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Archive for April 2017


Noch ein Nachwort zum Besuch von Marina Krylowa und Margarita Makarowa, ärztliche Leiterin bzw. Oberschwester des Krankenhauses im Wladimirer Stadtteil Jurjewez, die am Freitag die Heimreise antraten. Einen Tag zuvor waren sie aber noch nach Jena gereist, um ihr Bild von der deutschen Palliativmedizin zu ergänzen. Warum sie so begeistert aus Thüringen zurückkamen, kann man nachlesen in dem Bericht von Norbert Hebestreit, leitender Pflegewissenschaftler am Universitätsklinikum Jena, der, sprachlich unterstützt durch Iwan Nisowzew, die Gäste durch die Stationen des Tages führte.

Besonders beeindruckt zeigten sich die Besucherinnen von dem gerade fertiggestellten zweiten Neubauabschnitt des UKJ, welcher noch in diesem Monat in Betrieb genommen wird. Kern der Visite jedoch war der fachliche Austausch mit Ärzten und Pflegenden der Abteilung Paliativmedizin in Verbindung mit einer Besichtigung der Zwölf-Betten-Station. Nach einem einführenden Gespräch mit Chefarzt Ulrich Wedding und der Leiterin der Palliativ-Care-Weiterbildung, Christiane Klimsch, wurden die Gäste durch das Palliativzentrum geführt. Die aus Spendenmitteln der Deutschen Krebshilfe und Zuschüssen des Freistaates Thüringen erbaute Einrichtung zeichnet sich durch eine besonders freundliche, wohnliche und lebensqualitätsunterstützende Atmosphäre aus. „Die Patienten sollen vergessen können, sich im Krankenhaus zu befinden“, so Christiane Klimsch. Über die stationäre Versorgung hinaus werden die Patienten auch im ambulanten Bereich betreut und unterstützt. „Unser Ziel ist es, unseren Patienten maximale Lebensqualität bis ans Lebensende zu ermöglichen – hierfür braucht es eine gute Zusammenarbeit im interprofessionellen Team“, so Ulrich Wedding.

Christiane Klimsch, Margarita Makarowa, Ulrich Wedding, Iwan Nisowzew und Marina Krylowa

„Für uns waren die Gespräche und die Besichtigung am Uniklinikum Jena eine sehr gelungene Ergänzung unseres Besuches. Wir sind dankbar für die Möglichkeit, gleich zwei universitäre Einrichtungen der Palliativversorgung gesehen zu haben“, bedanken sich die Ärztin und ihre Oberschwester aus Wladimir bei den Organisatoren des Ausflugs und sprechen zugleich den Wunsch der Fortführung gegenseitiger Hospitationen aus. Und auch die Gastgeber freuen sich. War doch dieser spontan verabredetet Besuch der russischen Kolleginnen ein weiterer Mosaikbaustein in der gerade beginnenden Zusammenarbeit der partnerschaftlich verbundenen Städte Wladimir und Jena auf dem Gebiet von Pflege und Medizin.

Norbert Hebestreit

P.S.: In der Süddeutschen Zeitung ist ein Artikel über das Experiment der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir erschienen – lesenswert unter: https://is.gd/L0nH6c

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Das Jahr hat gerade erst begonnen, aber schon in den ersten vier Monaten kamen jede Menge Jugendliche aus Wladimir nach Jena. Der Euro-Klub in der Partnerstadt setzt seine Tradition fort und bietet Schülern und Studenten landeskundliche Reisen durch Europa an. Im Januar und Februar besuchten in diesem Rahmen aus Wladimir mehr als einhundert junge Leute Jena. Der Zwischenhalt an der Saale per Reisebus gehört für jede Euro-Klub-Gruppe schon zum festen Programm – nicht nur mit einem Stadtrundgang in Begleitung der Freiwilligen vom Euro-Werkstatt Jena e.V., sondern auch mit einem Besuch der Jugendzentren und einer Diskussion mit Gleichaltrigen zu aktuellen Themen.

Iwan Nisowzew, Norbert Hebestreit, Anna Sjakina, Angelina Muchina und Galina SamarajewaEine große Rolle dabei spielen die Pädagogen und Mitarbeiter vom Wladimirer Euro-Klub sowie dessen Partnerorganisationen in Jena, die Euro-Werkstatt und die ÜAG Jena gGmbH.

Im Botanischen Garten Jena

Am Mittwoch ist wieder ein Wochenprogramm des berufsorientierten Jugendaustausches zwischen dem Euro-Klub mit Jelena Guskowa und der ÜAG mit Elke Kerber zu Ende gegangen. Begleitet wurde die russische Gruppe von zwei pädagogischen Mitarbeiterinnen des Klubs, Galina Samarajewa, Englischdozentin an der Universität Wladimir, und Anna Sjakina, stellvertretende pädagogische Leiterin der Schule Nr. 2 und Deutschlehrerin. Das Programm war übervoll mit täglich neuen Eindrücken! Unter anderem band man die russischen Jugendlichen aktiv in die journalistische Arbeit ein, viele zeichneten ihre Erlebnisse auf, so gut wie alle tauschten ihre Bilder mit Freunden im Netz aus. Die drei aktivsten Teilnehmerinnen drehten sogar einen kurzen kreativen Musikfilm, wo Rap in Eigenkomposition mit einem lustigen Text zu jedem Reiseteilnehmer zu hören ist. Wir werden das hoffentlich alles bald im Internet zu sehen bekommen! Da können die jungen Leute dann selbst von den Inhalten der Programme und ihren Eindrücken erzählen.

Begegnung

Parallel zu den Jugendbegegnungen hatten die Organisatoren Gelegenheit zu einigen ausgesprochen produktiven Gesprächen über Partnerschaftsprojekte. Besonders offen, positiv und fruchtbar dabei das abendliche Treffen zwischen Anna Sjakina und Angelina Muchina, Lehrerin für Russisch und Kultur aus der Schule „Kulturanum“ in Jena-Lobeda. Beide Fremdsprachenlehrerinnen hatten sich schon lange eine Partnerschule für den Austausch gewünscht. Iwan Nisowzew und Uljana Tschkalowa, eine europäische Freiwillige an der ÜAG Jena gGmbH, halfen, die beiden Frauen zusammenzubringen. Hinzu kamen noch Galina Samarajewa und Norbert Hebestreit, der im Februar Wladimir für sich entdeckt hatte, s. https://is.gd/Z3iyD1. Bleibt zu hoffen, daß diese neuen Bekanntschaften bald auch neue Früchte hervorbringen, neue Jugendbegegnungen, umsomehr als die Schule Nr. 2 aktiv am Programm des Euro-Klubs teilnimmt, der seinerseits viel Unterstützung bei der Durchführung internationaler Austauschmaßnahmen leisten kann. Auch seitens Jena fehlt es nicht an Erfahrung: Angelina Muchina, die ehemalige Direktorin des Instituts für Internationale Kommunikation, besuchte Wladimir bereits vor einigen Jahren, und drei ihrer Schülerinnen kamen gerade dieser Tage von der Mix-Tour, organisiert von der Euro-Werkstatt, aus der russischen Partnerstadt zurück. Da ist also viel am Start, man darf sich auf neue Projekte freuen.

Abschied mit Tränen

Und dann waren Galine Samarajewa und Iwan Nisowzew auch noch an der Friedrich-Schiller-Universität und besprachen mit Wladislawa Warditz vom Institut für Slawistik eine mögliche Zusammenarbeit mit der Universität Wladimir im Bereich Linguistik – mit einem Studentenaustausch von Slawistikstudenten. Möglich, daß es bereits im Juli junge Linguisten aus Jena mit dem Gegenbesuch der ÜAG Jena gGmbH nach Wladimir kommen. Möge es gelingen! Zwischen den beiden Hochschulen gibt es ja schon lange ein Abkommen über Zusammenarbeit, allerdings kam bisher noch kein regelmäßiger Austausch zustande. Eine gute Motivation dazu könnte nun der Jugendaustausch liefern. Viele gute Nachrichten aus Jena, die der Blog Iwan Nisowzew verdankt, während der Jugendaustausch nur dank der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (DRJA) in Hamburg, der Stadt Jena und der ÜAG Jena gGmbH finanziert werden kann.

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Eigentlich hat in der Russischen Föderation seit einigen Jahren jedermann das Recht auf palliative Versorgung. Aber so wie es da auch in ländlichen Gegenden der Bundesrepublik mancherorts noch Mängel gibt, fehlt es in der Region Wladimir noch an der ambulanten Palliativversorgung und einem Hospiz.

Margarita Makarowa, Marina Krylowa und Anette Christian

Nachdem Marina Krylowa, die ärztliche Direktorin, und Oberschwester, Margarita Makarowa, vom einzigen Wladimirer Krankenhaus mit einer fünfzehn Betten zählenden Palliativstation drei intensive Tage lang bei ihren Erlanger Kollegen am Universitätsklinikum hospitiert hatten, blieb noch Zeit, mit Stadträtin Anette Christian über die spezialisierte ambulante Palliativversorgung für Stadt und Landkreis zu sprechen. Etwas in der Art könnte man auch bald schon in Wladimir aufbauen, so Marina Krylowa, denn – nicht anders als hierzulande – die Pflege findet größtenteils zu Hause statt, wo es an fachkundiger Unterstützung fehlt.

Marina Krylowa, Susanne Lender-Cassens und Margarita Makarowa

Schwieriger werde es dann schon, wie die Besucherinnen bei einem Treffen mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens einräumen, mit dem Aufbau eines ehrenamtlichen Dienstes. Dafür seien die gesellschaftlichen Voraussetzungen noch nicht geschaffen. In diese Bresche springt ja das Wladimirer Rote Kreuz dank der Unterstützung des Erlanger Fördervereins mit seinem Programm „Häusliche Pflege“.

Ute Schirmer, Kristina Kapsjonkowa, Marina Krylowa und Margarita Makarowa

Tief beeindruckt waren die Gäste schließlich vom Besuch der Diakonie am Ohmplatz mit ihrem Hospiz. Begleitet von Ute Schirmer, dem Hospizverein von Beginn an eng verbunden, und Kristina Kapsjonkowa aus Wladimir, die derzeit eine Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde macht, konnten die beiden nicht nur die Einrichtung besichtigen, sondern auch viel über Struktur und Organisation erfahren. Genug jedenfalls, um sich sicher zu sein: „Wir brauchen auch in Wladimir ein Hospiz!“ Bis dahin wird es noch ein weiter Weg sein, aber schon im Juni will zu den Themen „Palliativmedizin und Hospiz“ eine Erlanger Delegation in die Partnerstadt reisen und die russischen Fachleute kollegial bei den nächsten Schritten begleiten. Übrigens unterstützt auch aus Jena, wo Marina Krylowa und Margarita Makarowa gestern die Palliativstation des Universitätsklinikums besuchten, bevor sie heute wieder den Heimweg antreten.

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Bürgermeisterin Elisabeth Preuß fand in ihrer gestrigen Rede zur Verleihung des „Ehrenbriefes der Stadt Erlangen für besondere Verdienste im Bereich der Jugendarbeit“ an Jutta Schnabel wieder einmal die richtigen Worte, als sie sagte, eine Laudatio, deren Dauer eher in Minuten denn in Stunden gemessen werde, biete nicht genug Raum für alles, was ausgesprochen werden sollte. Da blieb denn auch wirklich nur Zeit, auf die wichtigsten Stationen einer erstaunlichen Biographie hinzuweisen, die im vierzehnten Lebensjahr mit der Gründung des Bubenreuther Ministrantenrats in die Öffentlichkeit trat und sich bald darauf mit der eigenen Band „Los Cravalos“ Gehör verschaffte. Im weiteren darf der Blog – mit wenigen Auslassungen – direkt aus der Laudatio zitieren:

Seit 17 Jahren kann auch der BDKJ, der „Bund der Katholischen Jugend“ auf Jutta Schnabel zählen. Im Vorstand, im Schulungs- und Organisationsteam von Freizeiten, bei religiösen Projekten sowie der Vertretung des BDKJ im Stadtjugendring setzt sie Akzente. Jutta Schnabel sitzt für den BDKJ im Dekanatsvorstand  und kann so die Belange der kirchlichen Jugend auf höchster Ebene vertreten.

Gar nicht zu überschätzen ist Juttas Engagement für den Jugend-Austausch mit unserer russischen Partnerstadt Wladimir. Im Jahr 2000 war Jutta Schnabel dabei, als zum ersten Mal eine katholische Jugendbegegnung mit Wladimir stattfand. Sie knüpfte dort die Kontakte zur katholischen Rosenkranzgemeinde, die seitdem fester und fruchtbarere Bestandteil der Städtepartnerschaft sind. Der jetzige Pfarrer, Sergej Sujew, baut seit Jahren auf Jutta Schnabel. Er war übrigens erst vor kurzem aus einem sehr traurigen Grund in Erlangen, nämlich zur Beerdigung des viel zu früh verstorbenen Rolf Bernard, auch dieser ein Urgestein des Jugendaustausches mit Wladimir. Er hätte sich über Ihre Ehrung, liebe Frau Schnabel, riesig gefreut, sein Name darf in dieser Laudatio daher nicht fehlen.

Elisabeth Preuß, Jutta Schnabel und Susanne Lender-Cassens

Seit 2007 sind Sie beim Thema Wladimir nicht nur Teilnehmerin, sondern Organisatorin und ließen sich auch nicht durch einen unfreiwilligen Termin bei der Polizei in der Partnerstadt – mit stundenlanger Befragung wegen eines angeblichen Visum-Vergehens – entmutigen. Das Ende war eine  Sanktion durch die Ausländerbehörde, oder durch den Staatsschutz, für fünf Jahre wurde Frau Schnabel die Einreise in die Russische Föderation verboten. Siehe: https://is.gd/CFfOg6

Jutta Schnabel beim Erkennungsdienst 2010

Trotz dieser Hindernisse von staatlicher Seite blieb Frau Schnabel auch von Deutschland aus die treibende Kraft für den Jugendaustausch zwischen Erlangen und Wladimir. Sie baute ein ehrenamtliches Team auf, setzte neue Impulse, um die Begegnung weiter möglich zu machen. Ohne das Engagement von Frau Schnabel, soviel ist sicher, gäbe es diesen Austausch und die so enge Einbindung der Rosenkranzgemeinde nicht.

Udo Zettelmaier, Michael Kleiner, Jutta Schnabel, Rolf Bernard und Sergej Sujew, 2015

Michael Kleiner, Leiter des Referats Weltkirche im Erzbistum Bamberg, betonte erst kürzlich, die Begegnungen zwischen dem BDKJ, der Rosenkranzgemeinde und der Universität in Wladimir seien landesweit der einzige dauerhafte und regelmäßige Austausch dieser Art. Garant für diese Dauerhaftigkeit, das kommt jetzt nicht unerwartet, ist Jutta Schnabel.

Jutta Schnabel beim Gesprächsforum „Prisma“ in Wladimir, 2017

Wenn Jutta Schnabel dann auch noch im Vorstand des Vereines Nadjeschda aktiv ist, überrascht das schon kaum mehr. Dieser, vom unvergessenen Eltersdorfer Pfarrer Konrad Wegner gegründete Verein unterstützt Projekte in Wladimir, wobei sein Name, der auf Deutsch „Hoffnung“ heißt, Programm ist.

Jutta Schnabel auf dem Weg nach Wladimir zum Jugendleitertreffen 2017

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit Blick auf die weltpolitische Lage, auf die Wahlen in Frankreich und in Deutschland bringe ich das Engagement von Jutta Schnabel bei Amnesty International bewußt ganz zum Schluß. Der Einsatz für Menschenrechte, für Toleranz im aktiven Sinne, gegen Rassismus und Diskriminierung, für Vielfalt in unserer Stadt ist heute wichtiger denn je.

Jutta Schnabel 2011

Wenn eine Partei, deren Vorsitzende es befürwortet, an unseren Grenzen auf wehrlose Männer, Frauen und Kinder zu schießen, deren einziges Ziel Schutz und Sicherheit ist, möglicherweise in den Bundestag gewählt wird, dann ist die Unterstützung, die aktive Mitarbeit bei Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International elementar wichtig.

Jutta Schnabel trägt mit ihrem vielseitigen Engagement dazu bei, dass Menschen in Erlangen wie in Wladimir, aber auch an vielen anderen Städten unserer Welt die Hoffnung nicht verlieren.

Jutta Schnabel bei der Jugendbegegnung mit Wladimir 2016

Bleibt nur, Jutta Schnabel auch seitens der Blog-Redaktion herzlich zu gratulieren. Ihr Wirken füllt hier Spalte um Spalte und findet vor allem vielstimmigen Wiederhall in den Erfahrungen und Erlebnissen der ungezählten Jugendlichen, die mit und dank der Physikerin – ja, sie arbeitet auch noch an einer wissenschaftlichen Laufbahn! – das interkonfessionelle und ökumenische Verständigungswerk zwischen West und Ost gestalten. Danke, liebe Jutta! In Dir vereinen sich Glaube, Liebe und Hoffnung zu einer Energie, ohne die unserer Partnerschaft mit Wladimir eine Quelle fehlen würde, aus der wir alle immer wieder Kraft schöpfen dürfen.

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Nomen est omen


Es ist keine Besonderheit mancher russischer Eltern, ihre Kinder mittels der Namensgebung lebenslang zu zeichnen und zu strafen. Immer wieder gibt es auch hierzulande Streitfälle, wo die Standesämter sich weigern, den bisweilen arg abwegigen Vorstellungen zu folgen. Die Staatsduma in Moskau hat nun ein Gesetz erlassen, wonach es verboten ist Kindern Namen zu geben, die aus Ziffern, Zeichen, Symbolen, Flüchen, Schimpfwörtern, Titeln und Rängen bestehen und damit nach allgemeiner Einschätzung die Würde des Namensträgers verletzen.

Wie wollt ihr mich nennen?!

Anlaß zu dem Gesetz gab der Fall eines 2002 in Moskau geborenen Jungen, dem die Behörden die Ausstellung von Dokumenten verweigerten, weil ihn die Eltern БОЧ рВФ 260602 nennen wollte, das man entziffern kann als „Biologisches Objekt eines Menschen vom Geschlecht derer von Woronin-Frolow, geboren am 26.06.02“. Kurios fürwahr. Mehr zu dem Thema Vornamen unter: https://is.gd/VQeYgE

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In der Erzählung „Das Göttliche und das Menschliche“ von Lew Tolstoj schreibt ein zum Tode verurteilter Häftling an seine Mutter:

Den Tod fürchte ich nicht. Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, verstehe ich ihn nicht und glaube auch nicht an ihn. Denn falls der Tod wirklich die Vernichtung sein sollte, ist es dann nicht gleichgültig, ob man mit dreißig Jahren stirbt oder eine Minute früher oder später? Wenn es aber keinen Tod gibt, dann ist es völlig einerlei, ob man früher oder später stirbt.

Es sind diese ewigen Fragen, denen sich all jene stellen, die in der Palliativmedizin tätig sind und täglich entscheiden müssen, ob es ethisch geboten sei, alle ärztliche und technische Kunst aufzuwenden, um das Leben zu verlängern, oder ob man dem leidenden Menschen gerechter werde, wenn man, seinem Willen entsprechend, die letzte Phase vor dem Tod „nur“ noch lebenswerter macht. Fragen auch der unterschiedlichen Rechtsprechung, der kulturellen Verschiedenheiten, etwa im Umgang mit den Themen „Wahrheit“ und „Hoffnung“. Tobias Steigleder, Assistenzarzt und Koordinator für Lehre in der Palliativmedizin am Universitätsklinikum Erlangen, kennt diese andersartigen Ansätze: Patienten aus Mittel- und Westeuropa wollen in der Regel möglichst früh wissen, wie es wirklich um sie steht, während man im östlichen Kulturkreis oft wider besseres Wissen so handelt, wie es einem die Hoffnung eingibt, als wäre Heilung noch möglich. So sehr dies trennen mag, vereint weiß man sich im Bemühen um das Wohl des todkranken Menschen.

Christoph Ostgathe, Marina Krylowa, Margarita Makarowa und Tobias Steigleder

Auf Einladung von Professor Christoph Ostgathe, Leiter der Palliativmedizinischen Abteilung, hospitieren seit gestern Marina Krylowa, ärztliche Direktorin des Krankenhauses Jurjewez in Wladimir, und Margarita Makarowa, Oberschwester der dortigen Palliativabteilung, in Erlangen. Eine medizinische Premiere, denn bisher ist dieser Bereich zwischen den Partnerstädten nur seitens des Wladimirer Roten Kreuzes im Rahmen der Pflege abgedeckt worden. Nun soll endlich auch die ärztliche Seite zu ihrem Recht kommen, zumal die beiden Besucherinnen in Wladimir im Jahr 2013 Pionierarbeit mit der Einrichtung der ersten und bisher einzigen Palliativabteilung für fünfzehn Patienten geleistet haben.

Marina Krylowa und Margarita Makarowa

Es wird noch viel zu besprechen geben in dieser gemeinsamen Woche. Etwa die Notwendigkeit, auch in Wladimir ein Hospiz einzurichten und die häusliche Pflege auszubauen, denn bisher kann die Verweildauer auf der dortigen Palliativstation mangels Alternativen mehrere Wochen dauern, während die Patienten in Erlangen schon nach wenigen Tagen wieder entlassen werden, um zu Hause oder im Hospiz zu versterben, sollte keine Heilung mehr möglich sein. Im Bereich der Pflege will man viel voneinander lernen, freilich begrenzt vom unterschiedlichen rechtlichen Rahmen, wenn die russische Justiz etwa vorgibt, auch in medizinisch offensichtlich aussichtslosen Fällen und ggf. sogar gegen den Willen des Patienten noch Wiederbelebungsmaßnahmen einzuleiten, wie das etwa auch in Italien der Fall ist. Oder auf dem Feld der psychologischen und „spirituellen“ Betreuung, wo in Erlangen alles möglich ist, von der Seelsorge über Musik- und Kunsttherapie bis zum Einsatz von speziell trainierten Hunden. Man wird sich jedenfalls gemeinsam auf die Suche nach Antworten, der Wahrheit machen und Lew Tolstoj mit seinem harten Urteil nicht bestätigen: „Bei dem Deutschen ist das Selbstbewußtsein schlimmer, hartnäckiger und widerwärtiger als bei allen andern. Der Deutsche bildet sich ein, die Wahrheit zu kennen.“

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Es war keine Erholungsreise, die mich in der Karwoche nach Wladimir und Nischnij Nowgorod geführt hatte, eher die beeindruckende Wiederkehr in ein Land, das mir mit seinen Menschen tief verbunden bleibt. Dabei war es sicher ein Risiko, in meinem fortgeschrittenen Alter, mit 95 Jahren, noch eine so lange Fahrt anzutreten. Manche zweifelten sogar an meiner Vernunft, aber die Erwartung, viele meiner Freunde und vor allem meine alte Freundin Schanna aus Zeiten der Kriegsgefangenschaft wiederzusehen, und das Angebot, mich auf den Wegen zu stützen und zu unterstützen, wischte alle meine Bedenken hinweg. Allen Helfern und Helferinnen herzlichen Dank! Meinen Entschluß habe ich nicht bereut, es war die Reise meines Lebens!

Wolfgang Morell und das Landschaftsbild der Schüler bei der Buchvorstellung in Wladimir

Das Echo, das ich bei der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ aus der Feder von Peter Steger erhielt, und das gestickte russische Landschaftsbild, das mir eine kleine Schülergruppe überreichte, haben mich sehr berührt. das hat mir altem Mann gutgetan! Die große Anzahl der Besucher und ihre Aufmerksamkeit deuten auf ein ungewöhnliches Interesse an den Lebensverhältnissen der deutschen Kriegsgefangenen hin. Ich hatte den Eindruck, die Kriegszeit stecke den Russen noch tief „in den Knochen“, während sie bei uns als „abgehakt“ gilt… Dennoch, von feindlicher Haltung habe ich nichts gespürt, trotz der offiziellen Linie der Regierung. Einige entschiedene Äußerungen aus dem Publikum in dieser Richtung bestätigten das.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow, Schauspieler, Rose Ebding und Wolfgang Morell. Photo: Hans-Joachim Preuß

Eine kleine Episode: Mit einem befreundeten älteren Offizier stieg ich in einen Bus. Der Veteran zeigte dem Schaffner als Frontkämpfer seinen Ausweis, der ihm freie Fahrt gewährte. Der Schaffner nickt: „Frontkämpfer!“ – und mit Hinweis auf mich: „Und der?“ – Der Freund: „Auch Frontkämpfer“ –  Ich: „Aber auf der anderen Seite!“ Der Schaffner: „Ach, das spielt heute keine Rolle mehr.“ Ich hatte auch freie Fahrt.

Wolfgang Morell und Rose Ebding, hinter ihm rechts stehend, mit der Truppe in Nischnij Nowgorod. Photo: Hans-Joachim Preuß

Am beeindruckendsten – geradezu aufwühlend, war das Erleben des Theaterstückes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ nach Motiven des gleichnamigen Buchs von Peter Steger. Wer hat schon Gelegenheit, sich selbst in seiner Vergangenheit auf der Bühne zu sehen! In dramatischen Situationen oder solchen, die ans Herz gehen, von einem großartigen Team von Lehrerinnen und Schülern des Gymnasiums Nr. 1 in Nischnij Nowgorod auf die Bretter gezaubert. Bewundernswert die schauspielerische Leistung der Jugendlichen. Der Termin für die Premiere war mit Rücksicht auf den Terminplan unsere Delegation beträchtlich vorverlegt worden (russisch-deutsche Improvisation!).

Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa. Photo: Rose Ebding

Der Höhepunkt meiner Reise war das Treffen mit Schanna, die ich als siebzehnjähriges Mädchen kennengelernt hatte und nun als siebenundachtzigjährige Frau wieder in die Arme schließen konnte. Da sind auf beiden Seiten viele Tränen geflossen… Wir erinnerten uns wieder der gemeinsamen Stunden, in denen ich von ihr mit Akkordeon-Begleitung manches Volkslied, manche von Michail Glinka vertonte Romanze nach einem Text von Alexander Puschkin oder Michail Lermontow erlernte, um sie dann gemeinsam zu singen. Jetzt waren unsere Stimmen brüchig geworden… Einige Lieder kann ich noch heute auswendig.

Von einem Fernsehteam begleitet, suchte ich all die Orte auf, die wir damals besucht hatten. Für einen gemeinsamen Erinnerungsgang war Schanna jetzt aber leider zu schwach.

Wolfgang Morell mit dem Schauspielerpaar, das ihn und Schanna in jungen Jahren darstellt. Photo: Hans-Joachim Preuß

Allen, die am Zustandekommen und an der Durchführung dieser großartigen Reise beteiligt waren, sage ich herzlichen Dank, allen voran Peter Steger, dem guten Geist auf deutscher Seite und Witalij Gurinowitsch, seinem unermüdlichen und fachkundigen Gegenstück. Eine tiefgefühlte Dankbarkeit empfinde ich gegenüber Rose Ebding. Sie hatte die Idee zu dem Theaterstück, machte die Interviews mit den Erlebnisträgern und war die treibende Kraft bei der Verwirklichung. Ihr Gatte, Hans-Joachim Preuß, zeichnete in seinem Blog unter https://is.gd/N1OPff ein lebendiges Bild der Reise.

Wolfgang Morell

Die schönste deutsch-russische Liebesgeschichte kann man hier nachlesen: https://is.gd/3DVrjV

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