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Archive for 23. März 2017


Die Zeitschrift „Ogonjok“ berichtet von einem Geschehnis, das an die biblische Brotvermehrung erinnert. Ort der Handlung ist Strunino, eine Kleinstadt östlich von Alexandrow gelegen, dort, wo das Gouvernement Wladimir an die Region Moskau grenzt. Als Held der Geschichte tritt Mamud Schawerschjan auf, ein Armenier, der einen kleinen Lebensmittelladen betreibt und nebenher auch noch Brot bäckt. Der Stoff gemahnt freilich an eine griechische Tragödie, weshalb es auch noch eines Chores bedarf, bestehend aus etwa 200 Einheimischen, zumeist älteren Menschen mit eher bescheidenen Bedürfnissen, die in dem Laden regelmäßig kostenlos einen Laib Brot erhalten. Den Kaukasier nämlich dauern die Leute, die beim Einkauf buchstäblich jede Kopeke zählen und sich oft nur einen Viertellaib leisten können. Also kam er auf den Gedanken, Gutscheine auszugeben, die gegen das Grundnahrungsmittel einzutauschen sind.

Mamud Schawerschjan

Als hätte der Wohltäter den Beweis für die Allgemeingültigkeit des Sprichworts „Undank ist der Welten Lohn“ erbringen wollen, sieht er sich nun Vorwürfen der Art ausgesetzt, er und seine Angestellten seien nichts als Dahergelaufene, die das „was Putin gebe“ den Armen wegnehme, um einen kleinen Teil davon dann wieder zu verteilen:

Der Präsident hat angeordnet, Bedürftigen, Rentnern und Behinderten Hilfe zu leisten. Und das geschieht auch. Aber diese listigen Händler halten sich dabei auch schadlos! Die kommen dahergelaufen nach Rußland und lassen sich auf unsere Kosten durchfüttern!

So zitiert der Artikel einen erzürnten Rentner mit einem Gutschein in der Hand, auf dem steht: „Lebensmittelgeschäft Jerik, Gutschein zur Ausgabe eines Laibes Weißbrot und eines halben Laibes Schwarzbrot. März“. Eine offenbar typische Reaktion auf die freiwillige Hilfsaktion mit zehn Gutscheinen pro Monat und Person. Viele glauben wohl noch immer, es handle sich um ein staatliches oder kommunales Förderprogramm, an dem der Händler mitverdiene. Tatsächlich aber ist es ein Mensch, nämlich besagter Mamud Schawerschjan, der vor 25 Jahren in die Region Wladimir kam und nun Monat für Monat fast 2.000 Laibe Weißbrot und ungefähr 1.000 Laibe Schwarzbrot auf eigene Rechnung ausgibt.

Der für sein gutes Werk geschmähte Armenier beruft sich bei seinem Handeln aber auf seinen Großvater, der beim Sturm auf Berlin dabei war und später immer sagte: „Wenn du jeden Tag jemandem hilfst, ergibt das 365 gute Taten im Jahr.“ In deren Genuß, angekündigt in der Lokalzeitung, kamen zunächst nur einzelne Rentner, doch mit der Zeit wurden es immer mehr, es kamen kinderreiche Familien hinzu und Behinderte, wobei niemand die tatsächliche Bedürftigkeit überprüft, alles reine Vertrauenssache ist.

Damit nicht genug: Für Gottes Lohn beliefert werden auch der Kindergarten und die Kirchengemeinde mit Brot und Gebäck, und in Armenien unterstützt der Geschäftsmann bis heute die Schule, in die er einst selbst gegangen ist. „Ich brauche genau das“, bekennt er gegenüber dem Blatt. „Ich möchte einfach, daß die Leute um mich herum sich einigermaßen sattessen können.“ Was ihm nicht immer im Guten vergolten wird. Immer wieder muß er sich Klagen anhören, wenn jemand nicht zum Zuge kommt, wenn die Lieferung zu spät eintrifft. Schon mehrere Beschwerden gingen bei der örtlichen Staatsanwaltschaft ein – und sogar bei der Präsidialverwaltung in Moskau. Auch rassistische Beschimpfungen sind zu hören… Den wunderbaren Brotvermehrer ficht das freilich nicht an, er hält derartige Reaktionen für normal bei Leuten, denen noch nie jemand aus freien Stücken geholfen habe und die daher auch nicht an das Gute im Menschen glauben. Auch seine Frau habe ihn einmal gefragt „Mamud, warum vertust du Zeit und Geld, wo dich die Leute doch nur verfluchen für dein Brot?“ Doch dann wurde sei eines Tages Zeugin, wie ein alter Herr in den Laden kam und ihrem Mann die Hand küssen wollte. Da kamen ihr die Tränen, und sie bat: „Mamud, nimm, mir zuliebe, noch 50 Leute in deine Liste für die Gutscheine auf…“

Da kommt einem ein Witz in den Sinn, den der unvergessene Percy Gurwitz gerne erzählte:

Mosche kommt zu Jakob und sagt ihm: „Du, der Schmul beschimpft dich bei jeder Gelegenheit.“ Jakob nimmt sein Notizbuch zur Hand, blättert darin eine Weile und schüttelt dann den Kopf. „Da liegt sicher eine Verwechslung vor. Dein Schmul kann unmöglich mich meinen, denn ich habe hier nicht vermerkt, ihm jemals etwas Gutes getan zu haben.“

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