom Schwarzen Meer bis zum Ural erstreckte, nach Ansicht einiger Geschichtsschreiber besiedelt von Abkömmlingen der Hyperboräer, die den Skythen die Macht entrissen hatten. Viele Geschlechter der polnischen Szlachta führen ihren adligen Stammbaum auf die Sarmaten zurück, und der erste russische Universalgelehrte, Michail Lomonosow, nach dem die Moskauer Universität benannt ist, meinte sogar, die russische Staatlichkeit gehe auf dieses Reich zwischen Weichsel und Wolga zurück. Tatsächlich gelten unter Sprachforschern und Ethnologen die Osseten im Nordkaukasus, der heute zur Russischen Föderation gehört, als direkte Nachfahren der Alanen, eines Stammes der Sarmaten.
  3. Tartarien nannte man im Mittelalter – bis ins 14. Jahrhundert – Zentraleurasien vom Dnjepr im Westen bis zum Japanischen Meer im Osten, eine Bezeichnung, die weniger mit den Tataren zu tun haben dürfte, als vielmehr mit dem Tartarus zu tun hat, mit jenem Abgrund des Hades, in dem Chronos und die anderen Titanen hausen. Lokalisiert hatten die Unterwelt just in den russischen Landen Astrologen, nach deren Berechnungen dieses Gebiet vom Planeten Saturn beherrscht werde – mit allen meist unerfreulichen Folgen. Nostradamus allerdings hatte den Untertanen Saturns prophezeit, sie erwarte am Ende das Goldene Zeitalter.
  4. Gardarike nennen die altnordischen Sagas aus Island das Land, das später als Kiewer Rus bekannt wurde. Sprachgeschichtlich ein hochinteressanter Name, bedeutet der Begriff doch so viel wie „Reich der Städte“, wobei „Städte“ immer als umfriedete Orte verstanden wurden. Aus dem indogermanischen „gard“ entwickelten sich schließlich u.a. das deutsche „Garten“ und das slawische „grad“ und „gorod“, die für „Burg“ und „Stadt“ stehen.
  5. Groß-Schweden: Der isländische Skalde Snorri Sturluson prägte Anfang des 13. Jahrhunderts diesen Begriff für die Landmasse zwischen dem Schwarzen und dem Weißen Meer, wo der Sagendichter viele verschiedene Völker und Sprachen, aber auch Riesen und Zwerge sowie blaue Menschen vermutete. Vielleicht einen Mann wie Nikolaj Stawrogin aus den „Dämonen“ von Fjodor Dostojewskij, die wohl rätselhafteste Figur der russischen Literatur, die behauptete, im Land der Geysire gewesen zu sein?
  6. As-Slawia tauften die arabischen Geographen Al Farsi und Ibn Hauqal im 10. Jahrhundert das heutige Rußland und bezogen sich damit ganz auf das slawische Element. Die Hauptstadt des Reiches versetzten sie nach Salau, nahe dem legendären Slowensk, das man heute mit Nowgorod gleichsetzt. Weitere arabische Bezeichnungen lauteten Artanien und Kujawa, wohl bezogen auf die Regionen um Rjasan und Kiew.
  7. Moskowien, ab dem 14. Jahrhundert in Westeuropa gebräuchlich als inoffizielle Bezeichung des Landes der Großfürsten von Moskau. Dabei führen einige Historiker den Begriff auf Meschech, einen Enkel von Noah, zurück, der dank allerlei Lautumwandlung zum Urvater der Moskowiter geworden sein soll. Auch wenn diese Theorie in der „Synopsis oder kurzen Beschreibung des Anfangs des russischen Volkes“ vertreten wird, die 1674 im Kiewer Höhlenkloster entstand, darf man diese Herleitung getrost zum Schatz der Apokryphen zählen.

Als gesichert darf aber gelten, daß sich Ruthenien oder Reußen, wie das Zarenreich auch genannt wurde, von einem altgermanischen Wort für „Ruderer“ herleitet. Nicht von ungefähr, denn diese auch Waräger genannten Nordmänner in Ruderbooten waren es, die auf Bitten der uneinigen Slawen – hierzu die Nestorchronik: „Unser Land ist groß und reich, doch es ist keine Ordnung in ihm; so kommt über uns herrschen und gebieten.“ – ihr Fürstengeschlecht der Rurikiden begründeten, das erst mit Iwan dem Schrecklichen erlosch und von den Romanows abgelöst wurde.

Die Zeiten, wo die Kiewer Rus nach Fremdherrschaft rief, sind vorüber. Die Russische Föderation hat in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte viel an Einmischung von außen erleben müssen – und überstanden. Nun feiert sie ihre Unabhängigkeit, ihre Verfassung, sich selbst – und dazu unser aller Glückwunsch!

Hier noch eine kleine Lektüreempfehlung eines Rußlandbegeisterten: https://is.gd/Kad3s4

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