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Archive for 22. März 2017


Sprache dient ja bisweilen nur zur bloßen Verständigung, sondern auch zur Verkleidung von Gedanken. Da liegt es doch nahe, zur Faschingszeit zum Kostümfest ins Sprachlernzentrum Erlangen-Haus einzuladen, wo die deutschen Feste gefeiert werden, wie sie fallen.

Heute deshalb ein bunter Rückblick auf die tollen Tage im Februar mit Eindrücken aus der Gruppe der Dozentin Tatjana Kirssanowa, die bei jeder Sitzung eines deutschen Karnevalsvereins als Funkenmariechen fungieren könnte und alle Chancen hätte, zu einer fränkischen Faschingsprinzessin gewählt zu werden.

Ganz dem Motto verbunden „blog docet et delectat“ sei hier aber auch auf Michail Bachtin verwiesen, der den Begriff des „Karnevalesken“ in die Literaturwissenschaft eingeführt hat.

Die Theorien des achtzigjährig 1975 in Moskau verstorbenen Kunsttheoretikers wirken bis heute weltweit in Forschung und Lehre nach und finden sich in diesem Skript der Universität Erfurt lesenswert zusammengestellt: https://is.gd/wXr8kX

Erstaunlich, wie es dem Gelehrten gelungen ist, sein komplexes Gedankengebäude just in der Zeit, in den 20er und 30er Jahren, zu errichten, als er auf Geheiß des „Großen Lehrers und Vaters aller Völker“ als Verbannter in Kasachstan lebte.

Jedenfalls hatte der Alleinherrscher über das Sowjetreich die subversive Kraft der Theorien eines Denkers erkannt und gefürchtet, der in der Dichtung das Moment der Dialoghaftigkeit erkannte, die für Vielfalt in Ausdruck und Meinung und damit im Gegensatz zu einem doktrinären und hierarchischen Weltbild steht, wie es jeder Diktatur eigen ist.

Die Vielstimmigkeit in ihrer individuellen Ausprägung – bis hin zu Dialektformen – verstand Michail Bachtin als das Ferment der Dichtung in Opposition zum uniformen Monolog, wie man ihn ja bis heute aus dem vielsagenden Mund der geschlossenen Reihen von populistischen Potentaten dieser noch immer so verführbaren Welt bis zum Überdruß kennt.

Kein Wunder deshalb, daß alle undemokratischen Systeme nichts unversucht lassen, um das Element des Karnevalesken mit seiner just durch die Maske unverkleideten und unverstellten Provokation gegenüber jeder Machtstruktur zu unterdrücken oder für die eigenen Zwecke zu nutzen, wie derzeit exemplarisch und leider wenig amüsant auf der Weltbühne zu beobachten.

Bei diesen Umzügen spielt dann sogar zumindest ein Teil des jeweiligen Volkes mit. Im Vorspann zum Roman „Moskau 2042“ des einst im Münchner Exil lebenden Satirikers Wladimir Woinowitsch finden sich dazu Sätze, die zeitlos klingen:

Von welchem Volk sprichst du eigentlich? Und überhaupt, was ist eigentlich das Volk? Worin besteht der Unterschied – falls es einen gibt – zwischen Volk, Bevölkerung, Gesellschaft, Pöbel, Nation und Masse? Wie soll man die Millionen Menschen nennen, die begeistert hinter ihren übergeschnappten Führern herlaufen, mit ihren Portraits in der Hand und ihren schwachsinnigen Sprüchen auf den Lippen? Wenn du aber meinst, daß nur die Besten unter diesen Millionen das Volk bilden, dann mußt du zugeben, daß das Volk nur aus einigen wenigen Menschen besteht. Wenn aber das Volk die Mehrheit ist, dann muß ich dir leider sagen, daß das Volk dümmer ist als ein Einzelner. Es ist viel leichter, ein ganzes Volk für eine idiotische Idee zu begeistern als einen Einzelnen.

Es lebe deshalb die närrische Zeit, wo alle ein Einzelner sein dürfen, so, wie sie sein wollen, so, wie sie sein könnten – und wo sich, frei nach Karl Valentin, wie bei jeder Wissenschaft und bei jedem menschlichen Beginnen am Schluß herausstellt, daß alles ganz anders war.

Vielleicht aber sollte man sich auch einfach nur in Ruhe die Bilder ansehen und auch den Spaß nicht so ernst nehmen. Nach der je eigenen Fa­çon eben.

 

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