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Archive for 11. April 2017


Voller Vorfreude zeigte sich gestern vormittag Olga Dejewa beim Empfang für die Delegation ihres Kollegen Florian Janik auf die „unmittelbar bevorstehende Geburt“ des neuen Kindes der Städtepartnerschaft, das Gesprächsforum „Prisma“, durch das man sich in Zukunft Probleme und Fragen aus Politik und Gesellschaft ansehen will, die ebenso trennen wie verbinden können. Ganz wie man sie betrachtet, isoliert oder im Zusammenhang, aus dem Blickwinkel der Gemeinsamkeiten oder des Gegensatzes.

Florian Janik und Olga Dejewa mit dem Gastgeschenk, einer Schale aus der Werkstatt von Inge Howein

Wer die Partnerschaft kennt, weiß, in welche Richtung die Diskussion zwischen Erlangen und Wladimir – auch bei strittigen Themen – gehen wird, dennoch war auch in der Teilnehmer-Runde zu Beginn eine gewisse Spannung zu spüren, denn der gewählte Komplex „Migration“ erlaubt hier wie dort viele Deutungen, macht buchstäblich Stimmungen, birgt Potential für die Künder einfacher Lösungen, macht Schlagzeilen, hinter denen die notwendige Analyse oft verschwindet.

Das zu vermeiden, hier den Dialog walten zu lassen, nicht auf „Schlagworte zurückzugreifen und an der Oberfläche zu bleiben“, wie es Erlangens Oberbürgermeister formulierte, sondern sich durchaus auch selbstkritisch mit der Materie auseinanderzusetzen, soll Ziel der Diskussion sein. Mit der Betonung ausdrücklich auf Diskussion.

Florian Janik, Olga Dejewa und Wjtascheslaw Kartuchin

Der geschickt agierende Moderator und Leiter der gastgebenden Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, Wjatscheslaw Kartuchin, verstand es denn auch im Lauf der gut dreieinhalbstündigen Veranstaltung dem Austausch von Meinungen, dem Spiel von Fragen und Antworten den notwendigen Raum zu geben. Und er bewies Mut zur Improvisation, ließ dem freien Austausch seinen guten Lauf, griff nur immer wieder mit behutsamen Mahnungen ein, sich konkret zu fassen, die Uhr im Blick zu behalten.

Blick ins Plenum

Diesem freien Reglement opferte der Gastgeber sogar die beiden russischen Vorträge, nachdem die Präsentationen der Historikerin, Julia Obertreis, und des Flüchtlingsbeauftragten der Stadt Erlangen, Amil Sharifov, bereits mehr als genug Anregung zum Disput gegeben und Jutta Schnabel vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Bewältigung der Herausforderungen durch Migrationsfragen umrissen hatte. Auch der offizielle Teil blieb wohltuend kurz gehalten: die Begrüßung, die Unterzeichnung der Gründungsurkunde des Forums – und gleich in medias res.

Florian Janik und Olga Dejewa

Wie groß das Interesse an dieser Diskussionsplattform ist, zeigt die Berichterstattung der Medien. Keine TV-Anstalt, keine Redaktion, die nicht vertreten gewesen wäre, nicht Fragen danach gestellt hätte, wie man in Erlangen an die Migration herangeht. Zu wenig Informationen, das ist deutlich zu spüren, erhält man hier aus erster Hand, zu viel ist das Bild geformt von medialen Vereinfachungen.

Julia Obertreis

Da war es denn auch wichtig, einmal den Zusammenhang nicht schlicht, sondern im geschichtlichen Überblick herzustellen, also zu zeigen, wie Deutschland über die Jahrhunderte von Immigration profitierte – von Hugenotten über Russen während der Sowjetzeit und Spätaussiedler bis zu den Heimatvertriebenen nach dem Krieg und zu den Gastarbeitern -, aber auch welche Auswanderungswellen es gab, etwa in die USA oder auf Einladung von Zarin Katharina II ins Russische Reich. Mit allen Fehlern, die etwa bei der mangelhaften Integration von Arbeitsmigranten gemacht wurden, wie Erlangens Oberbürgermeister einräumte: „Aber jetzt wollen wir es besser machen mit dem Focus auf Sprache und Bildung.“

Jutta Schnabel

Die russischen Partner, prominent politisch vertreten durch Vizegouverneur, Michail Kolkow, hakt da immer wieder nach: Ob die Flüchtlinge aus den arabischen und schwarzafrikanischen Staaten nicht doch eher am sozialen Netz Deutschlands interessiert seien als an der Arbeitsaufnahme, wie es um die Kriminalität und um die Bereitschaft bestellt sei, sich zu integrieren. Dem setzten die Gäste entgegen, man sehe Migration grundsätzlich positiv, eine Separierung in Flüchtlinge und andere „Fremde“ schaffe nur eine allgemein schlechte Stimmung, spalte die Gesellschaft, die jetzt aufgerufen sei, ein interkulturelles Miteinander zu ermöglichen.

Michail Kolkow, Alexander Krutow, Nikolaj Schtschelkonogow, Olga Dejewa und Florian Janik

Dabei hilft die Migration – etwa aus der Ukraine – auch der Region Wladimir, wo derzeit 800 Ärztestellen unbesetzt bleiben. Immerhin 30 Mediziner aus dem Nachbarland füllen diese Lücke nun zumindest teilweise, und Julia Obertreis wies durchaus auch auf den Beitrag der Gastarbeiter aus den zentralasiatischen Republiken zum Wohlstand der Russischen Föderation hin.

Julian Hans, Florian Janik und Julia Obertreis

Mit dem Ergebnis dieses ersten Treffens zeigten sich am Nachmittag dann alle zufrieden, auch Julian Hans von der Süddeutschen Zeitung, der eigens aus Moskau angereist war, um durch das „Prisma“ der Partnerschaft zu blicken. „Gehaltvoller als so manche Begegnung auf höherer politischer Ebene“, kommentierte er lobend. Und schon am Abend war man sich einig, das Forum schon im Herbst in Erlangen erneut tagen zu lassen, voraussichtlich unter dem Thema „Teilhabe: die Rolle der Zivilgesellschaft in den Partnerstädten“. Ein guter Ausblick auf die Zukunft einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir.

Jurij und Ljubow Katz mit Florian Janik

Zu dieser Zusammenarbeit gehört seit Anfang der 90er Jahre die Selbsthilfeorganisation „Swet“, deren Gründern, dem Ehepaar Ljubow und Jurij Katz, Erlangens Oberbürgermeister als Symbol der Verbundenheit das Stadtwappen überreichte, gefertigt von einem Bewohner der Stadt-Mission Mensch aus Molfsee.

Begehung der Baustelle Pilgerzentrum mit Pfarrer Sergej Sujew

Zu dieser Zusammenarbeit gehört ebenfalls seit den frühen 90er Jahren die Verbindung mit der Rosenkranzgemeinde, deren Bauprojekt „Pilgerzentrum“ nun in die entscheidene Phase der Innengestaltung geht, bevor, wie Pfarrer Sergej Sujew meint, mit Hilfe unserer deutschen Freunde im nächsten Jahr die Einweihung stattfinden kann.

Amil Scharifow, Wladimir Rybkin und Wolfgang Niclas

Und zu dieser Zusammenarbeit gehört nun auch der Austausch zwischen den Gewerkschaften, wie Wolfgang Niclas und sein Kollege, Wladimir Rybkin, Vorsitzender des Regionalverbands der Russischen Maschinenbaugewerkschaft, bekunden. Aber auch die Fortsetzung der Verbindung des Erlangen Jugendparlaments zu Wladimir und vieles mehr, von dem demnächst hier noch die Rede sein wird, immer mit dem Blick durch das „Prisma“.

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