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Archive for 6. Juni 2017


Es gibt viele gute Gründe, um einen Ausflug nach Meiningen zu machen. Unbedingt dazu gehört in diesem Kleinod der reichen thüringischen Kulturlandschaft ein Besuch des Theaters, besonders am Freitag, den 23. Juni, wenn zum letzten Mal die so überaus gelungene Bühnenfassung des Poems „Moskau – Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew gegeben wird. Noch gibt es Karten für die Vorstellung, die wirkt, als wäre diese Adaption vom Autor selbst diktiert: Es stimmt einfach alles, von der in jene ferne Sowjet-Periode der 60er und 70er Jahre entrückenden Musik über die buchstäblich verrückte Bühne bis hin natürlich zu den stets ins rechte Licht gerückten Schauspielern, die agieren, als wären ihnen die delirierend-irritierenden Rollen auf den leidenden Leib geschrieben. Ein Pandämonium von Gesamtkunstwerk, das, „geprägt von lebendigem Leiden und echtem Talent“, die Sinne des Zuschauers auf dieser halluzinierten Bahnfahrt von der russischen Metropole in die Provinzstadt der Region Wladimir in rauschartiges Klingen und Schwingen versetzt. Wer die Abfahrt versäumt, klage später nicht über Katzenjammer. Also: letzte Chance, letzter Aufruf unter: https://is.gd/ebfquK

Was es so mit diesem bis heute außergewöhnlichen Stück russischer Literatur auf sich hat, kann man erahnen, wenn man im Roman „Das grüne Zelt“ von Ludmila Ulitzkaja, erschienen in der deutscher Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt 2012 im Carl Hanser Verlag, auf folgende Stelle stößt:

Das Leben verschlug Pierre in den folgenden Jahren in die entgegengesetzte geographische Richtung. Er wurde Slawist und erhielt einen Ruf an die kalifornische Universität. Der Kontakt zu den Moskauer Freunden riß nicht ab, wurde aber immer spärlicher. Dennoch erhielt Pierre 1970 ein merkwürdiges Buch, kaum, daß es im Samisdat erschienen war, aus Rußland – das Poem „Die Reise nach Petuschki“ des vollkommen unbekannten Autors Wenedikt Jerofejew.

Von Meiningen nach Moskau – Petuschki

Dafür hatte Ilja gesorgt. Er hatte auch einen Begleitbrief geschrieben, in dem er Pierre erklärte, dieser Roman sei das Beste, was im nachrevolutionären Rußland entstanden sei. Pierre stimmte seinem Freund zu und machte sich an die Übersetzung. Nach drei Monaten war ihm klar, daß er diese Aufgabe nicht bewältigte. Der Roman war nicht zu stemmen. Je mehr er sich in ihn vertiefte, desto mehr Schichten entdeckte er.

Die Fahrgäste im Zug von Moskau nach Petuschki

Der Autor bediente sich eines Kunstgriffs, indem er auf die Tradition des Sentimentalismus verwies. Es waren Aufzeichnungen eines russischen Reisenden. Doch der Autor ging weit über die traditionellen Reisebeschreibungen Radischtschews und Gribojedows hinaus und schweifte in viele andere Richtungen ab – zu Dostojewskij und Blok ebenso wie zur derben, unbestechlichen Volkssprache. Der Text war voller Zitate – wörtlicher und paraphrasierter – und literarischer Anspielungen. Er vereinte Parodie und Mystifikation und war geprägt von lebendigem Leiden und echtem Talent.

Pierre schrieb einen umfangreichen Artikel über den Roman und schickte ihn an eine wissenschaftliche Zeitschrift, wo er abgelehnt wurde. Niemand kannte den Autor, und den Artikel fanden die Redakteure zu gewagt. Darüber war Pierre schrecklich gekränkt und betrank sich heftig…

Wenedikt Jerofejew verbindet viel mit Wladimir. Er studierte am dortigen Pädagogischen Institut, wurde wegen „Rowdytum“ von der Hochschule relegiert, wohnte einige Zeit in Petuschki, einer Kreisstadt in der Region Wladimir. Nach seinem Rausschmiß kam er nur noch sporadisch in Erlangens Partnerstadt, wo ihn Walentina Filippowskaja kennenlernte. Die mittlerweile pensionierte Dozentin für Russisch und russische Literatur lebt heute in Rom und erinnert sich exklusiv für den Blog an Ihre Begegnungen mit dem Dichter:

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre führte mich das Schicksal mit alles andere als farblosen, mit außergewöhnlichen Menschen zusammen: Boris Sorokin, Wlad Zedrinskij, Olga Sedakowa, Wadim Tichonow, alles Figuren aus „Moskau – Petschuki“. Boris und Wlad lebten damals in Wladimir und hoben sich in Denkweise, Bildung und kulturellem Niveau deutlich vor dem Hintergrund des provinziellen Wladimirs ab. Ihre Autorität, ihr Lehrer und Guru war Wenedikt Jerofejew, Wenjetschka, wie sie ihn nannten.

Walentina Filippowskaja

Am Karsamstag des Jahres 1973 brachte Boris Sorokin diesen Wenjetschka mit zu uns nach Hause, um mich mit ihm bekannt zu machen oder mich ihm zu zeigen, denn gleich nach der Begrüßung erklärte Wenjetscha: „Sie ist bestimmt keine Schönheit, und wenn sie doch schön sein sollte, ähnelt sie einer Madonna von Cranach.“ Und so benahm auch ich mich ihm gegenüber durchaus ironisch und provokant.

Ostern verbrachten wir in jenem Jahr bei Tatjana und Slawa Sidorow. Einigermaßen seltsam für mich, da sie beide im System des Innenministeriums arbeiteten. Bei Tisch führten wir viele interessante Gespräche, wobei mir noch ein Streit über die Natur des Kreativen erinnerlich ist. Boris Sorokin hielt dafür, Schöpferisches sei eine Sünde, denn nur Gott habe das Recht dazu, während Wenjetschka um kein Argument verlegen war, dem mit der Meinung zu widersprechen, der Mensch besitze als Krone der göttlichen Schöpfung das Recht, kreativ tätig zu sein. Später kam Olga Sedakowa mit ihrem Mann Alexander dazu (heute ist sie eine Dichterin von Weltruf, Literaturwissenschaftlerin und Religionsphilosophin), setzte sich ans Klavier, spielte Chopin, und ich verließ die Runde, um ihr zuzuhören. Dann spülte ich als einzig nüchterner Mensch ab und schüttete die übrigen Wodkaflaschen aus, damit weniger getrunken werde. Dabei ertappte mich Boris Sorokin und führte sich auf, als hätte ich jemanden umgebracht. Sie hatten eben alle getrunken.

Wenedikt Jerofejew

Das zweite Mal traf ich Wenjetschka, als ihn das Ehepaar Ulitin mit zu uns brachten. Er verhielt sich still, abwesend, beschäftigt mit einem schweren Kater. Was ihn damals nach Wladimir geführt hatte, weiß ich nicht. Einige Zeit später kam Wlad Zidrinskij mit einem im Samisdat erschienenen Band von Mandelstam und einem braunen Heft vorbei, in dem auf jeder Zeile mit zierlicher Handschrift ein Text stand. Es handelte sich um das Manuskript „Moskau – Petuschki“. Wlad bat mich, diesen Band und das Manuskript von Wenjetschka aufzubewahren. So kam es, daß „Moskau – Petuschki“ bei mir zu Hause aufbewahrt wurde. Später gab ich Buch und Heft wieder Wlad und Boris Sorokin zurück.

Das nächste Mal traf ich mit Wenjetschka auch wieder wegen „Moskau – Petuschki“ zusammen. Ich war zur Einweihungsfeier der neuen Wohnung von Wadim Tichonow, einem von Wenjetschkas Lieblingen, eingeladen. Zusammen mit seiner Frau war er aus einer „Komunalka“, einer Gemeinschaftswohnung, in eine separate Wohnung in der Pjatnizkajastraße im Moskauer Stadtteil Tschertanowo gezogen. In der Wohnung gab es noch rein gar keine Möbel, und der einzige Ort, wo man sich nicht auf den Boden setzen mußte, war die Küche. Dort ließen wir uns denn auch bis zum Eintreffen aller Gäste nieder: Wenjetschka, Boris, Wlad und Radsichowskij, der wenige Tage später nach Israel abreiste. Er war gekommen, um von Wenjetschka die Erlaubnis zu erhalten, „Moskau – Petuschki“ im Ausland zu publizieren. Wenjetschka lehnte weder ab, noch stimmte er zu, er überlegte hin und her, doch Boris rief dazwischen, er dürfe sich keinesfalls einverstanden erklären, da man ihn sonst hier einsperren würde. Doch der Roman erschien dann dennoch im Ausland und wurde in viele Sprachen der Welt übersetzt. Anderntags hauten bei der Einweihungsfeier der Datscha in Ilinka, die Natalia und Andrej Archipow angemietet hatten, Wenjetschka und Boris die Hausherrin um Geld für Wodka an, was sie natürlich verweigerte. Stattdessen ging sie mit dem ihr eigenen Humor Wenjetschka mit der Bitte an: „Komm, schreib doch einen Roman über mich!“ Worauf er zurückgab: „Nein, Nataschka, für einen Roman reicht es bei dir nicht, nur für eine Erzählung.“

Auf eben dieser Datscha feierten wir den Jahreswechsel 1973/1974. Es waren die unterschiedlichsten Leute da, Musiker vom Orchester des Bolschoj, studentische Apostaten und Walentina, Wenjetschkas Frau, die aus Petuschki gekommen war. Dieses Mal saß ich mit Wenjetschka etwas abseits und konnte viel und auf interessante Weise mit ihm sprechen. Worüber? Das weiß ich heute nicht mehr, aber er lud mich ein, am 7. Januar mit seinen Freunden Weihnachten zu feiern, wobei er versprach, es werde keinen „Rattenschwanz“ geben, nur seine Freund Murawjow, Awerenzew und noch jemand seien mit von der Partie. Dann stand Wenjetschka auf und verkündete mit lauter Stimme der ganzen Gesellschaft: „Von euch allen hat mir Walentina am besten gefallen.“ Das vergaß ich mein ganzes Leben nicht, Weihnachten aber feierte ich dann doch nicht mit Wenjetschka. Am 2. Januar begannen an der Universität Iwanowo meine Prüfungen, und das war mir damals wichtiger…

Schwer zu sagen, was einen hindern sollte, am 23. Juni in Meiningen den Zug von Moskau nach Petuschki zu besteigen, was wichtiger sein könnte, als Wenjetschka die Ehre zu geben und sich selbst sich um diesen Kunstgenuß zu bringen.

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