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Archive for 27. Mai 2017


„Aber der Hauptberuf des Menschen ist doch die Seele. Und der Ertrag – Freundschaft und Kameradschaft! Ist denn das keine Beschäftigung? Menschenskinder!“ Ob Andrej Platonow mit diesen Zeilen aus seinem Roman „Unterwegs nach Tschewengur“ die Profession des Lehrers im Sinn hatte, wissen wir nicht, doch er definierte damit, worauf es ankommt – und was vor allem einem Pädagogen wie Rudolf Schloßbauer gelungen ist, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Rudolf Schloßbauer und die Wladimirer Künstlerin, Natalia Britowa

Kaum auf die damals so kriegerisch-feinseligen Welt gekommen, verlor er den Vater in der Schlacht bei Stalingrad und schon wenig später auch die Heimat im Sudetenland. An der Hand der Mutter verschlug es Rudolf Schloßbauer nach Bubenreuth, wo er 22 Jahre bleiben sollte und wohin er bis heute eine innige Verbindung pflegt, bevor Erlangen und Nürnberg, Bamberg und Waischenfeld zu seiner endgültigen fränkischen Wahlheimat wurden.

Rudolf Schloßbauer und die Deutschlehrerinnen aus Wladimir

Der gelernte Lehrer hat in seiner Zeit als berufsmäßiger Schul- und Sportreferent und Stadtschulrat, später als Ehrenamtsbeauftragter sowie Co-Autor der Satzung und erfolgreicher Einwerber des Grundkapitals für die Bürgerstiftung viel Großes für das Gemeinwesen in Erlangen geleistet. Auszeichnungen wie die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Bürgermedaille der Stadt Erlangen würdigen das vielseitige Schaffen des Jubilars. Doch die Partnerschaft mit Wladimir betrieb der leidenschaftliche Pädagoge mit besonderer Hingabe und gibt damit bis heute als Kriegswaise und Vertriebener ein grandioses Beispiel für Versöhnung. In Rudolfs Schloßbauers Amtszeit fällt schon Anfang der 90er Jahre der Ausbau des Schüleraustausches mit Wladimir. Doch dies allein genügte ihm nicht. Aus seiner Zeit als Deutschdozent in China und der Mitautorenschaft an Sprachlehrbüchern bemerkte er früh, wie wichtig gerade für die Lehrkräfte aus der russischen Partnerstadt der unmittelbare Kontakt zum Gegenstand des Unterrichts ist. Erkannt, getan: Wann immer es Rudolf Schloßbauer möglich war, organisierte er hier wie dort Deutsch-Seminare für die russischen Kollegen, Veranstaltungen, die leider mit seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 2000 so nicht fortgesetzt wurden, obwohl von Wladimirer Seite immer wieder angeregt.

Rudolf Schloßbauer mit seinem Freund Alexander Nikolskij und seiner Frau Ingrid

Bei seinem Kernbereich ließ es Rudolf Schloßbauer freilich nicht bewenden. Begeistert für die russische Malerei und Musik freundete er sich mit Künstlern und Sängern aus Wladimir an, half tatkräftig bei der Vermittlung von Auftritten für den Kammerchor Raspew bei dessen erster Franken-Tournee 1996, wurde Mitglied des Fördervereins „Nadjeschda“ und unterstützte vor allem das Erlangen-Haus, zu dessen ersten Mietern er gehörte. Auf seine Anregung geht dort übrigens die Einrichtung einer Nachtwächterstelle zurück, denn er wies, selbst damals nicht ganz wohlauf, berechtigterweise darauf hin, was Gästen und dem Haus alles nachts passieren könnte, wenn niemand da wäre, um Hilfe zu leisten oder Alarm zu schlagen.

Ein schlechter Lehrer beschreibt, ein guter erklärt, ein ausgezeichneter zeigt und ein großer begeistert.

Wer sich so für Wladimir eingesetzt – als Lehrer, aber nie oberlehrerhaft! – und selbst neun Mal die Partnerstadt besucht hat, immer bepackt mit Unterrichtsmaterial, bleibt auch im Ruhestand jederzeit ansprechbar für die Belange des deutsch-russischen Austausches, gleich ob es um Organisatorisches geht oder um eine Zuwendung für eines der Projekte. Ehrensache deshalb auch für ihn, den Deutschlehrerinnen aus Wladimir im Vorjahr seine Erfahrungen mit der Methodik des Fremdsprachenunterrichts näherzubringen. Ein russisches Sprichwort sagt: „Verehre deine Lehrer wie deine Eltern.“ Rudolf Schloßbauer ist so ein Lehrer, der begeistern und prägen kann wie die Eltern, und er gehört zu den Eltern der Partnerschaft mit Wladimir. Wir verdanken ihm viel, und im Namen vieler dankt und gratuliert heute der Blog einem Menschen, der die Seele zu seinem Hauptberuf gemacht.

Zum Wirken von Rudolf Schloßbauer in der Partnerschaft mit Jena gibt es übrigens eine eigene Geschichte unter: https://is.gd/9vn7xv

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