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Archive for 24. April 2017


Es war keine Erholungsreise, die mich in der Karwoche nach Wladimir und Nischnij Nowgorod geführt hatte, eher die beeindruckende Wiederkehr in ein Land, das mir mit seinen Menschen tief verbunden bleibt. Dabei war es sicher ein Risiko, in meinem fortgeschrittenen Alter, mit 95 Jahren, noch eine so lange Fahrt anzutreten. Manche zweifelten sogar an meiner Vernunft, aber die Erwartung, viele meiner Freunde und vor allem meine alte Freundin Schanna aus Zeiten der Kriegsgefangenschaft wiederzusehen, und das Angebot, mich auf den Wegen zu stützen und zu unterstützen, wischte alle meine Bedenken hinweg. Allen Helfern und Helferinnen herzlichen Dank! Meinen Entschluß habe ich nicht bereut, es war die Reise meines Lebens!

Wolfgang Morell und das Landschaftsbild der Schüler bei der Buchvorstellung in Wladimir

Das Echo, das ich bei der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ aus der Feder von Peter Steger erhielt, und das gestickte russische Landschaftsbild, das mir eine kleine Schülergruppe überreichte, haben mich sehr berührt. das hat mir altem Mann gutgetan! Die große Anzahl der Besucher und ihre Aufmerksamkeit deuten auf ein ungewöhnliches Interesse an den Lebensverhältnissen der deutschen Kriegsgefangenen hin. Ich hatte den Eindruck, die Kriegszeit stecke den Russen noch tief „in den Knochen“, während sie bei uns als „abgehakt“ gilt… Dennoch, von feindlicher Haltung habe ich nichts gespürt, trotz der offiziellen Linie der Regierung. Einige entschiedene Äußerungen aus dem Publikum in dieser Richtung bestätigten das.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow, Schauspieler, Rose Ebding und Wolfgang Morell. Photo: Hans-Joachim Preuß

Eine kleine Episode: Mit einem befreundeten älteren Offizier stieg ich in einen Bus. Der Veteran zeigte dem Schaffner als Frontkämpfer seinen Ausweis, der ihm freie Fahrt gewährte. Der Schaffner nickt: „Frontkämpfer!“ – und mit Hinweis auf mich: „Und der?“ – Der Freund: „Auch Frontkämpfer“ –  Ich: „Aber auf der anderen Seite!“ Der Schaffner: „Ach, das spielt heute keine Rolle mehr.“ Ich hatte auch freie Fahrt.

Wolfgang Morell und Rose Ebding, hinter ihm rechts stehend, mit der Truppe in Nischnij Nowgorod. Photo: Hans-Joachim Preuß

Am beeindruckendsten – geradezu aufwühlend, war das Erleben des Theaterstückes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ nach Motiven des gleichnamigen Buchs von Peter Steger. Wer hat schon Gelegenheit, sich selbst in seiner Vergangenheit auf der Bühne zu sehen! In dramatischen Situationen oder solchen, die ans Herz gehen, von einem großartigen Team von Lehrerinnen und Schülern des Gymnasiums Nr. 1 in Nischnij Nowgorod auf die Bretter gezaubert. Bewundernswert die schauspielerische Leistung der Jugendlichen. Der Termin für die Premiere war mit Rücksicht auf den Terminplan unsere Delegation beträchtlich vorverlegt worden (russisch-deutsche Improvisation!).

Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa. Photo: Rose Ebding

Der Höhepunkt meiner Reise war das Treffen mit Schanna, die ich als siebzehnjähriges Mädchen kennengelernt hatte und nun als siebenundachtzigjährige Frau wieder in die Arme schließen konnte. Da sind auf beiden Seiten viele Tränen geflossen… Wir erinnerten uns wieder der gemeinsamen Stunden, in denen ich von ihr mit Akkordeon-Begleitung manches Volkslied, manche von Michail Glinka vertonte Romanze nach einem Text von Alexander Puschkin oder Michail Lermontow erlernte, um sie dann gemeinsam zu singen. Jetzt waren unsere Stimmen brüchig geworden… Einige Lieder kann ich noch heute auswendig.

Von einem Fernsehteam begleitet, suchte ich all die Orte auf, die wir damals besucht hatten. Für einen gemeinsamen Erinnerungsgang war Schanna jetzt aber leider zu schwach.

Wolfgang Morell mit dem Schauspielerpaar, das ihn und Schanna in jungen Jahren darstellt. Photo: Hans-Joachim Preuß

Allen, die am Zustandekommen und an der Durchführung dieser großartigen Reise beteiligt waren, sage ich herzlichen Dank, allen voran Peter Steger, dem guten Geist auf deutscher Seite und Witalij Gurinowitsch, seinem unermüdlichen und fachkundigen Gegenstück. Eine tiefgefühlte Dankbarkeit empfinde ich gegenüber Rose Ebding. Sie hatte die Idee zu dem Theaterstück, machte die Interviews mit den Erlebnisträgern und war die treibende Kraft bei der Verwirklichung. Ihr Gatte, Hans-Joachim Preuß, zeichnete in seinem Blog unter https://is.gd/N1OPff ein lebendiges Bild der Reise.

Wolfgang Morell

Die schönste deutsch-russische Liebesgeschichte kann man hier nachlesen: https://is.gd/3DVrjV

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